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Politik

Der General und die Mullahs

Die Kämpfe um die Rote Moschee werfen ein Schlaglicht auf die Situation in Pakistan, wo der militante Islam an Einfluss gewinnt. In Präsident Musharraf sehen viele Beobachter nicht mehr die Lösung, sondern das Problem.

Mit Knüppeln bewaffnete Koranschülerinnen vor der Roten Moschee, Quelle: AP

Mit Knüppeln bewaffnete Koranschülerinnen vor der Roten Moschee

Ein Tag in Pakistan: In Islamabad ging der Kampf zwischen Koranschülern und Armee um die Rote Moschee am Freitag (6.7.) weiter. In Rawalpindi wurde erneut ein Attentat auf Präsident Pervez Musharraf verübt, diesmal wurde sein Flugzeug beschossen. Und in der Nordwest-Grenzprovinz starben vier Soldaten bei einem Selbstmordanschlag auf einen Armee-Jeep.

Sicherheitskräfte nehmen nach dem Anschlag auf die Präsidentenmaschine Maschinenegewehr und Flugabwehrkanone der Attentäter in Augenschein, Quelle: AP

Sicherheitskräfte nehmen nach dem Anschlag auf die Präsidentenmaschine Maschinenegewehr und Flugabwehrkanone der Attentäter in Augenschein

Die extremistische Gewalt nimmt in Pakistan stetig zu: Im vergangenen Jahr fielen 1471 Menschen Anschlägen zum Opfer - mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Immer wieder sorgen zudem religiöse Parteien mit wütenden Massenprotesten - zuletzt gegen den Ritterschlag von Salman Rushdie - für spektakuläre Bilder. Die Regierung der Atommacht, so scheint es, ist von Fundamentalisten belagert; eine islamistische Machtübernahme wird in Washington als realistisches Szenario betrachtet. Auch vor diesem Hintergrund gilt der einst als Putschgeneral geächtete Präsident Musharraf als wichtiger Verbündeter im "Kampf gegen den Terror".

Feuerschutz für Taliban

Die Probleme mit dem militanten Islam hat die pakistanische Führung indessen zum großen Teil selbst geschaffen: In den 1980er Jahren unterstützte die damalige Militärregierung zusammen mit den USA Gruppen, die in Afghanistan gegen die sowjetische Armee kämpfen sollten. Viele der rund 9000 Koranschulen im Land entstanden in dieser Zeit, um Kämpfer heranzuziehen - das Wort Taliban bedeutet nichts anderes als "Schüler". Bis heute rekrutieren bewaffnete Gruppen ganz offen für die Taliban und die separatistischen Rebellen im indischen Teil Kaschmirs.

Islamistische Kämpfer beim Training nahe der afghanischen Grenze (2001), Quelle: AP

Islamistische Kämpfer beim Training nahe der afghanischen Grenze (Archivbild)


Auf massiven Druck der USA ging Musharraf in den vergangenen Jahren gegen die El-Kaida-Strukturen im Land vor, unter anderem wurde der mutmaßliche Chefplaner der Anschläge vom 11. September 2001 verhaftet. Die Kaschmir-Rebellen und die Taliban wurden dagegen geschont und zum Teil sogar unterstützt. So verweist Robert Templer, Direktor des Asien-Programms der International Crisis Group in Washington, auf Fälle, in denen pakistanische Soldaten Taliban-Kämpfern beim Überqueren der Grenze Feuerschutz gaben. In der vom Militär beherrschten Stadt Quetta im afghanischen Grenzgebiet können sich Führungskader der Taliban unbehelligt bewegen.

Gegner im Rücken

Im Denken von Pakistans Militärplanern spielt Afghanistan eine zentrale Rolle: Herrsche in dem westlich gelegenen Land eine freundlich Regierung, so die Theorie, gewinne das schmale Pakistan bei einem Konflikt mit dem östlichen Nachbarn Indien "strategische Tiefe". Doch statt eines Rückzugsraumes hat Pakistan derzeit einen Gegner im Rücken: Die Kabuler Regierung wird von Pakistans Generälen als pro-indisch betrachtet. Auf das Taliban-Regime übte Islamabad dagegen großen Einfluss aus.

Nur ein kleiner Teil der Koranschulen bildet Kämpfer aus, Quelle: AP

Nur ein kleiner Teil der Koranschulen bildet Kämpfer aus


Umstritten ist, inwieweit die Regierung überhaupt in der Lage wäre, gegen die bewaffneten Fundamentalisten vorzugehen, die jahrzehntelang eng mit Armee und Geheimdienst verbunden waren. "Die Regierung könnte dies sehr wohl", sagt der indische Terrorismus-Experte B. Rahman. Die Anschläge auf Musharraf sieht er keineswegs als Mahnung, vorsichtig vorzugehen. "Natürlich besteht immer eine Gefahr", sagt Raman. "Indien hat zwei Premierminister verloren, weil sie gegen terroristische Gruppen vorgegangen sind. Aber eine politische Führung muss trotzdem handeln."

Dietrich Reetz, Pakistan-Experte an der Berliner Humboldt-Universität, verweist dagegen auf das empfindliche Wechselverhältnis zwischen Extremisten und Regierung. So habe der erhöhte Druck auf militante Gruppen im Grenzgebiet dazu geführt, dass sich die dortigen Paschtunen-Stämme in ihrer Autonomie bedroht fühlten - mit der Folge, dass Anschläge auf Armee und Regierungsvertreter zugenommen hätten.

Bündnis mit religiösen Parteien

Pervez Musharraf, Quelle: AP

Pervez Musharraf


Doch die Macht, die Regierung zu stürzen, haben die radikalen Islamisten keineswegs: In der 60-jährigen Geschichte des Landes haben religiöse Parteien bei Wahlen nie mehr als zwölf Prozent der Stimmen erhalten - die überwiegende Mehrheit der Pakistaner kann mit fundamentalistischen Ideen nichts anfangen. 70 Prozent der Bevölkerung leben in den Provinzen Sindh und Punjab, wo ein moderater Islam vorherrscht. In der Armee - dem alles entscheidenden Machtfaktor - liegt der Anteil der Sindhis und Punjabis sogar bei 84 Prozent.

Viele Beobachter sehen in Musharraf nicht die Lösung, sondern das Problem: Innenpolitisch verbündete er sich mit islamistischen Parteien, um die beiden größten, säkularen Parteien zu marginalisieren. Außenpolitisch betrachtet er die Radikalen noch immer als nützliches Instrument gegen Neu Delhi und Kabul.

Tiefpunkt der Popularität

Das sei auch vielen in der amerikanischen Führung klar, sagt Robert Templer von der Crisis Group. Von Beratern des Präsidenten sei in Gesprächen aber immer wieder zu hören, dass Bush keine Diskussion über mögliche Alternativen zu Musharraf, den er als "Kumpel" bezeichnet, erlaube.

Doch angesichts des Tiefpunkts, den Musharrafs Popularität in der Bevölkerung erreicht hat, scheint langsam ein Umdenken einzusetzen. Der Präsident, der sich seit Monaten Protesten einer selten einigen Opposition gegenübersieht, würde sich gerne noch vor der Parlamentswahl im Herbst von den Abgeordneten für weitere fünf Jahre zum Präsidenten wählen lassen - ein Vorgehen, das Musharrafs Präsidentschaft endgültig die Legitimation nehmen würde. Daher schalteten sich nun selbst die USA ein und erklärten öffentlich, dass erst das neue Parlament über den Präsidenten entscheiden solle. Die Wahlchancen des Generals würden damit deutlich sinken.

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