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Europa

Mit eigener Schrift in die Zukunft: Krimtatarisch

Junge Menschen auf der Halbinsel Krim lernen die Sprache ihrer Großeltern. Sie wollen ihre Kultur und Identität bewahren - auch wenn sie dafür erneut die Schulbank drücken müssen.

Blick auf den Leuchtturm an der Küste (Foto: RIA Novosti)

Auf der Krim wird hauptsächlich auf Russisch unterrichtet - noch

Ein Hinterhof im Zentrum von Simferopol, der Hauptstadt der Krim: Im Vereinshaus der krimtatarischen Jugendorganisation "Bizim Kirim", auf Deutsch: "Unsere Krim", haben sich vier junge Frauen versammelt. Alle sind Krimtatarinnen.

Mehr Türkisch als Tatarisch

Junge Frauen sitzen auf Stühlen in einem Klassenzimmer (Foto: Clemens Hoffmann)

Auf der Krim lernen junge Leute wieder die Sprache der Großeltern

Sprachfetzen und Gelächter dringen durch die angelehnte Tür. Es klingt Türkisch, wenn Lehrerin Delara Achmetowa mit ihren Schülerinnen spricht. Denn das Krimtatarische ist mit der türkischen Sprache enger verwandt als mit dem Tatarischen.

Zweimal in der Woche lernen die Frauen nach Feierabend freiwillig Grammatik und Vokabeln. Die 24-jährige PR-Managerin Liana ist Anfang der 1990er-Jahre mit ihren Eltern aus Usbekistan auf die Krim, eine Halbinsel im Schwarzen Meer, zurückgekehrt. In ihrer Familie wird die Turksprache zwar noch gesprochen, aber im Alltag wird auf der Krim überall Russisch gesprochen. Zwar sind inzwischen fast 20 Prozent der Bevölkerung auf der Halbinsel Krimtataren, doch es fehlen Schulen, die auf Krimtatarisch unterrichten.

Ein langer Weg zur eigenen Schrift

Eine junge Frau steht an einer Tafel (Foto: Clemens Hoffmann)

Nach der Arbeit lernen die jungen Frauen Krimtatarisch

Auch Liana musste eine russische Schule besuchen. "Ich finde es schade, dass heute die meisten unserer Jugendlichen ihre Sprache nicht mehr kennen und ihre Nationalität verlieren", sagt sie. Die 24-jährige Journalistin Leila muss an der Tafel einen Satz übersetzen: "Morgen fährt mein Onkel nach Deutschland."

Hinter der Tafel hängt eine Tabelle mit dem krimtatarischen Alphabet: Die Buchstaben sind in lateinischer Schrift. In früheren Jahrhunderten schrieben die Krimtataren arabische Schriftzeichen. 1928 wurde dann das türkische Alphabet eingeführt, doch zehn Jahre später mussten die Krimtataren auf Druck Stalins zur kyrillischen Schrift wechseln. Erst vor einigen Jahren entwickelten türkische und krimtatarische Studenten der Universität Istanbul eine eigene Schrift.

Auf der Suche nach Anerkennung

Blick von oben auf einen Küstenstreifen am Meer (Foto: RIA Novosti)

Die Krim liegt im nördlichen Schwarzen Meer

Es sei zwar nicht immer einfach, sich nach der Arbeit noch zum Lernen zu motivieren, aber Leila ist froh über den Sprachkurs. "Meine Eltern haben mir soviel mitgegeben, wie sie konnten. Aber in der Schule habe ich vieles wieder verlernt. Wir müssen eine Beziehung zu unserer Sprache aufbauen", erklärt sie.

Lehrerin Delara Achmetowa, die ehrenamtlich hier arbeitet, ist nur ein paar Jahre älter als ihre Schülerinnen. Sie schreibt gerade ihre Doktorarbeit über krimtatarische Literatur. Das Unterrichtsmaterial hat sie mit anderen Freiwilligen selbst geschrieben, denn noch fehlen gute Lehrbücher. Ohne die eigene Sprache erwarte sein Volk die traurige Perspektive der Assimilation, meint Abdulraman Egiz, Präsident von "Bizim Kirim". Er wünscht sich, dass Krimtatarisch auf der Halbinsel eines Tages als offizielle Amtssprache anerkannt wird: "Wir wollen der Krim ihre Stimme zurückgeben."

Ein optimistischer Blick in die Zukunft

Ein junger Mann im Anzug (Foto: Clemens Hoffmann)

Abdulraman Egiz engagiert sich für seine Sprache

Das Bekenntnis zum Krimtatarischen bedeutet für Egiz nicht, die anderen Kulturen auf der Krim abzulehnen: "Ich bin mir sicher, wir können mit den russischsprachigen und ukrainischen Krimbewohnern ein Auskommen finden. Wir wollen einander verstehen und respektieren und gemeinsam eine neue Krim aufbauen." Liana ergänzt: "Ich möchte Krimtatarisch eines Tages an meine Kinder weitergeben. Damit unsere Kultur sich nicht verliert, damit unser Volk nicht verloren geht."


Autor: Clemens Hoffmann
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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