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Kultur

Das Museum der Unschuld

Orhan Pamuk ist der bekannteste Schriftsteller der Türkei. 2006 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, als erster Türke überhaupt. Nun hat er seiner Heimatstadt ein ganz besonderes Museum geschenkt.

Deutsche Welle: Herr Pamuk, Sie haben als Schriftsteller ein Museum eröffnet. Waren Sie vor der Eröffnung nervös?

Orhan Pamuk in seinem Museum (Foto: Museum der Unschuld)

Orhan Pamuk in seinem Museum

Orhan Pamuk: Und wie! Ich hatte am Anfang wahnsinnige Zweifel und ziemlich viele schlaflose Nächte. Was, wenn es schief geht? Aber genau darum geht es ja in der Kunst wie in der Literatur. Dass man Risiken eingeht, sich etwas Neues traut.

2008 haben Sie den Roman "Museum der Unschuld" veröffentlicht. Was war zuerst da – die Idee zum Buch oder zum Museum?

Beide Konzepte haben sich parallel entwickelt. Es war nicht so, dass ich ein erfolgreiches Buch geschrieben habe und dann dachte, jetzt sollte ich auch ein Museum daraus machen. Als meine Tochter noch klein war, habe ich sie jeden Tag zur Schule gebracht und kam immer an diesem Eckhaus vorbei. Plötzlich hatte ich die absurde Idee, darin eine fiktive Geschichte zu erzählen. Also kaufte ich das Haus und fing an zu schreiben.

Cover des Buches 'Museum der Unschuld'

Das Buch zur Sammlung

Museum wie Buch lassen das Istanbul der 1970-er Jahre wieder aufleben. Es ist die Geschichte eines reichen Fabrikantensohnes, der sich in eine arme Verkäuferin verliebt. Um ihr nahe zu sein, sammelt er all die Dinge, die sie berühren – vom Teeglas bis zur Haarspange. Die kann man jetzt in Ihrem Museum sehen. Woher stammen diese Dinge?

Diese Sammlung ist über Jahre gewachsen. Vieles habe ich auf Trödelmärkten gefunden, zum Beispiel die alten Istanbul-Postkarten. Einige vergilbte Schwarzweiß-Fotografien stammen von Freunden oder aus meiner eigenen Familie. Ich habe mich von diesen Alltagsgegenständen zum Schreiben inspirieren und sie Stück für Stück in meinen Roman einfließen lassen.

Das heißt, Sie teilen die Sammelleidenschaft Ihres Protagonisten Kemal?

Eigentlich nicht. Ich habe zwar einen Hang zum Sammeln und verbringe oft Stunden in Antiquitätenläden, aber ich bin kein wirklicher Sammler. Ich habe zum Beispiel etwa 16.000 Bücher, die ich fast alle gelesen habe. Ein Sammler hätte 20.000 Bücher und hätte kein einziges aufgeschlagen. Es geht ihm eher um das Besitzen, das Kompensieren von etwas. Genau wie bei Kemal. Er sammelt diese Dinge, um seine Liebe festzuhalten. Das hat etwas Obsessives.

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Warum Alltagsgegenstände?

Ich liebe diese profane Magie, die in ihnen steckt und die man erst auf den zweiten Blick entdeckt. Denken Sie nur an eine alte Kinokarte, die man nach Jahren zufällig in der Jackentasche wieder findet. Plötzlich erinnert man sich nicht nur an den Film, sondern auch an die Gerüche im Kino und die Atmosphäre des Abends. Diese Dinge rufen Erinnerungen in uns wach, erzählen ganze Geschichten.

Immer wieder sieht man in den Museumsvitrinen Zeitungsartikel, zum Beispiel über die zunehmende Macht des Militärs oder die aufkommenden Studentenproteste in der Türkei. Wie wichtig war ihnen dieser politische Aspekt?

Ich mag es, wenn in meinen Büchern die Politik wie eine Folie durch die Geschichte hindurch leuchtet und sich nicht in den Vordergrund drängt. Aber natürlich kann man diesen Aspekt in der Türkei nicht weglassen. Mein Land ist einerseits geprägt durch islamische Werte und die eigene Tradition, und gleichzeitig gibt es diese große Sehnsucht nach dem Westen. Genau diese Gegensätze machen die Türkei aus – bis heute.

Kritisieren Sie diese Zerrissenheit?

Nein, ich maße mir kein moralisches Urteil an. Ich beobachte nur und halte fest. Diese Widersprüchlichkeit sieht man besonders in den oberen Gesellschaftsschichten der Türkei. Auf der einen Seite schmücken sie sich mit westlichen Statussymbolen, geben sich modern, und auf der anderen Seite verehren sie ihre ruhmvollen Sultane aus der Osmanischen Zeit. Diese Widersprüchlichkeit finde ich als Schriftsteller faszinierend.

Sie wurden 2005 wegen politischer Äußerungen zum Armenienkonflikt angeklagt. Wie hat sich seitdem Ihr Verhältnis zur Türkei verändert?

Natürlich gab es diesen immensen politischen Druck auf mich. Ich habe damals eine Gastprofessur in den USA übernommen, kam immer seltener in die Türkei. Und wenn, dann hatte ich Personenschutz. Das war nicht sehr angenehm. Ich merkte gleichzeitig aber auch, wie sehr ich an dieser Museumsidee hänge. Ich wollte einen Ort der Erinnerung schaffen – für mich und meine Heimatstadt Istanbul.

Das "Museum der Unschuld" ist auch eine Liebeserklärung an Ihre Heimatstadt. Wohl niemand beschreibt die Melancholie dieser Stadt so genau wie Sie. Warum?

Weil ich hier geboren und aufgewachsen bin. Ich muss immer schmunzeln, wenn mich westliche Medien als "Istanbul-Literaten" bezeichnen. Dabei schreibe ich doch nur über das, was mich ein Leben lang umgeben hat und was ich am besten kenne. Und das ist eben Istanbul.