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Asien

Balding: "Warten auf Wachstum durch Reformen"

Im Herbst werden wegweisende Parteibeschlüsse zur Wirtschaftspolitik Chinas erwartet. Die DW sprach darüber mit dem Wirtschaftsexperten Christopher Balding im Lichte der jüngsten Quartalszahlen.

Deutsche Welle: Was steckt Ihrer Meinung nach hinter den positiven Wachstumszahlen im dritten Quartal, das mit 7,8 Prozent gegenüber 7,5 Prozent im 2. Quartal aufwartet?

Christopher Balding: Es handelt sich vor allem um Wachstum, das von Anlageinvestitionen generiert wurde und von dem "stillen" Konjunkturpaket, das die chinesische Regierung Mitte des Jahres aufgelegt hatte. Dazu gehörte zum Beispiel ein substantielles Paket für die Wirtschaft von Shanghai. Das schlug sich in Wachstumszahlen bei Sektoren wie Stahlproduktion und Immobilien nieder. Insofern sind das reale Wachstumszahlen. Gleichzeitig bleiben die Sorgen über eine exzessive Ausdehnung der Kreditmenge und über die anhaltende Abhängigkeit der chinesischen Volkswirtschaft von Wachstumsmotoren wie Schwerindustrie und Immobilienwirtschaft.

China will sein Wachstum verstärkt durch Binnennachfrage und privaten Konsum generieren. Lassen die jüngsten Zahlen diesbezüglich schon Erfolge erkennen?

In den aktuellen Zahlen sehe ich das noch nicht widergespiegelt. Es wird viel darüber gesprochen, und ich warte auf die offizielle Vorstellung entsprechender Reformen in diesem Herbst. Bis jetzt sehe ich aber keine klaren politischen Weichenstellungen in diese Richtung, und in den veröffentlichten Daten sehe ich keine Belege dafür, dass die chinesische Bevölkerung sich in Richtung einer stärker konsumorientierten Volkswirtschaft bewegt, und dass China sich vom Wachstum durch Anlageinvestitionen und Kreditexpansion verabschieden würde. Ich hoffe, dass sich hier die angekündigten Änderungen vollziehen werden, aber bislang gibt es dafür noch keine Belege.

Was sind Ihrer Meinung nach die charakteristischen Merkmale der Wirtschaftspolitik der neuen Führung, wenn es solche Merkmale überhaupt gibt?

Ich glaube, dass sich die chinesische Wirtschaftspolitik seit den vergangenen zwei Jahren im Wartemodus befindet. Die scheidende Regierung wollte keine grundlegenden Änderungen vor dem Amtsantritt der neuen Führung mehr durchführen. Und die neue Führung unter Präsident Xi Jinping und Premier Li Keqiang hat bislang noch keine eigene Handschrift in der Wirtschaftspolitik erkennen lassen. Bei dem Parteitreffen Ende Oktober beziehungsweise im November sollen einschneidende Änderungen verkündet werden, ist gerüchteweise zu hören. Aber ich halte mich mit Einschätzungen zurück, bevor die Beschlüsse schwarz auf weiß vorliegen. Und auch dann muss man beobachten, wie mögliche Reformentscheidungen, die in Peking getroffen werden, in den Provinzen umgesetzt werden.

Wenn Sie den Wirtschaftspolitikern der KPCh Ratschläge erteilen dürften, welche wären das?

Es sollten vor allem Reformen auf der Mikro-Ebene angepackt werden, die dann idealerweise das Wachstum auf nationaler Ebene ankurbeln würden. Die Privatwirtschaft in China ist immer noch zu sehr eingeschränkt. Mehr Freiheit für kleine und mittlere Betriebe, und insbesondere ungehinderter Zugang zu Bankkrediten, wäre ein wichtiger Schritt. Dabei ist allerdings mit Widerstand der Staatsbetriebe zu rechnen. Zu mehr Freiheit für den Privatsektor gehört auch die Reduktion der Vorschriften und Regeln, die bislang den Staatsbetrieben unfaire Vorteile gegenüber den kleinen und mittleren Unternehmen verschaffen. Wichtig wäre auch, dass das sogenannte Hukou-System flexibler gehandhabt wird, also die starre Wohnsitzbindung. Sie behindert maßgeblich, dass Arbeitskräfte dorthin strömen, wo sie am besten eingesetzt werden können.

Christopher Balding ist Associate Professor an der HSBC School of Business der Universität Peking in Shenzhen

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