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Politik

Dauerbeschuss und Psychoterror

Nach den Angriffen der israelischen Armee hat sich die humanitäre Lage im Gazastreifen deutlich verschlechtert. Nicht nur Strom, Wasser und Lebensmittel fehlen, auch die psychische Belastung steigt mit jedem Tag.

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Die kleine Stadt Beit Hanoun im nördlichen Gazastreifen kommt nicht zur Ruhe

Die EU-Kommission hat vor einer deutlichen Verschlechterung der humanitären Lage im Gazastreifen in Folge der Angriffe der israelischen Armee gewarnt. Insbesondere der Ausfall der Stromversorgung für etwa 600.000 Menschen durch die Zerstörung von sechs Transformatoren im Kraftwerk Nuseirat sei sehr ernst, sagte der in Brüssel für die humanitäre Hilfe zuständige EU-Kommissar Louis Michel am Donnerstag (29.6.). Um den Menschen zu helfen, müsse für ein Mindestmaß an Sicherheit und Zugang für Hilfsorganisationen gesorgt werden.

Israel Armee vor Gaza

Die israelische Armee rückt auf den Gazastreifen vor

Beit Hanoun ist eine kleine Stadt im nördlichen Gazastreifen. Sie liegt ganz nah an der Grenze zu Israel. So nah, dass militante Palästinenser gerne von hier aus ihre Kassam-Raketen auf Israel abfeuern. Nun stehen die israelischen Truppen vor der Tür. Den ganzen Tag über beschießen sie den Ort und seine Umgebung mit Granaten. Der Lärm ist weithin zu hören. In den Straßen von Beit Hanoun aber ist es ruhig. Es gibt kaum noch Benzin, darum sieht man nicht mehr viele Autos. Es gibt auch keinen Strom mehr, seit die Israelis das Elekritizitätswerk von Gaza in Brand geschossen haben.

"Die ganze Komödie wegen eines Soldaten!"

In der kleinen Einkaufsstraße des Ortes warten die Gemüsehändler vergeblich auf Kunden. "Heute waren nur zwei Kunden da. Denn die Leute haben kein Geld mehr", berichtet die Marktfrau Um Muhammad, die zusammen mit ihrer Mutter hinter einem Stand Tomaten und Zucchini verkauft. Ein Kilo Tomaten kostet nur anderthalb Shekel, das sind etwa 25 Euro-Cent, doch selbst dafür haben die Menschen kein Geld mehr. Die beiden Frauen hoffen wie die meisten Menschen im Gazastreifen, dass der verschleppte israelische Soldat, den die Israelis mit ihrer Militäraktion befreien wollen, gegen palästinensische Gefangene ausgetauscht wird.

Israel Soldat Gilad Shalit

In Beit Hanoun hoffen die Meisten, dass der verschleppte israelische Soldat Gilad Shalit gegen palästinensische Gefangene ausgetauscht wird

"Sie sollen ihn festhalten und nicht zeigen, wo er ist! Sie sollen ihn so lange festhalten, bis alle unsere Gefangenen frei gelassen werden", rufen sie und ernten damit den Beifall der Umstehenden. Eine der beiden Frauen fügt hinzu: "Die machen diese ganze Komödie hier wegen eines Soldaten! Mein Sohn ist seit vier Jahren im Gefängnis. Ich kann ihn kaum sehen. Und wenn ich ihn sehe, dann nur hinter Glas und in Handschellen."

"Es wird hier nicht mehr sein wie 1948"

Wie viele hier fragen sich Mutter und Tochter, wo die Vereinten Nationen sind, wo die internationale Staatengemeinschaft. "Wir gehen hier nicht raus", sagen sie. "Davon können die Israelis nur träumen." Die israelische Armee hat Flugblätter über Beit Hanoun und der Nachbargemeinde Beit Lahya abgeworfen, in denen die Einwohner aufgefordert werden, ihre Häuser zu verlassen. Bürgermeister Mohammad Nazek El Kafarna von der Hamas ist empört: "Das ist doch unrealistisch. Die meisten Menschen hier haben nicht einmal genug Geld, um sich Essen zu kaufen. Wo sollen sie denn hingehen? Sollen sie sich Häuser mieten? Selbst wenn sie wollten, ginge das nicht. Außerdem sind die Leute gläubig und überzeugt davon, dass sie ihr Land nicht verlassen dürfen, weil sie sonst vielleicht nicht mehr zurück dürfen."

Israel Panzer an der Grenze zu Gaza

Mit schwerem Geschütz geht die israelische Armee gegen die Palästinenser vor

In der Tat denken die Menschen in Beit Hanoun überhaupt nicht daran, ihre Sachen zu packen. Das israelische Radio hatte kürzlich gemeldet, Hunderte von Einwohnern Beit Hanouns seien bereits auf der Flucht. Der 35-jährige Taxifahrer und Familienvater Raed kann darüber nur lachen: "Das war eine ganz idiotische Idee von den Israelis. Ich weiß gar nicht, was die sich denken?! Es wird hier nicht mehr sein wie 1948, dass die Palästinenser ihre Häuser verlassen". Er hat der israelischen Führung nur eines zu sagen: "Sie sollen nicht denken, dass wir warten, bis sie uns attackieren. Wir werden uns vorbereiten!"

"Man kann nicht einfach unter die Bettdecke kriechen"

Raed hat sechs Kinder. Sie haben jetzt Ferien und sind den ganzen Tag zuhause. Die Jüngste ist erst zweieinhalb Jahre alt. Sie fürchtet sich vor dem näher rückenden Feuer der Granaten, vor den Kampfflugzeugen, die im Tiefflug über den Gazastreifen donnern, vor den Hubschraubern, die mit ihrer todbringenden Fracht an Bord über den belebten Straßen kreisen. "Gott sei Dank sind meine Kinder ganz normal und haben natürlich Angst, so wie die Kinder in Deutschland oder Amerika oder Israel auch Angst haben würden vor Schüssen und Überschallknallen und solchen Dingen", sagt Raed. "Gestern Abend hat meine jüngste Tochter so viel Angst gehabt, wie ich es noch nie gesehen habe, weil es soviel Beschuss gab."

Zum Sterben zuviel

Es fehlt nicht nur an Geld in Gaza. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln, Wasser und Strom ist akut gefährdet

Was die Menschen im Gazastreifen am meisten quält, ist der Lärm. Sie leiden vor allem unter den lauten explosionsartigen Geräuschen, die durch Kampfflugzeuge ausgelöst werden, die die Schallmauer durchbrechen. Sie kommen ohne jede Ankündigung, manchmal viele Male hintereinander, dann wieder vereinzelt und wie aus heiterem Himmel. Man kann sich auf den nervtötenden Lärm nicht vorbereiten. Man kann sich nicht die Ohre zuhalten und nicht schutzsuchend unter die Bettdecke kriechen. Die Luft wird von einem so gewaltigen Krachen erschüttert, dass man meint, es hebe die ganze Welt aus den Angeln. Besonders die Kinder leiden unter diesen Lärmangriffen.

Viele Menschen haben weder Strom noch fließendes Wasser, sind auch zu arm, um Vorräte anzulegen, für den Fall, dass die israelischen Truppen kommen. Oder sie sind einfach nur pragmatisch, so wie Raed: "Ich habe nur wenig gekauft, für ein paar Tage, denn ich weiß ja gar nicht, ob ich lange genug lebe, um alles zu essen."

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