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Fokus Osteuropa

"Der Lew-Kopelew-Preis ist etwas Besonderes"

Die Nowaja Gaseta hat den Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte erhalten. Ihn nahm der Chefredakteur der Zeitung, Dmitrij Muratow, am 21.11.2010 in Köln entgegen. Im DW-Interview bewertet er die Auszeichnung.

Portrait von Dmitrij Muratow (Foto: dpa)

Chefredakteur Dmitrij Muratow

Deutsche Welle: Die Nowaja Gaseta tritt konsequent für die Einhaltung der Menschenrechte, die Schaffung eines unabhängigen Justizwesens und die Stärkung der Zivilgesellschaft in Russland ein, so das Lew Kopelew Forum. Welche Bedeutung hat der Preis für Ihre Zeitung?

Eine Titelseite der Nowaja Gaseta

Die Nowaja Gaseta gilt als Kreml-kritisch

Dmitrij Muratow: Wir haben weltweit natürlich schon viele Auszeichnungen bekommen, aber der Lew-Kopelew-Preis ist etwas Besonderes, da er an einen herausragenden Intellektuellen erinnert. Dessen Ansehen wird nun teilweise auch an uns übertragen. Und was ist für Medien das Wichtigste? Eben Ansehen, was wiederum Vertrauen schafft.

Ihre Zeitung wurde für mutigen Journalismus ausgezeichnet. Warum gibt es in Russland heute so wenig davon?

Dem ist nicht so. Wir haben zwar den Preis bekommen, aber auch die Zeitung Wedomosti recherchiert tiefgründig, es gibt hervorragende Publikationen bei Kommerssant, es gibt die Zeitschrift The New Times von Jewgenija Albaz und Irena Lesnewskaja, den Radiosender Echo Moskwy und es entstehen auch neue UKW-Stationen. Diese Entwicklung ist unumkehrbar. Natürlich weiß ich, dass diese Zeitungen und Sender wenig verbreitet sind, weil es ja in Russland sehr gefährlich ist, über vier Dinge zu schreiben: Korruption, Sicherheitsdienste, Neonazis und die Ereignisse im Nordkaukasus. Journalisten stehen vor der Wahl: Verantwortung für die eigene Familie oder für den Leser.

Hat sich nach dem Überfall auf den Journalisten Oleg Kaschin das Verhältnis zwischen Journalisten und Staatsführung verändert?

Unmittelbar nach diesem Ereignis haben sich im Auftrag des Präsidenten, der drei Mal sein Mitgefühl zum Ausdruck gebracht hatte, der Minister für Kommunikation Schegolew und der stellvertretende Leiter der Präsidentenadministration Gromow mit Chefredakteuren von Zeitungen getroffen. Daraufhin wurden die Ermittlungen wegen versuchten Mordes an Michail Beketow, dem Chefredakteur der Chimkinskaja Prawda, wieder aufgenommen, die im August eingestellt worden waren. Auch wird im Mordfall des Journalisten der Nowaja Gaseta Igor Domnikow wieder ermittelt. Die Gruppe von Ermittlern, die sich nun mit dem versuchten Mord an Kaschin befasst, ist sehr professionell.

Präsident Medwedew hat 2009 der Nowaja Gaseta ein Interview gegeben. Hat sich das Verhalten der Staatsführung Ihnen gegenüber verändert?

Wenn der Präsident des Landes einer Zeitung ein Interview gibt, dann sollte die Zeitung nicht so tun, als wäre es ihr egal und als würde der Präsident dies jeden Tag tun. Natürlich sind wir über das Interview froh. Wir sind auch froh, dass wir nach einiger Zeit ein Interview mit Barack Obama hatten. Wir hoffen auch auf Interviews mit weiteren Staatsoberhäuptern. Wenn Sie mich fragen, ob ich Präsident Medwedew für das Interview dankbar bin, dann möchte ich in erster Linie sagen, dass er bei der Gelegenheit den Angehörigen der ermordeten Journalistin Anastasia Baburowa und des ermordeten Menschenrechtsanwalts Stanislaw Markelow sein Mitgefühl zum Ausdruck gebracht hatte. Und das war ein richtiger menschlicher Schritt.

Vor kurzem wurde berichtet, die Nowaja Gaseta könnte von der Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor geschlossen werden, aufgrund einer Verwarnung. Besteht diese Gefahr?

Ein Mann legt Blumen an einem Portrait von Anna Politkowskaja nieder (Foto: dpa)

Kritik an Ermittlungen im Mordfall Anna Politkowskaja

Wir hatten über russische Neonazi-Organisationen berichtet und aus ihren Programmen zitiert, die im Internet offen zugänglich sind. Dafür wurden wir von Roskomnadsor verwarnt. Aber wie kann man über Neonazis schreiben, wenn man nicht deutlich macht, was deren Programm ist? Wir wissen noch nicht, wie diese Sache ausgeht. Jedenfalls ist es Idiotie, der Nowaja Gaseta vorzuwerfen, ethnischen Zwist zu schüren.

Seit der Ermordung von Anna Politkowskaja, die auch für die Nowaja Gaseta tätig war, sind vier Jahre vergangen. Wie bewerten Sie die Ermittlungen in diesem Fall?

Wir können mit dem Verlauf der Ermittlungen nicht zufrieden sein, weil die Sache im Moskauer Bezirksgericht faktisch gescheitert ist. Den mutmaßlichen Mörder hat jemanden aus dem Land fliehen lassen. Andererseits legen die Ermittler ein neues, normales Verhalten an den Tag. Aus New York waren Vertreter des Committee to Protect Journalists (CPJ) zu Besuch. Ermittlungsleiter Bastrykin empfing sie und informierte sie über diesen Fall so weit es ging.

Das Gespräch führte Viacheslav Yurin / Markian Ostaptschuk
Redaktion: Fabian Schmidt

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