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Das fatale Erbe von Sarajevo

Frank Hofmann 28. Juni 2014

100 Jahre nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger werden in Sarajevo nicht nur Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg wach. Serbische Nationalisten nutzen die Feierlichkeiten für ihre Zwecke.

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Princip-Gedenktafel - 100 Jahre Attentat von Sarajewo
Gedenktafel in Sarajevo für den Attentäter vom 28. Juni 1914, Gavrilo Princip. Für viele Serben ist er bis heute ein Held.Bild: DW

"Ich hoffe, ich muss nicht weinen, wenn ich in der Vijecnica singe", sagt Zeljka Katavic. Die Chorsängerin des bosnischen Nationaltheaters von Sarajevo wird am Abend des 28. Juni gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern auftreten – in dem imposanten neomaurischen Gebäude aus der Zeit, als Bosnien noch zu Österreich-Ungarn gehörte. Es ist das gemeinsame Gedenken an den 100. Jahrestag des Attentats von Sarajevo - das Ereignis, das nicht nur Serbien und Österreich zu Feinden werden ließ, sondern zum Auslöser des Ersten Weltkriegs wurde.

Die Vijecnica steht auch für einen andere Geschichte: Zu Beginn des Bosnienkrieges 1992 zerbombten die serbischen Belagerer vom gegenüber liegenden Trebevic-Hügel das Gebäude, zu diesem Zeitpunkt Nationalbibliothek von Bosnien und Herzegowina. Bücher und Schriften aller Religionen und Kulturen, die über die Jahrhunderte im Vielvölkerstaat Bosnien-Herzegowina gelebt haben, wurden zerstört: Werke aus osmanischer Zeit, Lateinisches, serbische Bücher. Ein multikultureller Schatz. Im August 1992 war es damit fast ganz vorbei: Nachbarn und Bibliothekare versuchten unter Einsatz ihres Lebens zu retten, was irgendwie zu retten war – unter ständigem Beschuss. Es war der Angriff auf ein Symbol des friedlichen, multiethnischen Zusammenlebens im Vielvölkerstaat der Bosniaken, Kroaten und Serben.

Aufnahme von Sarajevo während des Balkan-Kriegs 1992 (Foto: Manoocher/AFP/Getty Images)
Sarajevo im August 1992: Eine Stadt im KriegBild: Manoocher/AFP/Getty Images

Die Bilder des zerstörten Gebäudes gingen um die Welt

Mitten im Krieg in der eingekesselten Stadt Sarajevo spielten immer wieder Musiker in dem ausgebombten Gebäude. Diese grotesken Szenen des Krieges, das Gebäude mit seinen vom Feuer schwarz-gerußten Fenster-Löchern, gingen um die Welt.

Historische Aufnahme: Das österreichische Thronfolgerpaar wenige Augenblicke vor dem tödlichen Attentat 1914 in Sarajevo
Das österreichische Thronfolgerpaar wenige Augenblicke vor dem AttentatBild: picture-alliance/dpa

Jetzt wird die Vijecnica wieder eröffnet. 19 Jahre nach Ende des Bosnienkrieges, renoviert mit vielen Millionen Euro aus mehreren EU-Staaten und aus Brüssel: Als ein europäisches Symbol.

Vijecnica heißt Rathaus. Und als solches hat die österreichisch-ungarische Donau-Monarchie das Gebäude 1896 eingeweiht. Ein Prunkbau, der Ende des 19. Jahrhunderts den Machtanspruch der Habsburger Monarchie im damals besetzten Bosnien unterstreichen sollte. 1908 wurde Bosnien schließlich ganz von Österreich-Ungarn einverleibt. Sechs Jahre später besuchte der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand die Hauptstadt Sarajevo. Am 28. Juni vor 100 Jahren waren die Stufen der Vijecnica die letzten, die der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand betrat, bevor er ein paar Meter weiter im Auto gemeinsam mit seiner Frau Sophie erschossen wurde. Schüsse, auf die der Erste Weltkrieg folgte.

Für die einen Mörder, für die anderen Held

So verwoben kann Geschichte auf dem Balkan sein: In Sarajevo wird an das Attentat als blutrünstiger Mord des jungen serbischen Nationalisten Gavrilo Princip erinnert. Die Politiker im serbischen Teil Bosniens, der "Republika Srpska" hingegen feiern den Attentäter als Held, der gegen die österreichisch-ungarische Unterdrückung kämpfte. Zum 100-jährigen Gedenken haben sie deshalb eine Gegenveranstaltung organisiert: In Visegrad, im serbisch dominierten Teil Bosniens. Dort wird das vom serbischen Filmemacher Emir Kusturica gebaute Dorf Andricgrad eröffnet – sein Ideal eines Mini-Serbien. Und im serbischen Ost-Sarajevo hat Bürgermeister Ljubisa Cosic ein drei Meter hohes Denkmal Gavrilo Princips in Auftrag gegeben. "Es ist wichtig, dass wir eine Verbindung zu unserer Geschichte hier haben", sagt der Politiker der Regierungspartei im serbischen Landesteil Bosniens, dessen Präsident Milorad Dodik den Gesamtstaat regelmäßig ablehnt und zuletzt wieder mit einem Referendum zur Abspaltung in vier Jahren gedroht hat.

Serbien: Kurioser Kult

Bislang ohne Erfolg, die EU und die internationalen Repräsentanten in Sarajevo lehnen das regelmäßig ab. Jetzt haben die Europäer wohl auch Dodiks letzten Plan vereitelt: Der bosnische Serbenführer wollte eine Kopie des Princip-Denkmals in Auftrag geben, als Geschenk für das serbische Mutterland. Dort, im Kalemegdan-Park der Hauptstadt Belgrad sollte die Princip-Kopie vor dem serbischen Kriegerdenkmal zur Erinnerung an den Sieg über Österreich-Ungarn aufgestellt werden. Doch Serbiens Ministerpräsident Aleksandar Vucic hat hinter den Kulissen das Projekt vorerst offenbar kassiert. Der vom serbischen Nationalisten zum Pro-Europäer gewandelte Vucic will Serbien mit aller Macht in die EU führen.

Emir Kusturica beim Kustendorf Internationales Film- und Music Festival 2014 (Foto: EPA/DRAGAN KARADAREVIC)
Der Filmemacher Emir Kosturica hat mit dem Dorf Andricgrad eine Art serbisches Disneyland gebautBild: picture-alliance/dpa

Gavrilo Princip? "Ein Nelson Mandela"

Den Nationalismus in Serbien befeuern andere: In der serbischen Akademie der Wissenschaften gibt der Weltkriegs-Historiker Dusan Batakovic den Takt vor. Der Attentäter Princip – auch für ihn ein Symbol der Freiheit: "Es ist schrecklich, jemanden als Terroristen zu bezeichnen, der für die Freiheit gegen die koloniale Herrschaft gekämpft hat. Ich sage, Gavrilo Princip war ein Nelson Mandela, der vielleicht falsche Mittel benutzt hat – aber das war legitim zu Beginn des frühen 20. Jahrhunderts." Mehr noch: Mit dem Konzert der Wiener Philharmoniker in Sarajevo wolle Österreich von seiner Schuld am Ersten Weltkrieg ablenken. Und auch die Regierung in Berlin kritisiert Batakovic: "Man weiß ja, dass es für Deutschland mit seiner Schuld an zwei Weltkriegen nicht das Schlechteste wäre, sich wenigstens einer Verantwortung zu entledigen", sagt Batakovic im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Thronfolger Franz Ferdinand (l.) und Gavrilo Princip
Thronfolger Franz Ferdinand und Gavrilo Princip

Vor allem missfällt dem Leiter des Balkan-Instituts der serbischen Akademie das in Deutschland positiv diskutierte Buch Christopher Clarks ("Die Schlafwandler"). Die diplomatie-geschichtliche Analyse kritisiert Serbien als instabilen Faktor mit Hegemonial-Macht Bestrebungen. Dass Clarks "Schlafwandler" in Deutschland vor allem als Mahnung zur Bedeutung des Europäischen Einigungsprojektes diskutiert wird kommt bei den serbischen Eliten nicht an.