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Hintergrund

Copy and Paste - und Plagiat

Lehrer und Professoren kennen das Problem nur zu gut: Da halten Schüler und Studenten brillante Referate oder legen perfekte Hausarbeiten vor. Man fragt sich: Ein neues Genie - oder einfach nur abgeschrieben?

Klassenzimmer

Wie können Lehrer abgeschriebene Aufgaben erkennen?

Im Sommersemester 2001 hat Debora Weber-Wulff, Professorin für Medien und Informatik an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, Referate als Alternative zur Klausur schreiben lassen. 34 Studenten haben diese Möglichkeit genutzt. Bei der Korrektur fand Weber-Wulff in 12 Arbeiten Passagen, die wortwörtlich von anderen Autoren stammten, ohne dass es geeignete Quellenangaben gab.

Glatze und Plagiat

Debora Weber-Wulff

Debora Weber-Wulff, Expertin für Online-Plagiate

Eine Arbeit war sogar komplett von der Internetseite www.hausarbeiten.de übernommen, mit nur zwei Änderungen: Vorname und Nachname des Autors. Seitdem hat sich die Professorin auf die Plagiatjagd spezialisiert und berät inzwischen Lehrkräfte rund ums Thema. Vielen sei oft nicht klar, was eigentlich unter einem Plagiat zu verstehen sei.

"Es gibt sehr viele verschiedene Definitionen von Plagiat. Es gibt auch eine lustige Definition: 'Aus einem Buch abschreiben ist ein Plagiat, aus zwei Büchern abschreiben ein Essay, aus drei eine Kompilation, aus vier eine Dissertation.' Es ist nicht leicht festzustellen, wann es sich um Plagiat handelt", sagt Weber-Wulff. "Es ist ganz klar: Wenn es komplett abgeschrieben ist, ist es ein Plagiat. Ich mache es immer ein bisschen anschaulich: Bei einem Plagiat ist es wie bei einem Mann mit einer Glatze: Wenn er eine Glatze hat, ist es ganz klar, wenn er keine hat, ist es auch ganz klar. Und über die ganzen Zwischenstufen, darüber müssen wir uns unterhalten."

Einfacher, Plagiate aufzuspüren

Wie viele Plagiatfälle es tatsächlich an deutschen Schulen und Hochschulen gibt, weiß niemand. Zahlen gibt es nur vereinzelt. Die Politologin Sarah Knoop zum Beispiel hat Studierenden und Dozenten der sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächer an der Universität Münster zu diesem Thema befragt. Das Ergebnis ihrer Diplomarbeit "Plagiat per Mausklick" war erstaunlich: Die meisten Schüler und Studenten haben irgendwann irgendwo schon einmal Texte geklaut, sprich: abgeschrieben. Aber ob dies schlimmer geworden ist seit es das Internet gibt, weiß auch Weber-Wulff nicht:

"Man kann es nicht messen, weil man nicht weiß, wie viele Plagiate man nicht entdeckt hat. Und deshalb kann man nicht sagen, ob es besser oder schlimmer geworden ist", erklärt die Expertin. "Es ist nur auf jeden Fall so, dass es für uns als Lehrkräfte einfacher geworden ist, die Plagiate auszuspüren. So wie es für die Studierenden einfacher ist, sich mit 'copy and paste' etwas in eine Datei hineinzuholen, können wir ganz schnell einzelne Wörter in Google oder eine andere Suchmaschine eingeben. Und mit ein bisschen Glück finden wir die Quelle auch gleich."

Wikipedia und Datenbanken

Eine oft benutzte, aber sehr fragwürdige Quelle für Plagiate sei das Online-Lexikon Wikipedia, an dem jeder mitschreiben kann, so Weber-Wulff: "Ich halte Wikipedia nicht für nicht zitierfähig, weil sie nicht gut ist. Um Gottes Willen nein. Ich bin selbst Wikipedianerin und halte Wikipedia für ein Forschungs- und Recherche-Tool par excellence. Da kann man sich sehr schnell einen Überblick verschaffen. Aber dann muss man weitergehen an die richtigen Quellen. Es kann ja auch sein, dass ich das selbst reingeschrieben habe! Denn jeder kann mitschreiben und deswegen ist der Wert einer Aussage von Wikipedia nicht unbedingt von wissenschaftlicher Kenntnis. Und das heißt, wenn ich dabei bin, für die Hochschule etwas zu schreiben, sollte ich schon zurückgehen zu den Primärquellen oder zur Sekundarliteratur und daraus zitieren."

Screenshot Wikipedia

Beliebt für Plagiate: Das Online-Lexikon Wikipedia

Noch interessanter als Wikipedia sind für Plagiatoren Datenbanken, die komplette Haus- und Diplomarbeiten anbieten. Die Internetseite www.hausarbeiten.de zum Beispiel hält nach eigenen Angaben über 60.000 Texte aus mehr als 400 Fächern bereit. Daraus darf zwar zitiert, aber nicht abgekupfert werden, sagt Weber-Wulff.

Plagiat-Entdecker

Weil das aber recht viele tun, müsse die Abschreiberei kontrolliert werden: "Also am wichtigsten ist, beim Lesen aufmerksam zu sein: Sind da irgendwelche Wörter, die ich selbst im Wörterbuch nachschlagen muss. Das ist in der Regel ein gutes Zeichen. Ansonsten nimmt man drei bis fünf Substantive, die einigermaßen nah beieinander sind und gibt sie in eine Suchmaschine ein. Denn wenn Leute kopieren, tauschen sie die Reihenfolge von Wörtern, sie verändern die Adjektive, sie verändern die Verbformen, aber sie haben Angst an die Substantive heranzugehen. Das könnte ja was Wichtiges bedeuten. Und dadurch ist das Sicherste für uns, einfach da drei bis fünf Substantive zu nehmen. Oft hat man Glück, und findet so ganz schnell etwas. Man muss nicht gleich die ganze Arbeit abtippen oder digital irgendwo einreichen."

Mit "irgendwo einreichen" meint Weber-Wulff Software-Firmen, die Programme oder Online-Dienste anbieten, um Plagiate zu entdecken. Eines davon, genannt Plagiarism-Finder, verspricht innerhalb von 30 Minuten herauszufinden, ob Wortgruppen aus einem Text genauso im Internet auftauchen. Laut Betreiber sind allein in Deutschland über 1000 Versionen des Programms in Gymnasien, Fachhochschulen und Universitäten installiert. Was hält die Expertin von solchen Programmen?

Bestrafung unterschiedlich

Studierende in Hörsaal der Universität Hamburg

Auch Studenten geben Plagiate ab - aber wie viele?

"Nichts. Die Software hat ganz große Probleme, bestimmte Arten von Plagiaten zu erkennen. Auch Übersetzungsplagiate werden oft nicht gefunden", sagt Weber-Wulff. "Auch eine Sache, die aus einer Datenbank gekauft worden ist, ist in der Regel nicht zu finden. Und ich halte es eigentlich für Verblödung, wenn man den Leute sagt: Diese Arbeit ist mit 18,6 Prozent ein Plagiat. Was soll mir dieser Prozentsatz sagen? Sind das Buchstaben, sind das Wörter, sind das Sätze? Es wird eine Genauigkeit suggeriert, die gar nicht vorhanden ist."

Die Professorin schlägt vor, dass Schulen und Universitäten so etwas wie Ethik-Kommissionen einrichten, um das Plagiatproblem anzugehen. Bisher hängt es von der jeweiligen Prüfungsordnung ab, was mit den Plagiatoren passiert. Das ist in Deutschland bislang von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise können Plagiate mit bis zu 50.000 Euro Bußgeld geahndet werden.

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