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Bundesliga

Bayer ohne Konzept Richtung Relegation

Der Anspruch vor der Saison war, oben anzugreifen und den Abstand auf den BVB zu verkleinern. Nun aber muss Bayer Leverkusen befürchten, ganz in den Tabellenkeller zu rutschen. Wir nennen die Gründe für die Krise.

Drei Spieltage vor dem Ende der regulären Saison taumelt Bayer Leverkusen dem Relegationsplatz entgegen. Die Werkself hat von den vergangenen zehn Bundesligaspielen nur ein einziges gewonnen, der Abstand auf Rang 16 beträgt vor der Partie beim FC Ingolstadt nur noch drei Zähler. Allein das bessere Torverhältnis und die Überzeugung, dass wenigstens einer der Konkurrenten hinter den Leverkusenern bleibt, nährt die Hoffnung auf den Klassenerhalt. Wie konnte der Klub, der mit ganz anderen Erwartungen in die Saison gestartet ist, dem Abgrund so nahe kommen?

1. Fehlende Mentalität

Nicht zu Unrecht gilt Leverkusen als eine Art Wohlfühloase. Die Gehälter sind gut, der Erfolgsdruck viel kleiner als in München oder Dortmund. Solange am Ende die Europapokal-Teilnahme herausspringt, ist alles in Ordnung. Als durchschnittlich bis überdurchschnittlich talentierter Fußballer lässt es sich hier sehr gut leben. Allerdings: Wer ehrgeizig ist und auch mal einen Titel gewinnen will, der spielt nicht hier - oder zumindest nicht sehr lange. Die Anzahl der Spieler, die mit Drucksituationen umgehen können, ist im Leverkusener Kader eher klein. Die Einstellung - für die beispielsweise der FC Bayern bekannt ist - bis zum Ende daran zu glauben, ein Spiel doch noch für sich entscheiden zu können, ist nicht sehr verbreitet. Kurz: Der Werkself fehlen Spieler mit Siegermentalität, und das wird in der aktuellen Misserfolgsphase umso deutlicher. "Wir haben bisher noch nicht gezeigt, dass wir dem Druck standhalten können", analysierte Stürmer Stefan Kießling nach der 1:4-Klatsche gegen Schalke richtig. 

2. Verletzungen

Lars Bender verkörpert den Spielertypus, den Bayer 04 nun dringend braucht. Allerdings stand der Kapitän in dieser Saison aufgrund diverser Blessuren kaum auf dem Platz. Wegen einer Sprunggelenksverletzung ist die Saison für den defensiven Mittelfeldspieler schon seit Anfang März beendet. Auch Kießling, ein weiterer Führungsspieler, konnte wegen anhaltender Hüftprobleme selten helfen. Nur in 17 von 31 Ligaspielen war der ehemalige Torjäger mit von der Partie, stand dabei aber nur in 491 von 1530 möglichen Spielminuten auf dem Feld. Auch Karim Bellarabi (16 absolvierte Spiele) und Jonathan Tah (17) verpassten wegen Muskelverletzungen fast die halbe Saison.

Grätsche Lars Bender gegen Pierre Emerick Aubameyang
Fußball, Saison 2016/2017
1.Bundesliga:
BVB Borussia Dortmund - Bayer 04 Leverkusen, (picture alliance/augenklick/firo Sportphoto)

Kein Weg zu weit, kein Zweikampf zu viel - Kapitän Lars Bender gewinnt im defensiven Mittelfeld zahlreiche Bälle

Hinzu kommt die Sperre Hakan Calhanoglus, der nach einem CAS-Urteil seit Anfang Februar nur zugucken darf. Bei all seinen Fehlern ist der Türke ein weiterer "Mentalitätsspieler", der den Leverkusenern an allen Ecken und Enden fehlt. Der Rest des Kaders ist zwar hochtalentiert, aber offenbar nicht in der Lage, das Ruder herumzureißen - und er bekommt vom aktuellen Trainer dabei auch nur wenig Hilfe.

3. Falscher Trainer

Denn festzuhalten ist: Der Wechsel von Roger Schmidt zu Tayfun Korkut hat rein gar nichts gebracht. Holte Schmidt in 23 Spielen durchschnittlich immerhin noch 1,3 Punkte, bringt es Korkut nach acht Partien nur auf armselige 0,75 Zähler pro Spiel. Ein klares Konzept ist unter dem neuen Coach nicht zu erkennen. Zwar ist die defensive Stabilität besser geworden, dafür fehlen nach vorne die Ideen. Das Leverkusener Spiel ist schablonenhaft und ausrechenbar - die Gegner haben es leicht, Torchancen zu verhindern. Die gesamte Liga weiß inzwischen beispielsweise, dass Kevin Kampl nie mit links schießen wird und lieber mit dem Ball am Fuß läuft, als zu passen, oder dass Julian Brandt lieber am Strafraum entlangdribbelt, statt zur Grundlinie zu ziehen. Es ändert sich trotzdem nichts. Man fragt sich, in welcher Form bei Bayer 04 eigentlich Fehleranalyse betrieben wird?

Leverkusen, 02.04.2017, firo, Fußball, 1.Bundesliga, Saison 2016/2017, Bayer 04 Leverkusen - VfL Wolfsburg, (picture-alliance/augenklick/firo Sportphoto/R. Ibing)

Bislang erfolglos: Trainer Tayfun Korkut

Ebenso ist nur schwer nachvollziehbar, nach welchen Kriterien Korkut aufstellt. Während es Brandt seit Wochen an guten Aktionen und entsprechender Körpersprache fehlen lässt, aber trotzdem immer spielt, sitzen Admir Mehmedi und das aus Belgien geholte Offensivtalent Leon Bailey nur auf der Bank. Chicharito - mit zehn Toren bester Torschütze - wurde gegen Schalke noch nicht einmal eingewechselt. Gleiches galt zuvor für Bellarabi bei der Niederlage in Freiburg. Auch Außenverteidiger Benjamin Henrichs war unter Korkut trotz anhaltend schwacher Leistungen Wendells lange Zeit nur Ersatz. Das Selbstvertrauen und die Bereitschaft, sich für Klub und Trainer zu zerreißen, werden so sicherlich nicht gefördert.

4. Schwache Vereinsführung

Gerade in Krisenzeiten bräuchte es einen starken Mann, der den Mut hat, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen, der die Kritik auf sich zieht, um der Mannschaft damit den Rücken freizuhalten, und sie gleichzeitig intern zu einhundert Prozent fordert. Rudi Völler tut das allenfalls halbherzig.

Bayer Manager Rudi Völler Portrait (picture alliance/augenklick)

Nicht entscheidungsfreudig: Bayer-Sportdirektor Völler

Als die Fans nach dem Spiel den Spielerparkplatz blockierten und Antworten forderten, ließ sich Völler nicht blicken. Dass er zu lange an Roger Schmidt festgehalten hat, der noch dazu eine viel zu große Machtfülle besaß, wird Völler mittlerweile eingesehen haben. Ebenso, dass die Verpflichtung Korkuts ein Fehler war. Den Trainer für die letzten Spiele erneut austauschen, möchte Völler aber nicht. Augen zu und irgendwie durchkommen, scheint das Motto. Erst nach der Saison soll es, so Völler, "eine knallharte Analyse geben, dann werden die Ärmel hochgekrempelt und es geht weiter". Möglicherweise ist es dann aber zu spät.

Völler hätte viel früher in der Saison anders reagieren müssen - das Zerfallen der Mannschaft in Grüppchen noch unter Schmidt spüren, die Unzufriedenheiten im Kader mit Athletiktrainer Oliver Bartlett ernst nehmen und frühzeitig entsprechend handeln müssen. Im Januar bekam der oft beratungsresistente Schmidt mit Jörn Wolf einen eigenen Trainer-Koordinator zur Seite gestellt - als eine Art Puffer zwischen Trainer und Funktionsteam, damit Schmidt durch seine manchmal schroffe Art kein weiteres Porzellan zerschlägt. Andere Klubs hätten damals schon den Trainer getauscht. Dass Völler dies nicht tat und so lange an Schmidt festhielt, bis wirklich nichts mehr ging, fällt ihm jetzt auf die Füße: Im März konnte er sich in Person Korkuts nur noch an der Trainer-Resterampe bedienen, und die Zeit, die Saison noch zu retten, war knapp - das Ergebnis ist nun entsprechend.

Wie geht es weiter?

Am Ende wird - ob Abstieg oder nicht - ein Neuanfang stehen müssen, und das schmerzt. Schließlich hat der Verein gerade erst einen der besten und teuersten Kader aller Zeiten zusammengebastelt und vor der Saison einige Schlüsselspieler trotz lukrativer Offerten gehalten. Das Team wird nun wohl auseinanderfallen. Chicharito, der den Anspruch hat, in der Champions League zu spielen, wird mit Sicherheit wechseln. Ömer Toprak hat bereits beim BVB unterschrieben. Der momentan vollkommen überforderte Brandt wird vom FC Bayern umworben, möchte aber - Stand jetzt - im Sommer nicht dorthin wechseln. Der untadelige Torwart Bernd Leno steht angeblich bei Real Madrid auf dem Wunschzettel. Auch für Kampl, Bellarabi und Tah gibt es Interessenten - und zwar solche, die nicht nur mit viel Geld, sondern auch mit einem Europapokal-Ticket locken.

Leverkusen braucht neben einigen neuen Spielern aber auch noch den richtigen Trainer. Und ein starker Mann neben Völler, der in den entscheidenden Momenten den Finger in die Wunde legt und handelt, wäre sicherlich von Vorteil. 

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