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Kultur

Kinderleichtes Abkupfern

Das Internet ist ein riesiges Nachschlagewerk. Und ein Schlaraffenland für fantasielose Nachwuchsforscher: Immer mehr Studenten klauen wissenschaftliche Arbeiten aus dem Netz und geben sie als ihre eigenen aus.

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Netz sei Dank?

Es sind Kleinigkeiten, die Debora Weber-Wulff bei der Korrektur von Seminararbeiten stutzig werden lassen. Ausgefallene Wörter oder Tippfehler zum Beispiel. Oder wenn ein Student im ersten Semester einen hochwissenschaftlichen Aufsatz abliefert. Skeptisch wird die Professorin für Medieninformatik auch, wenn jemand seitenlang mit den Worten ringt, und dann plötzlich poetisch wird. "Das können Indizien für ein Plagiat sein", sagte Weber-Wulff im Gespräch mit DW-WORLD. Die gebürtige Amerikanerin lehrt an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft. Seit einigen Semestern kämpft sie gegen den Ideenklau aus dem Internet.

"Plagiate hat es schon immer gegeben, das ist nichts Neues", sagt Weber-Wulff. Doch in der letzten Zeit hätten immer mehr Studenten versucht, ihr gefälschte Arbeiten unterzujubeln. Kein Wunder, denn das Internet macht das Abkupfern kinderleicht. In Archiven und Datenbanken wie "hausarbeiten.de" stehen Zehntausende von Aufsätzen und Referaten im Volltext zur Verfügung. Sehr verführerisch: Statt wochenlang über Büchern zu brüten und einen eigenen Text zu formulieren, bedarf es für ein Plagiat nur weniger Mausklicks – runterladen, ausdrucken, fertig.

Die Schummler mit den eigenen Waffen schlagen

Wie viele Studenten tatsächlich aus dem Internet abschreiben, ist nicht bekannt. Eine aktuelle Studie der Uni Bielefeld besagt, dass ein Viertel aller Hausarbeiten fremdes Gedankengut enthalten, das nicht als solches gekennzeichnet ist. Wahrscheinlich sind es noch viel mehr. "Man kann nie sicher sein, dass eine Arbeit frei von Fälschungen ist", sagt Debora Weber-Wulff. Doch die Professorin will die Schummler mit ihren eigenen Waffen zur Räson bringen.

Computer Messe Systems 02 in München

"Man kann das Internet nicht nur nutzen, um von anderen abzuschreiben. Man kann es genauso nutzen, um die Ideendiebe zu überführen", sagt die Professorin. Wenn sie den Verdacht hat, dass ein Aufsatz nicht ganz sauber ist, dann gibt sie eine kleine Textpassage daraus in eine Suchmaschine ein. "Am besten funktioniert das, wenn jemand ausgefallene Wörter geklaut hat", erzählt Weber-Wulff. Meistens findet sie das Original in Sekundenschnelle im Netz. "Manche Studenten sind so dreist, eine komplette Arbeit zu klauen und den eigenen Namen darunter zu setzen. Die übernehmen sogar die Tippfehler des echten Autors."

Ideenklau ist kein Kavaliersdelikt

Doch leider fehlt es den Tätern am Unrechtsbewusstsein. "Die meinen, nur weil etwas im Internet steht, dürfte man es abschreiben", sagt die Professorin wütend. Dabei ist der Diebstahl geistigen Eigentums kein Kavaliersdelikt, sondern eine Verletzung des Urheberrechts und damit strafbar. Doch an deutschen Hochschulen gibt es kaum Möglichkeiten, den Moglern auf die Finger zu klopfen. Meistens bleibt es bei einer schlechten Note. In den USA hingegen müssen Ideendiebe mit drakonischen Strafen rechnen: "Die fliegen gnadenlos von der Uni", sagt Weber-Wulff. Außerdem verlangen viele amerikanische Unis, dass Prüfungsarbeiten von speziellen Computerprogrammen auf Fälschungen untersucht werden. Der gebührenpflichtige Online-Dienst "Turnitin.com" etwa wird inzwischen von 800 amerikanischen Hochschulen genutzt.

Langsam setzt sich auch in Deutschland die Einsicht durch, dass gegen das massenhafte Abschreiben aus dem Internet etwas getan werden muss. Die Universität Mainz hat als eine der ersten Hochschulen ihre Studienordnung geändert: Wer erwischt wird, muss mit der Exmatrikulation rechnen. Doch wird es vermutlich auch in Zukunft Studenten geben, die ihr Glück beim Schummeln versuchen. Für alle anderen, die um ihr Urheberrecht bangen, bleibt ein schwacher Trost, den der Erzähler Theodor Fontane formulierte: "Über Plagiate sollte man sich nicht ärgern. Sie sind wahrscheinlich die aufrichtigsten aller Komplimente."

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