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Globale Zusammenarbeit

Cormac Cullinan: "Die Umwelt hat keine Rechte"

In Umweltprozessen können Menschen Rechte und Schadenersatz einklagen. Doch die Natur ist dem Menschen schutzlos ausgeliefert, kritisiert der südafrikanische Umwelt-Anwalt und Buchautor Cormac Cullinan.

DW: Herr Cullinan, hat die Umwelt überhaupt eigene Rechte?

Cormac Cullinan: Die Umwelt hat keine Rechte. Die meisten Umweltgesetze regeln leider lediglich, wie schnell wir den Planeten ausbeuten. Das ist ungefähr so, als hätte zur Zeit der Sklaverei ein Gesetz geregelt, dass man nur drei und nicht fünf Mal am Tag seine Sklaven auspeitschen darf und nicht festgeschrieben, dass Sklaverei prinzipiell gesetzeswidrig ist. So funktioniert bis heute die Umweltgesetzgebung.

Die Gesetze regeln den Grad der zulässigen Umweltverschmutzung, doch die eigentliche Frage ist doch, warum wir überhaupt meinen, die Natur ausbeuten zu dürfen. Warum sehen wir die Erde als Objekt? Nach und nach habe ich begriffen, dass wir unsere Gesetzgebung an die Naturgesetze anpassen müssen. Es ist sehr, sehr wichtig, dass wir die Naturgesetze kennen und verstehen, damit wir unsere Gesetzgebung, das gesamte Justizsystem, an diese Regeln der Natur anpassen.

Würde das bedeuten, dass wir uns vom Konsum, Kapitalismus und sogar zu einem gewissen Grad auch vom Christentum verabschieden müssten?

Wenn in der Bibel steht "Macht Euch die Erde untertan" ist das schon sehr interessant. Mehrere Theologen haben mir erklärt, dass der Satz falsch übersetzt worden ist. Es gehe viel mehr, sagen sie, um Bewahren und Verantwortung, nicht um Macht und Ausbeutung. Ich finde es interessant, dass die meisten religiösen Traditionen dieses Element der Verantwortung gegenüber der Erde beinhalten. Leider ist dieser Aspekt in unserer jüngeren Vergangenheit im Großen und Ganzen verloren gegangen. Doch wenn wir unsere materiellen Verlustängste überwinden, werden wir erkennen, dass diese Verlustängste sehr klein sind im Vergleich zu dem, was wir gewinnen. Unser Gewinn wären bessere und stärkere Gemeinschaften, eine Zukunft für unsere Kinder, eine Wertschätzung der Natur und eine Mitgliedschaft in der großen Gemeinschaft des Lebens. Das ist so viel größer als das, was wir verlieren würden.

Symbolbild zur Umweltverschmutzung: der Fluss Yamuna in Indien Foto:Tsering Topgyal (AP)

Mensch und Umwelt leiden unter der Verschmutzung

Welche Rolle würden Gesetze und Gerichte dabei spielen?

Gesetze und Gerichte müssten auch eingebunden werden, doch als erstes müssten wir unsere Weltsicht ändern. Wenn wir uns die gesamte Menschheitsgeschichte anschauen, dann gibt es nur eine relative kurze Zeitspanne, in der wir uns sozusagen als Nutzer über die Natur gestellt haben. Es mögen zwar Jahrhunderte sein, doch im Vergleich zu den Tausenden von Jahren, in denen es Menschen gegeben hat, ist es nur eine kurze Zeit.

Das Hauptproblem ist, glaube ich, unsere Illusion, dass wir etwas Höheres sind, dass wir nicht Teil der Natur sind, und dass mehr immer besser ist. Wir müssen uns von diesen Illusionen verabschieden. Denn wer immer mehr haben muss, bekommt nie genug. Auch wenn wir 50 Planeten hätten, wären sie nicht genug, weil wir immer mehr haben wollen. Das ist unsere große Herausforderung: Wir müssen uns von diesen Vorstellungen verabschieden. Wir müssen alles neu denken. Wir müssen unsere Technologie neu denken, unseren Lifestyle, unsere Arbeit, unser Verhältnis zu anderen und auch unser Verhältnis zu anderen Geschöpfen. Das ist überwältigend und inspirierend, denn es fordert von uns ein völlig neues Selbstbildnis, eine neue Definition von dem was es heißt, Mensch zu sein.

Cormac Cullinan ist ein renommierter Umweltanwalt aus Kapstadt. Der Südafrikaner hat in mehr als 20 Ländern an Umweltgesetzgebung, Umwelt- und Politikberatung und internationalen Umweltverträgen mitgearbeitet. Cormac Cullinan ist Gründer und Mitinitiator der "Global Alliance for the Rights of Nature", hat die Politik- und Umweltberatungsorganisation "EnAct International gegründet" und das Buch "Wild Law – A Manifesto for Earth Justice" geschrieben.

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