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Hintergrund

Das Ende einer Utopie

Viele Nicaraguaner kamen nach der Sandinistischen Revolution 1979 zu Ausbildung oder Studium in die DDR, so wie Carlos Ampiè Loría. Er war überzeugt: Er hilft damit seinem Land und einer neuen Gesellschaft.

Der nicaraguanische Autor und Übersetzer Carlos Ampiè Loría, Quelle: privat

Neue Heimat in Dresden: Carlos Ampiè Loría

Furchtbar gefroren habe er am Anfang, daran erinnert sich Carlos Ampiè Loría noch, denn aus seiner Heimat Nicaragua war er schließlich andere Temperaturen gewohnt. Aber in der DDR war es Spätherbst – und kalt. Selbst das Essen sei kalt gewesen, erzählt er: "Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir haben schon genug zu essen bekommen!", sagt er, aber es sei eben alles aus dem Kühlschrank gekommen, "und immer diese Kartoffeln!", stöhnt er auf: "Zu jedem Essen gab es Kartoffeln!" Aber dieses Opfer war Carlos Ampiè Loría bereit, zu bringen, schließlich ging es um mehr: "Für uns war klar: Wir kommen hier her, wir studieren und lernen hier etwas für unser Land und unsere Revolution und dann hauen wir wieder ab!"

Sandinisten feiern am 19. Juli 1979 in Managua den Sieg über die Regierungstruppen, Foto: dpa

Der "Dritte Weg"? Einmarsch der Sandinisten 1979 in Managua

Viele Anhänger im In- und Ausland hatten 1979 in der Sandinistischen Revolution den Versuch Nicaraguas gesehen, einen "Dritten Weg" zwischen Kapitalismus und Ostblock-Sozialismus einzuschlagen. Das ideologische Spektrum der Sandinisten reichte vom revolutionären Marxismus über die Befreiungstheologie und bäuerlichen Reformagenden bis hin zum bürgerlichen Lager. Zu den sandinistischen Zielen zählten unter anderem die Grundversorgung der Armen, Landreformen, Bildung für alle und eine Stärkung der Frauenrechte. Ziele, mit denen sich auch Carlos Ampiè Loría identifizierte: Bereits zu Beginn der 1980er Jahre hatte er die Alphabetisierungskampagne der Sandinisten unterstützt, obwohl er kein Parteimitglied war. 

Eine neue Bruderpartei

Auch die DDR-Führung war nach 1979 auf das kleine zentralamerikanische Land aufmerksam geworden und selbst wenn die sandinistische Idee damals nur wenig mit dem Marxismus-Leninismus der DDR zu tun hatte, tat man doch alles, um den gemeinsamen Geist zu betonen: Die DDR war das erste Ostblockland, das mit dem neuen Nicaragua diplomatische Beziehungen aufnahm, wenige Wochen später folgten gegenseitige Staatsbesuche und fortan galt die "Nationale Sandinistische Befreiungsfront" FSLN als Bruderpartei, was ihr vielfältige Unterstützung einbrachte: Ostdeutschland lieferte Produkte und Hilfsgüter und bekam dafür die so dringend benötigten Devisen; es lud großzügig junge Menschen zu Studium und Ausbildung ein und hoffte so, auch ideologischen Einfluss auf den neuen Staat zu nehmen.

Solidaritätsmeeting in Berlin 1983, Ehrengäste waren Eberhard Aurich (4.v.r.), 2. Sekretär des FDJ-Zentralrates, und Emilio Moreno Gutierrez (7.v.r.), Botschafter der Republik Nicaragua in der DDR, Foto: Bundesarchiv

Deutsch-deutsche Solidarität: In den Zeiten des Kalten Krieges engagierten sich Tausende. Sie wollten das sandinistische Nicaragua unterstützen und beim Aufbau einer sozial gerechten Gesellschaft helfen. Bundesarchiv: Bild 183-1983-0330-024



Erfahrungen zwischen Mangelware und Helga

Carlos Ampiè Loría war einer dieser Studenten: 1984 kam er mit einem Stipendium in der Tasche in die DDR, um sich dort zum Rundfunk- und Fernsehmechaniker ausbilden zu lassen, denn in Nicaragua hatte er bereits für den Sender "Canal 6" gearbeitet. Zunächst ging es nach Rostock, danach hängte er ein Studium der Fernmeldetechnik in Leipzig dran. Rückblickend sagt er heute: "Das Projekt Sozialismus war keine Idee, die schlecht ist" und nennt als Beispiele die Bildungspolitik, Jobs für alle und die Möglichkeit für Frauen, zu arbeiten und ihre Kinder unterzubringen. Das sei schon toll gewesen, unterstreicht er. Überhaupt lebte er sich in der DDR schnell ein: "Ich bin im September angekommen und im November hatte ich schon meine erste Freundin!", erzählt er heute lachend und fügt hinzu: "Die hatte einen ganz komischen deutschen Namen. Sie hieß Helga!"

Trotzdem war ihm schon damals der Verdacht gekommen, dass das Wirtschaftssystem so nicht mehr lange funktionieren würde. Als Facharbeiter verdiente er sich auf einer Baustelle Geld dazu: "Ich erinnere mich, dass wir einmal einen Monat lang kein Material zum Arbeiten hatten!" Trotzdem kamen Carlos und seine Kollegen jeden Morgen pünktlich: "Wir saßen dann da im Bauwagen, haben gequatscht, gefrühstückt und Karten gespielt", erzählt er, "und trotzdem haben wir am Ende des Monats ganz normal unseren Lohn bekommen. Da habe ich mich gefragt: 'Wie kann das denn sein? Das geht doch gar nicht!'"

Das Ende der Utopie

Carlos Ampie Loría bei der Alphabetisierungskampagne in Nicaragua zu Beginn der 1980er Jahre, Quelle: privat

In die DDR für sein Land: Carlos Ampiè Loría bei der Alphabetisierungskampagnein Nicaragua

Darum war er auch nicht sonderlich überrascht, als die DDR mit dem Fall der Mauer quasi ihren Bankrott erklärte: Er verfolgte den kollektiven Freudentaumel am heimischen Fernseher in Leipzig mit – sich daran beteiligen mochte er aber nicht, denn für ihn war es das Ende einer großen Idee von Gleichheit und Gerechtigkeit. "Es hat mich ziemlich getroffen", erinnert er sich heute, "weil ich gedacht habe: 'Jetzt ist eine Utopie verloren gegangen!'" Auch habe er nie gedacht: "Wir haben jetzt die Freiheit erreicht!", betont er heute und er ist sich sicher: "Die Mehrheit der Menschen hatte damals kein konkretes politisches Ziel. Die wollten einfach nur mal gucken, was im Westen los ist und die 100 D-Mark Begrüßungsgeld bekommen!"  

Die sozialistische DDR, in die Carlos sechs Jahre zuvor gekommen war, hörte auf, zu existieren. Und das sandinistische Nicaragua, das er verlassen hatte, um seinem Wiederaufbau zu dienen, löste sich ebenfalls auf: am 25. Februar 1990 verloren die Sandinisten die Wahlen – und als Carlos im selben Jahr dorthin zurückkehrte, waren Idealisten wie er von der neuen, rechtsgerichteten Regierung nicht mehr erwünscht. Als "Staatsfeinde" seien sie damals fast betrachtet worden, erzählt er, das Leben, die Jobsuche – alles wurde schwierig und vom "Dritten Weg" war keine Rede mehr. "Das war furchtbar enttäuschend", sagt er heute. 
 
2005 kam er schließlich zurück nach Deutschland, zusammen mit seiner Frau Katja: Heute lebt er in Dresden als Schriftsteller und Übersetzer; er beschäftigt sich mit Indianerkulturen, übersetzt nicaraguanische Poesie und schreibt über die Volkserzählungen seiner Heimat. Eine politische Mission hat er nicht mehr – zumindest im Moment: "Aber trotz allem, was passiert ist", sagt er, "wäre ich immer wieder bereit, so ein Projekt wie damals in Nicaragua zu unterstützen!"

Autorin: Ina Rottscheidt

Redaktion: Carolin Hebig





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