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Kultur

Deutsch-deutsches Nacherleben

Die Ostalgie-Welle schwappt und schwappt durch Deutschland. Der Trend hält sich hartnäckig. Marcel Fürstenau hat nach Gründen gesucht.

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Gar nicht so lang ist es her

"Auferstanden aus Ruinen" - ein schöner Titel war dem berühmten Schriftsteller Johannes R. Becher für die DDR-Nationalhymne eingefallen. Und die Melodie, komponiert von dem nicht minder berühmten Hanns Eisler, fanden sogar viele im Westen wohlklingender als das gute alte "Deutschland-Lied".

"Auferstanden aus Ruinen" - dieser Textzeile folgten die Worte: "Und der Zukunft zugewandt". Dieses Morgen, dieses neue, dieses bessere Deutschland, wie es sich die Sozialisten, Kommunisten und Stalinisten im Osten 40 Jahre lang erträumten und ihren Untertanen einzureden versuchten, hat es dann doch nicht gegeben. Mit dem Fall der Berliner Mauer fiel der letzte Vorhang für einen Staat, der eben nicht der Zukunft zugewandt war, sondern ziemlich schnell von Ewiggestrigen in den Würgegriff genommen wurde und sich am Ende selbst strangulierte.

14 Jahre ist das mittlerweile her. Und lange wollte man hüben wie drüben nichts mehr zu tun haben mit dem Kunstgebilde namens DDR.

Alltag statt Ideologie

Jetzt ist die Zeit gekommen, die zweite Diktatur auf deutschem Boden auch mal aus einem ganz anderen Blickwinkel zu betrachten. Aus dem des ganz normalen DDR-Bürgers, der trotz aller Bevormundung und Überwachung ein ganz normales Leben geführt hat. Der mit Sekt (Marke "Rotkäppchen") gefeiert hat, der mit seinem Auto (Typ "Trabant") zum Urlaub an die Ostsee gefahren ist und dort in einem Erholungsheim der Einheitsgewerkschaft FDGB die auch in der DDR lauen Sommernächte genossen hat. Und den meisten hat das gefallen - na klar. Die Menschen hatten sich eingerichtet in dem Staat, von dem sie annehmen mussten, dass sie ihn zeitlebens nicht würden verlassen können.

Sich an die schönen Seiten aus dieser Zeit zu erinnern, ist doch nur normal. Verklärt man deshalb die Vergangenheit? Verharmlost einen Staat, der ein Unrechts-System war? Wünscht sich gar die Mauer zurück? Nein, selbstverständlich nicht. Abgesehen von denen, die aus ideologischen Gründen die DDR auch heute noch zum Paradies erklären.

Ursachen und Folgen

Wenn aber, wie in diesem Jahr, die Nostalgie besonders hoch im Kurs steht, dann deshalb, weil die Zeit reif ist und weil clevere Strategen in der Medien- und Unterhaltungsindustrie daraus Kapital schlagen und Bedürfnisse befriedigen. Das nennt man dann Angebot und Nachfrage. Ein Prinzip, das niemand infrage stellt und das als so genanntes Revival seit Jahren ein Bestseller ist. Alter Wein in neuen Schläuchen - warum nicht?

Wenn nun Bedenkenträger, insbesondere Politiker, die Ostalgie-Welle für eine Gefahr halten, dann ist Vorsicht geboten. Das demonstrative Tragen eines T-Shirts mit den Buchstaben "DDR" mag man geschmacklos oder unsensibel finden. Darin eine Glorifizierung zu sehen, hieße, eine Mode-Erscheinung für wichtiger zu halten, als ihr gebührt.

Interesse ohne Abrechnung

Skeptikern ist ein wenig mehr Gelassenheit zu wünschen. Der Blick über den eigenen Tellerrand kann da mitunter hilfreich sein. So war neulich in der holländischen Zeitung "de Volkskrant" über das Phänomen der DDR-Renaissance zu lesen, Kritiker fänden sie kitschig und unkritisch. Es sei doch aber schön, wenn eine neue Generation von Deutschen aus Ost und West sich für die DDR interessiere, ohne auf Abrechnung aus zu sein.

Und Pierre Pagé, der aus Kanada stammende Trainer des Berliner Eishockey-Klubs "Eisbären", ist ausdrücklich dafür, dass in der Kabine seines Teams Vereins-Fahnen aus DDR-Zeiten hängen, als die "Eisbären" noch "Dynamo" hießen. Das, argumentiert der feinsinnige studierte Kunsthistoriker Pagé, stärke die Motivation seiner Mannschaft.

Ostalgie ist wie jede Nostalgie ein sentimentaler Rückblick auf Zeiten, die nicht immer rosig waren. Im Falle der DDR schon gar nicht. Aber deswegen auf immer und ewig den Humor und die Lebensfreude verlieren? Lieber nicht!

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