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Kultur

Brownie statt Knut

Der Star der 12. documenta könnte ein totes Tier werden - Peter Friedls ausgestopfte Giraffe aus dem Zoo Kalkilja auf der Westbank.

Ausgestopfte Giraffe

Der Star, ein Kriegsopfer

Ihre Augen sind halb geschlossen. Das Fell sieht abgegriffen aus wie bei einem viel benutzten Stoff-Tier. Außerdem scheint die ausgestopfte Giraffe Brownie etwas mickriger zu sein als ihre Artgenossen. Trotzdem ist sie der Blickfang in der documenta-Halle. Dort hebt sie sich mit ihrem gelb-braunen Fell vom blauen Teppichboden ab. Bei der Eröffnung der Weltkunstschau war sie die Publikumsattraktion.

Tod durch Eisenstange

Die Giraffe war auch in Kalkilja auf der Westbank ein Publikumsliebling. Dort starb sie vor fünf Jahren im Zoo, als die kleine Stadt zum Zentrum einer militärischen Auseinandersetzung wurde. Als die israelischen Truppen ein Hamas-Lager attackierten, geriet die Giraffe in Panik. Sie lief im Zoo gegen eine Eisenstange, ging zu Boden und starb an einem Kreislaufversagen.

Ausgestopfte Giraffe

Kosename Brownie

Der Österreicher Peter Friedl will das Tier nicht als Zeugen der Anklage vorführen, noch will er politisch Stellung Beziehung. Friedl will der Bilderflut der Medien eine ästhetische Erfahrung hinzufügen. Aus Überlegungen zu Politik der Bilder entschied er sich, die Giraffe auf der documenta 12 auszustellen. "Begeht man den Fehler, sich auf eine Konkurrenz mit den Medienbildern einzulassen, indem man dokumentarisch arbeitet, dann verliert man, weil das in einer Situation wie dem palästinensisch-israelischen Konflikt zu einer Verdopplung der Medienbilder führt", sagt Friedl. "Da produzieren Fiktion wie Dokumentation nur noch Klischees. Mich hat interessiert zu fragen, was passiert, wenn ich das reale Ding hierher bringe?"

"Migration durch Form"

Das Beispiel der toten Giraffe aus Palästina führt aber auch das Konzept der documenta 12 plastisch vor Augen. Wie ein roter Faden zieht sich das Thema der "Migration der Form" durch die Ausstellung. Das bedeutet, dass sich ein Bild, eine Skulptur oder eine Installation in einem neuen Umfeld nicht nur verändert, sondern auch mit neuen Bedeutungen aufgeladen wird. So versucht die documenta, dem Besucher seine eigenen Bilder wieder zurückzugeben, damit er wieder auf seine Fantasie vertraut.

"Etwas seltsam"

Friedl sieht die Giraffe als eine Skulptur, zu der der Betrachter seine eigenen Geschichten erfinden kann und soll. "Sie müssen sich nur drauf einlassen. Jeder bringt Vorwissen mit. Man kennt entweder eine Giraffe, oder man denkt sich: Die sieht etwas seltsam aus. Die Informationslosigkeit, die manchmal sogar wünschenswert wäre, als ein unschuldiger Zustand, den gibt es überhaupt nicht in der Kunst."

Der Künstler lockt bewusst den Besucher auf eine falsche Fährte. Dem kommen erstmal ganz andere Assoziationen: wie zum Beispiel Kolonialisierung, Rassismus aber auch die wissenschaftliche Ausbeutung von Ländern wie Afrika. Oder aber er denkt daran, wie Tiere lebendig über verschiedene Kontinente hinweg transportiert wurden, um sie hierzulande in einen Zoo zu sperren.

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