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Wissen & Umwelt

David Bowie: Futurist und Internet-Pionier

David Bowie ist für seinen immer neuen Musikstil und seinen innovativen Umgang mit der Kunst bekannt. Häufig wird vergessen, dass Bowie auch einer der Ersten war, der das Potenzial des Internets erkannte.

Ist es respektlos einem Toten gegenüber, wenn ich zugebe, dass ich nie ein sonderlich großer Bowie-Fan war? Ich habe es wieder und wieder versucht, aber seine Musik hat mich nie wirklich berührt.

Vielleicht hat das auch an dieser einen Sache gelegen, für die er am häufigsten geehrt wurde: Er hat sich immer wieder neu erfunden - und das hat mir das Gefühl gegeben, dass die Kunst in seiner Musik die eigentliche Seele überragt hat.

Aber es ist genau diese Art von Innovation, die mich auch denken lässt, dass Bowie wohl einer der größten Futuristen auf diesem Planeten war.

Viele mögen es vergessen haben, doch Bowie war auch ein Internet-Pionier. Um genau zu sein: Er war sogar Anbieter von Internetdiensten.

Für immer Futurist

Im Jahr 1998 startete er als Arbeiterjunge aus dem Londoner Süden das "BowieNet" (

davidbowie.com

) - zuerst in Nordamerika, dann im Rest der Welt.

Es ermöglichte damals allen Kunden eine schnelle Internetverbindung, einen Email-Service, einen Bowie-Browser, eine Community für den Austausch von Ideen, die Möglichkeit, individuelle Homepages zu bauen und den Zugang zu unveröffentlichten musikalischen Neuerscheinungen.

Dies war der erste - von einem Künstler geschaffene - Internetdienst - und womöglich der erste Schritt Richtung Social Media. Der Ausnahmekünstler Bowie war seiner Zeit immer weit voraus. Denn - und das darf man nicht vergessen - dachten die meisten Musiker damals noch, das Internet bedeute ihren künstlerischen und finanziellen Tod.

Nicht so Bowie. Er war auch immer ein kluger Geschäftsmann. Er wollte die Kontrolle über seine Kreativität behalten, indem er sich die Zukunft zu eigen machte. BowieNet war nicht sein erster digitaler Streifzug: Schon 1996 hatte er seine Single "Telling Lies" exklusiv erst online veröffentlicht.

Mit 300.000 Downloads stand er damals auf einer Stufe mit der Blütezeit der Vinylschallplatte. Er hat auch schon früh mit CD-Roms herumexperimentiert, indem er dazu aufrief, dass Fans ihre eigenen Videos zum Song "Jump They Say" produzieren sollten.

Das Internet ist "chaotisch und nihilistisch"

Bowie wurde im Jahr 2000 von dem britischen Journalisten Jeremy Paxman interviewt. Paxman hat den Ruf, Grenzen zu überwinden - und dennoch konnte er Bowie nicht das Wasser reichen.

An einer Stelle sagte Bowie zu dem skeptischen Moderator: "Das Internet ist subversiv, vielleicht rebellisch, chaotisch und nihilistisch. Paxman schien verunsichert, schaut ihn ungläubig an, während Bowie weitermachte. "Ja, genauso ist es - vergessen sie Microsoft. Die Monopole haben gar kein Monopol. Ich begrüße die Idee, dass zwischen dem Künstler und den Fans ein Prozess der Entmystifizierung vonstatten gehf. Alles läuft über die Community und die Zuhörer werden immer wichtiger."

Und damit hatte Bowie den Beginn der sozialen Medien vorausgesagt und fügte hinzu, dass "der Kontext und der Zustand von Inhalten" sich radikal verändern würde. Bowie sah die Zukunft - unsere Gegenwart - von Streaming-Diensten für Musik und Video bereits zu einer Zeit als die meisten anderen Musiker im Internet noch die Verkörperung des Teufels darin sahen.

Man muss sich mal überlegen: Zwei Jahre nachdem Bowie seinen Dienst BowiNet gestartet hatte, zog die Band Metallica gegen die Musiktauschbörse Napster vor Gericht. Sie kämpften gegen den Verstoß von Urheberrechten und die unrechtmäßige Nutzung digitaler Dateien. Das hat viel bewegt. Wie bei vielen Visionären, war Bowies Ton eher gemäßigt als missionarisch. "Ich glaube, das Potenzial dessen, was das Internet Gutes und auch Schlechtes in der Gesellschaft anrichten wird, ist unvorstellbar", so Bowie zu Paxman.

Neben seinem Internet-Provider,

der 1999 für den WIRED Award for Best Entertainment nominiert wurde

, startete Bowie noch vor dem Anbruch des neuen Jahrtausends ein Internetradio.

2001 brachte er sein Album "Reality" heraus. Es wurde in Kinos auf der ganzen Welt live und interaktiv präsentiert - ein bis dato noch nie dagewesener Einsatz von Digitaltechnik.

Außerirdisches Wesen

Musikalisch war er vielleicht schon über seinen Höhepunkt hinaus - dennoch spielte Bowie immer noch den verrückten Vorreiter für jüngere Musiker wie etwa "Future Sound of London" und "Coldcut", die mit ähnlichen Technologien herumexperimentierten. Dazu gehörten interaktive Musik-Software, und Konzerte, die zwischen London und New York mit ISDN übertragen wurden. 1997 versuchte Bowie ein Konzert via Internet auszustrahlen - "einen Cybercast" - aber die Bandbreite ließ es nicht zu.

Bowies Neigung zu Zukunftstechnologien machte ihn auch zum Banker. So gab er Anleihen heraus - Bowie Bonds - mit denen er seine Projekte finanzierte. Damit wurde er sozusagen sein eigener Risikokapitalgeber, um mit Wiederverkauf und Reinvestitionen seiner eigenen Person genügend Geld für die nächste Internet-Firma zu sammeln.

"Das ist aber doch nur ein Werkzeug, oder?" fragte Paxman noch einmal nach, der Bowie seine Vision vom Internet noch immer nicht abkaufte.

"Nein", lachte Bowie. "Es ist ein außerirdisches Wesen."

Und wer - wenn nicht Bowie - könnte das wohl wissen.

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