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Wirtschaft

Betrugsprozess gegen Deutsche-Bank-Chef

Angeklagt sind neben Jürgen Fitschen vier weitere Ex-Manager des Geldhauses. Die Staatsanwaltschaft will den Beschuldigten eine systematische Täuschung von Richtern im Fall Kirch nachweisen.

Die Presse überschlägt sich vor Superlativen. Von einem der "spektakulärsten Wirtschaftsprozesse der deutschen Geschichte" ist die Rede. Für Jürgen Fitschen, der als Angeklagter im Münchner Gerichtssaal B 273 Platz genommen hat, steht viel auf dem Spiel: Seine Reputation, seine Karriere als Co-Chef der Deutschen Bank mit 6,7 Millionen Euro aktuellem Jahresgehalt und als Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken. Womöglich ist sogar seine Freiheit gefährdet. Bis zu zehn Jahre Gefängnis drohen dem 66-Jährigen, falls sich der Vorwurf der Anklage erhärtet. Er lautet: versuchter schwerer Betrug im jahrelangen Rechtsstreit mit dem Medienmogul Leo Kirch.

Der Prozess vor dem Landgericht München ist nicht nur für Fitschen bedrohlich. "Ob die Deutsche Bank ein ganz normales Geldinstitut ist oder eine kriminelle Vereinigung, lässt sich noch nicht sagen", schreibt süffisant "Die Zeit" in einem Vorbericht zum Verfahren.

Alle Anschuldigungen zurückgewiesen

Fitschen will kämpfen. "Ich habe weder belogen noch betrogen", betont der Banker. Vertrauten zufolge hat er einen Deal mit der Staatsanwaltschaft ausgeschlagen, bei dem er möglicherweise mit einer Geldbuße davongekommen wäre. An Fitschens Seite steht Hanns Feigen, einer von Deutschlands renommiertesten Strafverteidigern, der schon den früheren FC-Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß vertreten hat. Ins Gefängnis musste Hoeneß wegen Steuerhinterziehung trotzdem.

Obwohl sich das Gericht auf einen Verhandlungstag pro Woche beschränkt, trifft das Verfahren Fitschen und "seine" Bank zur Unzeit. Denn das Institut steht vor dem größten Umbau seiner Geschichte und braucht dafür die komplette Führungsmannschaft. Die neue Strategie besteht aus einer gewaltigen Schrumpfkur. Doch wenn es dann an die Umsetzung geht, wird Fitschen einmal pro Woche sein Büro mit dem Gerichtssaal tauschen. Bis September sind vorerst 16 Verhandlungstage angesetzt. Ob das reicht, ist offen.

Und es gibt noch andere Baustellen in der Bank: Vergangene Woche wurde der seit langem erwartete milliardenschwere Vergleich mit den angelsächsischen Aufsehern im Zinsskandal besiegelt. Damit ist zwar die größte Altlast für die Deutsche Bank abgeräumt, doch viele andere Rechtsstreitigkeiten brodeln weiter. Das Tagesgeschäft muss natürlich auch erledigt werden.

Wie Insider berichten, wird im Aufsichtsrat wird schon heftig debattiert: Kann sich einer der beiden Bankchefs in solch turbulenten Zeiten regelmäßig ausklinken? Chefkontrolleur Paul Achleitner steht noch fest zu Fitschen, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Auch die Finanzaufseher haben - bislang - keine Bedenken. Allerdings ist offensichtlich: Die Politik geht auf Distanz. Als der Bankenverband mit Fitschen unlängst in Berlin Hof hielt, blieben hochkarätige Gäste aus dem Finanzministerium oder der Regierungskoalition fern. Die Bank verweist auf die Unschuldsvermutung, die für Angeklagte gilt.

München Deutsche Bank Prozess Fitschen Breuer Ackermann

Alle auf der Anklagebank: die Ex-Manager Breuer (rechts), Ackermann (mitte) und der heutige Bank-Chef Fitschen (im Hintergrund, mitte)

Neben Fitschen müssen sich seine Vorgänger Josef Ackermann und Rolf Breuer sowie zwei weitere Ex-Vorstandsmitglieder verantworten. Sie alle sollen das Münchner Oberlandesgericht belogen haben, um Kirchs Schadenersatzforderungen ins Leere laufen zu lassen. Ackermann stand bereits vor elf Jahren im Mannesmann-Prozess unter Anklage. Seine Victory-Geste im Gericht gilt Kritikern bis heute als Sinnbild für überhebliche Banker. Breuer saß in München schon einmal wegen Betrugsvorwürfen im Kirch-Streit vor Gericht. Beide Prozesse wurden gegen Geldauflagen eingestellt.

Prominent besetzt ist auch die Richterbank: Der Vorsitzende der fünften Strafkammer, Peter Noll, führte die spektakulären Korruptionsprozesse gegen Formel-1-Chef Bernie Ecclestone und den früheren BayernLB -Vorstand Gerhard Gribkowsky wegen ihrer Absprachen beim Besitzerwechsel der Motorsportserie.

Der Fall Leo Kirch

Kirch, der 2011 starb, hatte der Deutschen Bank die Schuld an der Pleite seiner Mediengruppe gegeben, nachdem Breuer öffentlich Zweifel an seiner Kreditwürdigkeit gesät hatte. Alles fing mit einem Interview am 4. Februar 2002 an. Dem Fernsehsender Bloomberg sagte Rolf Breuer, seinerzeit Vorstandssprecher der Deutschen Bank: "Alles, was man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen."

Das war Breuers Antwort auf die Frage, ob man dem finanziell angeschlagenen Medienunternehmer Leo Kirch weiter unter die Arme greifen sollte. Diese Aussage war der Todesstoß für das Kirch-Unternehmen. Die Gruppe musste zwei Monate später Insolvenzantrag stellen - mit einem Schuldenstand von 6,5 Milliarden Euro war es die bis dahin größte deutsche Firmenpleite in der Nachkriegszeit.

Zwei weitere Monate später musste auch noch die Dachgesellschaft Taurus-Holding in den Konkurs, das Desaster war komplett, Kirchs Lebenswerk zerstört. "Erschossen hat mich der Rolf", so damals Leo Kirch wörtlich. Und er schwor im Geiste Rache. Es begann eine gerichtliche Auseinandersetzung, die auch heute noch ohne Beispiel ist.

Schadenersatz nach Vergleich

Aus Kirchs Sicht wollte die Bank an der Zerschlagung des Imperiums verdienen. Die Banker –darunter auch Fitschen - wiesen diese Darstellung zurück. Doch der damalige Richter Guido Kotschy warf ihnen unwahre Angaben vor, rief damit die Staatsanwaltschaft auf den Plan und verurteilte das Institut zu Schadenersatz.

Bevor Kotschy ein zweites Urteil über die Summe fällte, einigte sich die Bank mit Kirchs Erben und zahlte ihnen 925 Millionen Euro. Kotschy ist nun ein wichtiger Zeuge, ebenso wie Staatsanwältin Christiane Serini. Sie ließ zweimal die Konzernzentrale der Deutschen Bank durchsuchen. Die Münchner Strafverfolger gelten in Wirtschaftsverfahren bundesweit als besonders hartnäckig.

Und Fitschen? Er könnte durch den Prozess Geschichte machen als aufrechter Bankier, der sich erfolgreich gegen falsche Anschuldigungen wehrte und Deutschlands einzige Bank von Weltrang in die Zukunft führte, schreibt das Magazin "Stern". Oder er werde als verurteilter Straftäter und Totengräber der Bank aus den Türmen der Gesellschaft gejagt.