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Deutschland

Lustig war das Stasi-Leben

Die ehemaligen Stasi-Offiziere Gotthold Schramm und Peter Pfütze stellen Erfahrungsberichte vor. Tenor: Schon alles nicht so schlimm gewesen. Die Opfer toben.

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Die netten Herren vom MfS: Gotthold Schramm und Peter Pfütze

Die Wogen schlugen hoch bei der Pressekonferenz zur Vorstellung zweier neuer Veröffentlichungen der Edition Ost in Berlin am Mittwoch (12.4.2006) . Die Autoren der Bücher zogen ein breites Publikum an, vor allem der Name eines Mannes, der letztendlich abwesend war: Markus Wolf. Er hat gemeinsam mit Werner Großmann, seinem Nachfolger und letztem Chef der Auslandsspionage des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR, das Vorwort zu einem der Bücher verfasst. Doch auch die Autoren selbst sorgten für genügend Diskussionsstoff. Peter Pfütze, Stasi-Oberst a.D., Autor des Buches "Besuchszeit - Westdiplomaten in besonderer Mission" und Gotthold Schramm, ehemaliger Mitarbeiter des MfS bei der Spionageabwehr ist der Herausgeber von "Der Botschaftsflüchtling und andere Agentengeschichten".

Witzig war das Stasi-Leben

Gefängniss Bautzen II

Das ehemalige Stasi-Gefängnis Bautzen II.

35 ehemalige Agenten der Staatssicherheit berichten von ihren Erlebnissen, die der Verlag als "spannend", "witzig" und "erhellend" ankündigt. Peter Pfützes Bericht über seine Zeit als Stasimitarbeiter "Besuchszeit - Westdiplomaten in besonderer Mission" schlägt in die gleiche Kerbe. Er beschreibt die Besuche von Mitarbeitern der Ständigen Vertretung der BRD bei inhaftierten Bundesbürgern in der DDR. Diese Erinnerungen sollen belegen, dass es bei der Inhaftierung von Gefangenen keine Verstöße gegen Gesetze und Menschenrechte gegeben habe.

Heftige Auseinandersetzungen

Sie stellten sich der Diskussion mit der Presse, doch vor allem dem erregten Publikum, vielen ehemaligen Häftlingen und Angehörigen von Opfern des DDR-Regimes. Der einleitende Vortrag und die Lesung wurden bereits durch aufgebrachte Zwischenrufe unterbrochen, bis in der folgenden Diskussionsrunde die Emotionen endgültig durchbrachen. Der Tenor beider Autoren war deutlich: Die Deutsche Demokratische Republik sei ein Rechtsstaat gewesen, in dessen Gesetzesrahmen sie sich völlig legal bewegt hätten, und, wie Gotthold Schramm aufgebracht ausrief: "Die DDR war von 180 Staaten anerkannt, sagen Sie mal, waren die etwa alle Dummköpfe?" Als der stellvertretende Vorsitzende der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Hans-Eberhard Zahn, daraufhin bemerkte, dass auch "das Nazi-Reich" anerkannt gewesen sei, kochte die Atmosphäre im Saal.

Zynismus statt Mitgefühl

Zentrale des DDR Ministeriums für Staatssicherheit

Die einstige Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in der Berliner Normannenstraße.

Ein ehemaliger Häftling klagte die Autoren und auch Werner Großmann als "Menschenschinder" an und warf ihnen vor, die Machenschaften der Staatssicherheit als eine "Seifenoper" zu bagatellisieren. Als er sie als "rotlackierte Faschisten" bezeichnete, drohte Werner Großmann mit einer Anzeige, woraufhin der wütende Mann ausrief: "Machense, aber Sie können sich trotzdem frisch machen!" Die kühle Distanz der ehemaligen Stasigrößen zu ihrem Thema, ihr Verlangen nach einer sachlichen Diskussion nimmt sich grausam aus neben den tragischen Schicksalen der anwesenden Opfer. Dem Vorwurf stundenlanger Verhöre zum Beispiel begegneten sie mit Zynismus. Die Dauer sei darauf zurückzuführen, dass die Verhöre handschriftlich protokolliert werden mussten: "Keiner macht sich klar, dass die Vernehmungen nicht so stattfinden wie bei Schimanski, Derrick oder beim Alten".

Neues Selbstbewusstsein

Diese neuesten Veröffentlichungen zur Geschichte der Stasi reihen sich in eine neue Entwicklung in Deutschland ein. Nachdem seit dem Ende der DDR die dunkle Geschichte des Ministeriums für Staatssicherheit umfassend aufgearbeitet wurde, treten nun ehemalige Stasi-Offiziere mit einem neuen Selbstbewusstsein in der Öffentlichkeit auf. Sie stellen sich selbst als Opfer von Verunglimpfungen dar und versuchen, Proteste ehemaliger Häftlinge auf Veranstaltungen unglaubwürdig erscheinen zu lassen, so wie vor kurzem bei einer Veranstaltung im früheren Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen geschehen und nun auf dieser Pressekonferenz.

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