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Kultur

"Damals in der DDR"

Ein preisgekröntes Multimediaprojekt erzählt die große Geschichte in kleinen Erlebnissen. Ein vielseitiger und sehr privater Rückblick auf das Leben in der DDR.

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Das Kleine neben dem Großen

"Wir begreifen mehr als bisher, was das Charakteristische dieser DDR war, wenn es denn überhaupt ein Charakteristikum eines Staates geben kann und nicht nur mannigfaltige Facetten. Der Film zeigt uns gleichermaßen die Poesie der Herzen wie die Prosa der Verhältnisse." So lautet die Begründung der Jury des Adolf-Grimme-Preises 2005 zur Preisverleihung an die mehrteilige Dokumentation "Damals in der DDR - Zeitzeugen erzählen ihre Geschichte". Nun ist diese Produktion des MDR im Zuge eines Multimediaprojektes als DVD-ROM über die Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht worden und allen Interessierten zugänglich.

Alltagsleben in der DDR

Gedenken an Liebknecht und Luxemburg

Anhänger der FDJ im Jahr 2001

Der Titel "Damals in der DDR" lässt romantisierende Verklärung vermuten, doch reiht sich dieses Projekt nicht in die Ostalgiewelle der vergangenen Jahre ein. Der Anspruch ist es vielmehr, "repräsentativ das Alltagsleben in der DDR darzustellen", wie der Historiker Stefan Wolle betont. Wolle hat sowohl an der Fernsehdokumentation als auch bei der DVD als Fachberater mitgewirkt und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin.

Im Rückblick auf den Umgang mit der DDR seit 1989 könnten zwei Entwicklungen ausgemacht werden, meint Wolle: In den ersten Jahren fand eine "ethisch-moralische Auseinandersetzung" mit den dunklen Seiten der DDR statt, die Machenschaften der Stasi wurden ebenso aufgerollt wie die Geschichte der Mauertoten und der unschuldig Inhaftierten. Doch dann setzte eine Gegenbewegung ein. Viele Menschen fühlten sich durch die negative Darstellung der DDR persönlich getroffen und wollten zeigen, dass auch ein glückliches und unbeschwertes Leben möglich sein konnte. Diese positive Sichtweise, die mit dem Kampf um das Ost-Ampelmännchen begann, eskalierte schließlich in Fernsehsendungen wie die "DDR-Show".

Zwischen Christentum und SED

Der Fall der Berliner Mauer

Fall der Berliner Mauer

Die Dokumentation soll sich ebenso wie die DVD von beiden Extremen absetzen und "die schwierige Synthese aus beiden Richtungen" bewältigen, wie Wolle betont. "Das Leben zu zeigen in seiner Beengtheit, in seiner politischen Bedrückung, in seiner Unfreiheit, aber nicht alles schwarz und weiß zu malen" ist das erklärte Ziel dieses Multimediaprojekts. Die große Geschichte wird durch die kleinen Geschehnisse erklärt: "Die großen Themen der geschichtlichen Auseinandersetzungen sollen an einer speziellen Geschichte dargestellt werden"

Dazu wurden insgesamt 78 Zeitzeugen befragt, die möglichst repräsentativ verschiedene Lebenswege in der DDR darstellen. So gibt es die Geschichte der Frau, die in den 1950er Jahren nicht das Abitur machen durfte, weil sie ihrem christlichen Glauben nicht abschwören wollte. Oder die des Offiziersschülers, der kurz vor der Grenzöffnung gegen Demonstranten vorgehen muss, obwohl er selbst schon an seinen Überzeugungen zweifelt. Ebenso gibt es aber auch ein Interview mit einem ehemalige SED-Funktionär, der an den Wahlfälschungen im Mai 1989 beteiligt war. Alle Generationen kommen zu Wort, sowohl die, die zur Zeit des Mauerbaus Kinder waren als auch die, die beim Mauerfall gerade in die Pubertät gekommen sind.

Zwischen Poesie und Prosa

Galerie Berliner Mauer: Überwachung am Arbeitsplatz

Bauarbeiter und Soldat

Die DVD-ROM setzt sich aus drei Ebenen zusammen: "Zeiträume", "Themen" und "Material". So können die Zeitzeugenberichte entweder nach Jahrzehnten ausgewählt werden oder aus verschiedenen Themenblöcken, wie "Flucht und Ausreise", "Ideologie und Erziehung" oder "Jugend und Subkultur". Zu vielen Zeitzeugenberichten gibt es Videoausschnitte der Interviews oder zeitgenössische Filmdokumente.

"Damals in der DDR" wurde von einer Gruppe junger Autoren, Regisseure und Wissenschaftler aus Ost und West konzipiert. Abseits altbekannter Bilder haben sie neue Quellen aufgetan: Amateurfilme, Fotos und Dokumente zeigen ein neues und sehr privates Bild der DDR neben dem historischen Weltgeschehen. Das Medium der DVD-ROM ermöglicht es nun, sich mit allen Zeitzeugenberichten und Materialien je nach Interesse auseinanderzusetzen. Die DVD ist ein beachtlicher und konstruktiver Beitrag zur aktuellen Auseinandersetzung mit der DDR und ihrer wechselvollen Geschichte. Dem ambitionierten Projekt gelingt es tatsächlich, den Spagat zwischen Poesie und Prosa zu meistern.

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