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Deutschland

Chronologie der Aufdeckung: Der Missbrauch begann am Berliner Canisius-Kolleg

Hunderte Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen werden derzeit aufgedeckt. Täglich melden sich neue Opfer. Angefangen hat der Skandal an einer Berliner Jesuiten-Schule.

Ein Priester hält einen Rosenkranz und eine bischöfliche Erklärung zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater in der Hand (Foto: dpa)

Der Skandal ist mit einem Artikel angefangen

Der Skandal kam an einer Berliner Jesuiten-Schule mit einem Artikel in einer Jesuitenzeitschrift im Dezember 2009 ins Rollen. Ursula Raue, Beauftragte des Ordens für Fälle von sexuellem Missbrauch, gab darin Ratschläge, wie Eltern und Lehrer in Verdachtsfällen reagieren sollten.

"Meinen Artikel hat Pater Mertes dann genommen, und hat ihn an alle Eltern der Canisius-Schülerinnen und Schüler geschickt", erzählt die Autorin. Dann habe das offenbar eine große Diskussion in Berlin ausgelöst, jedenfalls haben sich danach verschiedene Leute gemeldet und gesagt: Damals war das auch so, als wir in der Schule waren.

Die erste Offenbarung

Das Gebäude des Canisius-Kolleg Jesuitengymnasiums (Foto: dpa)

Der Skandal hat im Canisius-Kolleg Jesuitengymnasium in Berlin angefangen

Zunächst meldeten sich bis Ende Januar sieben Missbrauchsopfer beim Rektor des Jesuiten-Gymnasiums Canisius-Kolleg, Pater Klaus Mertes. Mertes, der seit 1994 an der Eliteschule tätig ist, sammelte die Fälle und schrieb dann einen Brief an ehemalige Schüler seiner Schule. Darin entschuldigte er sich bei allen Opfern im Namen der Schule. Der Brief gelangte an die Presse. Im Rektorenzimmer der Schule standen die Telefone nicht mehr still. Mertes stellte sich den Fragen der Journalisten.

Die Beschuldigten sind strafrechtlich nicht mehr verfolgbar, denn der Missbrauch verjährt zehn Jahre, nachdem ein Opfer achtzehn Jahre alt wird, erklärt Mertes. "Was wir tun können ist, unsere Missbrauchsbeauftragte zur Verfügung zu stellen für die Täterkonfrontation und die Recherche, um zur Aufklärung beizutragen und um den Opfern damit in der Aufarbeitung beizustehen", sagt er.

Es war das erste Mal, dass eine katholische Institution selbst einen Missbrauchsfall öffentlich machte. "Diese Opfer tragen belastende Erinnerungen mit sich und erheben jetzt ihre Stimme", sagt Stefan Dartmann, der sogenannte Provinzial, also der Leiter des Ordens in Deutschland. "Ich danke ihnen dafür. Ich bitte Sie auch hier im Namen des Ordens um Entschuldigung für alle Missbräuche, die Sie hier am Kolleg erlebt haben." Ebenso bitte er um Entschuldigung für das, was von Verantwortlichen des Ordens damals an notwendigem und genauem Hinschauen und angemessenem Reagieren unterlassen wurde.

Mehr Kritik als Lob

Pater Klaus Mertes, Direktor am Canisius-Kolleg (Foto: AP)

Bereits vor fünf Jahren haben sich missbrauchsopfer an Pater Klaus Mertes gewendet

Doch in das Lob, das der Orden zunächst für seine offenen Umgang mit den Vorwürfen bekommen hatte, mischte sich schon bald Kritik. Mertes hatte zugegeben, dass sich Missbrauchsopfer bereits vor fünf Jahren an ihn gewendet hätten. Er sei damals nicht an die Öffentlichkeit gegangen, weil er ihnen Vertraulichkeit zugesichert habe. Den Verantwortlichen an verschiedenen Stellen des Ordens müssen die Vorwürfe allerdings schon sehr viel länger bekannt gewesen sein. Einer der Betroffenen sagte in einer Zeitung, seine Mutter habe bereits 1975 den damaligen Rektor informiert.

Außerdem stellte sich heraus, dass die beschuldigten Lehrer wegen der Vorwürfe mehrmals versetzt worden waren – an andere Schulen oder Jugendeinrichtungen. Auch andere Jesuitenschulen in Deutschland haben inzwischen Missbrauchsfälle angezeigt. Einer der Beschuldigten hat ausgesagt, dass er bereits bei seinem Eintritt in den Orden in den sechziger Jahren den Orden über seine Neigungen informiert hatte. Passiert war damals nichts.

"Das war früher schon so"

Ursula Raue, die Rechtsanwältin und Beauftragte des Jesuitenordens (Foto: dpa)

Ursula Raue hofft, die Opfer melden sich weiter

Die Rechtsanwältin Ursula Raue ist seit 2007 Beauftragte des Ordens für Missbrauchsfälle, bei ihr meldeten sich in den letzten Wochen etwa 120 Betroffene. Raue sagt, es gebe auch immer wieder Anrufe von Leuten, die sagten, das war in den fünfziger und sechziger Jahren schon so. Sie hätten sich aber damals nicht getraut, gegen irgendeinen Ordensmann vorzugehen oder auch nur den Eltern davon zu berichten. "Die Folge wäre höchstwahrscheinlich gewesen, dass man zu Hause auch noch Prügel bezogen hätte", meinte Raue.

In der vergangenen Woche schickte Raue nun ihren ersten Zwischenbericht an die Zentrale des Ordens. Sie rechnet damit, dass sich auch weiterhin neue Opfer melden werden.

Autor: Mathias Bölinger

Redaktion: Martin Schrader

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