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Politik

Chile bekommt erst im Januar ein neues Staatsoberhaupt

Bei der Präsidentenwahl in Chile hat die Regierungskandidatin Michelle Bachelet die meisten Stimmen erhalten. Die absolute Mehrheit ist jedoch nicht zustande gekommen. Jetzt gibt es eine Stichwahl.

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Durchsetzungsfähig und politikerfahren: Michelle Bachelet

Nach Auszählung von 96 Prozent der Stimmen lag Michelle Bachelet am Montag (12.12.2005) bei 45,8 Prozent - deutlich vor den beiden Bewerbern des rechten Flügels, dem gemäßigt-konservativen Milliardär Sebastian Pinera und dem rechtskonservativen Joaquin Lavin mit 25,4 und 23,2 Prozent. Der kommunistische Kandidat Tomas Hirsch erhielt 5,1 Prozent.

An Bachelet kommt man so schnell nicht vorbei

"Unser Ergebnis hätte heute besser sein können", sagte Bachelet ganz selbstkritisch. "Aber das ist ein guter Grund für uns, härter zu arbeiten." Sie vertritt die "Concertación" - eine Koalition aus Sozialisten, Christdemokraten und zwei kleineren Parteien. Und sie ist keine Frau, die sich unterkriegen lässt. Die 54-Jährige, von Haus aus Kinderärztin, war schon Gesundheitsministerin und leitete bis Herbst 2004 sogar das Verteidigungsministerium. "Sie hat sich als sehr durchsetzungsfähig erwiesen", sagt Andreas Boeckh, Professor für Politikwissenschaften an der Universität Tübingen.

Die Gegner bekämpfen sich gegenseitig

Und die Chancen stehen gut, dass es Bachelet im zweiten Wahlgang schafft. Ihre konservativen Hauptrivalen Sebastián Piñera und Joaquín Lavín machen nicht mehr gemeinsam Opposition, sondern gehen getrennte Wege - obwohl sie sich nach dem ersten Wahlgang an einer gemeinsamen Stellungnahme versuchten. "Zusammen hatten wir mehr Stimmen als Bachelet, und wir haben eine gute Chance, die Präsidentschaft zu erringen", sagte zumindest Lavín.

Bachelet geht jedoch mit einem Erfolgsbonus an den Start. Unter der Regierung der "Concertación", die seit dem Ende der Militärherrschaft Augusto Pinochets 1990 an der Macht ist, hat sich Chile gemausert und sich zu einem der stabilsten Länder Südamerikas entwickelt. Es verdient viel Geld mit dem Export von Kupfer. 2005 wird das Bruttoinlandsprodukt um etwa sechs Prozent wachsen, auch dank diverser Handelsabkommen mit der EU, den USA, China, Kanada und Mexiko. "Wirtschaftlich geht es dem Land gut, die absolute Armut hat sich halbiert", berichtet Boeckh.

Santiago de Chile - Panorama

In der Hauptstadt Santiago de Chile regiert vielleicht bald eine Frau als Präsidentin. Michelle Bachelet müsste vor allem die Kluft zwischen Arm und Reich angehen

Noch immer viel Armut

Zurücklehnen könnte sich Barchelet trotzdem nicht: "Die Kluft zwischen Arm und Reich hat in Chile trotz allem eher noch zugenommen", sagt Michael Radseck vom Institut für Iberoamerika-Kunde in Hamburg. "Man müsste noch mehr in den Bildungssektor investieren, vor allem im Grundschulbereich", ergänzt Boekh. Und trotz der lebendigen Wirtschaft müsse Chile zusehen, "dass es nicht nur im Agrar- und Bergbausektor tätig ist". Neue Technologien und mehr wirtschaftliche Vielfalt täten Not. Radseck nennt als außenpolitische Baustelle noch die Spannungen mit den nördlichen Nachbarn wie Bolivien, "da gibt es Territorial-Streitigkeiten".

Präsidentschaftswalhen in Chile Joaquin Lavin

Joaquín Lavín (52) von der konservativen Union Democrata Independiente (UDI)

Was Bachelets politischer Zukunft dagegen noch zugute kommen dürfte, ist ihre Vergangenheit. Ihr Vater, ein General, wurde unter Pinochets Regime 1974 zu Tode gefoltert. Ihre Mutter kam in Haft, Bachelet ebenso - doch sie konnte sich ins Exil retten: In der DDR lernte sie Deutsch und setzte ihr Medizinstudium fort. Sie heiratete zum ersten Mal und bekam ihr erstes Kind. 1979 kehrte sie zurück nach Chile. Heute hat sie einen Sohn und zwei Töchter; sie ist alleinerziehend. "Frau Bachelet verkörpert für viele Chilenen eine beispielhafte Biografie, da spiegeln sich die letzten 30 Jahre des Landes wider", erklärt Radseck.

"100 Prozent Kontinuität"

Präsidentschaftswalhen in Chile Plakat

Im Januar wird noch einmal abgestimmt

Er und Boeckh rechnen beide damit, dass Barchelet sich letztendlich durchsetzt. Aber nicht, weil sie eine Frau ist. "Südamerika ist eine konservative Gesellschaft - das Letzte, was man da erwartet, ist ein Frauenbonus", sagt Boeckh. "Aber sie hat es geschafft, dass es zumindest keine Rolle mehr spielt. Und das ist schon viel."

Eine Präsidentin wäre für Chile ein Symbol für den langen Weg von der Militärdiktatur hin zur Demokratie. Politisch wird sich dagegen kaum etwas verändern: "Da ist 100 Prozent Kontinuität angesagt", betont Radseck.

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