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Europa

Brakel: Türkei könnte mehr gegen islamistischen Terror tun

Lange Zeit hat die Türkei dem Treiben der Dschihadisten in Syrien allzu sorglos zugesehen, sagt Kristian Brakel von der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul. Ankara neige dazu, die Terroristen ideologisch zu verharmlosen.

DW: Herr Brakel, wie beurteilen Sie die Sicherheitslage in der Türkei?

Kristian Brakel: Die Sicherheitslage hat sich im letzten Jahr erheblich verschlechtert. Es hat ja vor diesen großen Anschlägen, bei denen Touristen das Ziel waren, auch schon Anschläge gegeben, vor allem gegen die kurdische Opposition. Dabei kamen auch sehr viele Menschen ums Leben: Im Oktober 2015 gab es einen Anschlag mit über 100 Toten.

Es bleibt auch jetzt dabei, dass die Wahrscheinlichkeit, als Tourist oder Besucher der Türkei Opfer eines Anschlages zu werden, immer noch sehr gering ist - auch wenn sie sich seit Januar erhöht hat. Das gilt besonders, seitdem diese Anschläge in die Städte gekommen sind - besonders nach Istanbul - und jetzt auch den Flughafen als Ziel hatte.

Vorher waren Anschläge oft an Orten, da konnte man sagen: Dann gehe ich halt nicht in die Altstadt oder auf diese Einkaufstraße. Das ist beim Flughafen nicht möglich. Wenn Sie nach Istanbul wollen, dann müssen Sie ja einen der beiden Flughäfen benutzen und der Atatürk-Flughafen ist einfach der Flughafen, der am meisten angeflogen wird.

Der Türkei wurde ja immer wieder vorgeworfen, eine gewisse Nähe zu Dschihadisten zu haben. Steht der Anschlag womöglich mit der türkischen Politik hinsichtlich des Krieges in Syrien in einem Zusammenhang?

Kristian Brakel Leiter der Heinrich Böll-Stiftung Istanbul (Foto: Heinrich-Böll-Stiftung/S. Röhl)

Kristian Brakel, Heinrich Böll-Stiftung Istanbul

Es gibt leider relativ wenige Informationen darüber. Die Türkei hat lange eine Politik der offenen Tür verfolgt. Nach dem Motto: "Ja gut, wir wissen, dass es IS-Zellen im eigenen Land gibt. Wir wissen, dass Islamisten aus dem Ausland einreisen, aber solange sie nach Syrien gehen, ist das alles okay."

Es gab zum Beispiel Krankenhäuser, in denen Kämpferinnen und Kämpfer operiert wurden, die aus Syrien zurückkamen. Es gab vermutlich Trainings- und Unterstützungsmaßnahmen des türkischen Geheimdienstes, wie etwa Waffenlieferungen. Bei all dem ist nicht klar, ob das den Islamischen Staat als Gruppe betraf.

Türkei hat den IS unterschätzt

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) selbst ist in der Türkei schon seit drei, vier Jahren als terroristische Gruppierung gelistet. Die türkische Regierung hat lange gesagt: "Wir wissen, dass es diese Gruppierung gibt, aber wir wollen nicht gegen sie vorgehen, denn wir haben Angst, dass sie dann hier im Land aktiv wird." Das ist der eine Teil der Geschichte, der andere Teil betrifft eine gewisse Art der Unterschätzung des Problems IS.

Viel häufiger ist zu hören, die PKK sei eigentlich das viel größere Problem. Das seien die wahren Terroristen. In Bezug auf den IS gibt es immer noch die Vorstellung, das sei einfach eine Folge des unterdrückerischen Assad-Regimes. Und im Prinzip seien das ja die sunnitischen Brüder und Schwestern, die versuchen sich zu wehren.

Als der IS 2014 Mossul überrannt hatte, da wurden die Mitarbeiter des türkischen Konsulats in Mossul als Geiseln genommen. Das war, glaube ich, ein ganz einschneidendes Erlebnis für die Türken. Sie mussten auf einmal feststellen, dass der IS mitnichten harmlos ist, sondern dass er auch nicht kontrollierbar ist.

Vorher glaubte man in Ankara, man habe gute Kontakte, deshalb würde der IS die Türkei verschonen. Die türkische Regierung hat dann ihre Landsleute alle wieder frei bekommen und hat dafür irgendeinen Deal mit dem IS geschlossen. Welcher Art, das wissen wir nicht genau.

IS könnte entschiedener bekämpft werden

Im Vorfeld soll es Razzien gegen IS-Zellen in der Türkei gegeben haben. Wenn nun der Anschlag eine Reaktion auf diese wäre - was ließe sich dann überhaupt gegen den IS tun?

Wenn man jetzt einen Grund dafür sucht, warum es zu diesem Anschlag kam, dann denkt man daran, dass die Türkei in den letzten Wochen Stellungen des IS in Syrien mit Artillerie beschossen hat. Das hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit, aber ich weiß es natürlich nicht.

Wir leben in gefährlichen Zeiten und so richtig kann man dieser Gefahr auch nicht entkommen. Natürlich können die Sicherheitsbehörden dagegen vorgehen und ich glaube, sie können in der Türkei noch wesentlich entschiedener dagegen vorgehen. Da passiert noch zu wenig.

Ideologisch hat die Türkei einen konservativen Kurs genommen. Sehen Sie einen Zusammenhang zum dschihadistischen Terrorismus?

Ich glaube, da kommt die Ideologie ins Spiel, weil der Islam von der AKP - nicht in seiner dschihadistischen Form, aber eben in einer sehr konservativen Auslegung - als Mobilisierungsinstrument für die türkischen Massen genutzt wird. Es ist für Präsident Erdogan jetzt möglich zu sagen, dass sich die Türkei nun gegen den islamistischen Terror wenden wird. Jedenfalls könnte man in Ankara schon einiges mehr tun, um sich stärker abzugrenzen. Der Sturz des Assad-Regimes ist wichtiger für die Türkei, was ich auch verstehen kann, aber es gibt immer noch dieses "Auge zudrücken" mit Blick auf den IS.

Der Islamwissenschaftler Kristian Brakel ist Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Die Fragen stellte Kersten Knipp.

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