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Wirtschaft

Ausstieg aus der Geldschwemme

Die Finanzmärkte mit Geld zu fluten, war gut am Beginn der Krise. Zu viel Liquidität könnte aber in eine neue Blase führen. Wie und wann steigt man aber am besten aus der Politik des lockeren Geldes wieder aus?

Euro- und Dollarzeichen werden in ein Loch gezogen

Wann und wie sammelt man die Milliarden wieder ein?

Jahrelang niedrige Zinsen waren einer der wesentlichen Auslöser der Immobilienkrise. Erst fieberten die Immobilienmärkte, dann die Banken und am Ende die Weltwirtschaft. Notoperationen mit milliardenschweren Konjunkturprogrammen bewahrten Wirtschaft und Banken vor dem endgültigen Absturz. Die Zentralbanken verabreichten Unmengen von Geld als Medizin. Und das mit Erfolg: Der Patient Wirtschaftssystem wurde vorm Kollaps bewahrt. Die Folge der Maßnahmen sind allerdings wiederum niedrige Zinsen und zu viel Liquidität im Markt - und das waren ja gerade Auslöser der Krise.

Die Antwort ist ein Balanceakt

In richtiger Dosierung helfen Arzneien. Wer aber zu viel einnimmt, wird am Ende wieder krank. So wird inzwischen über Exit-Strategien nachgedacht, also über die Frage: Wann ist es genug? Wann und wie sollten die Stützungsmaßnahmen zurückgefahren werden? Die Antwort ist in jedem Fall ein Balanceakt: Setzt man die Medizin zu früh ab - reduziert man also Geldmenge zu früh und fährt Konjunkturprogramme voreilig zurück - dann wird die sich gerade etwas erholende Konjunktur wieder bettlägerig. Nimmt der Patient aber zu lange seine Medizin, machen ihn die Nebenwirkungen erneut krank. Sprich: Sind die Zinsen zu lange zu niedrig, entstehen am Ende wieder Blasen am Finanzmarkt, es droht Inflation und das Rezessionsfieber steigt erneut.

Konjunkturlage bestimmt den Zeitplan

Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz Group (Foto: dpa)

Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz

Entscheidend für die richtige Zeit und das richtige Tempo, die Stützungsmaßnahmen zu beenden, sei die Konjunkturlage, sagt Michael Heise, Chefvolkswirt des weltgrößten Versicherungskonzerns Allianz SE. In seiner Abteilung hält man den Zeitpunkt, um die ersten Stützungsmaßnahmen zurückzufahren, inzwischen für gekommen. "Wir sehen, dass die Konjunkturerholung in Europa, aber auch weltweit einigermaßen synchron verläuft und an Kraft gewinnt."

Auch die Entwicklungen an den Finanzmärkten scheinen Heise Recht zu geben. Seit Mai liegt der Leitzins in der Euro-Zone bei einem Prozent – so niedrig war er noch nie. Der effektive Marktzins liegt sogar noch darunter, weil die Europäische Zentralbank (EZB) dem Finanzsystem quasi unbegrenzt Liquidität zur Verfügung stellt. Es gibt also auf der einen Seite viel Geld und auf der anderen Seite werden nur wenige Kredite vergeben, da viele Unternehmer in der Krise erstmal weniger investieren. Das überschüssige Geld will angelegt sein und regt den Appetit der Investoren an, die mit dem billigen Geld wieder spekulieren – auch in risikoreichere Anlagen. So warnt inzwischen auch die EZB vor Blasen, die an den Finanzmärkten entstehen könnten.

Ausschleichen der Maßnahmen nötig

Ein symbolisches Konjunkturpaket ist geschnürt (Foto: dpa)

Konjunkturpakete sollten vorerste geschnürt bleiben

Auch wenn die Stimmung an den Finanzmärkten steigt, dem Patienten sollten nicht sofort sämltliche Genesungsstützen entzogen werden, sagt Heise. "Man muss aufpassen, dass man nicht zu schnell und zu abrupt die Impulse wieder raus nimmt." Die Konjunkturprogramme der Regierung sollten erstmal beibehalten werden, weil die auch im kommenden Jahr noch gebraucht werden. "Wenn man diese Programme zurücknehmen würde, würde man sehr schnell Konjunktureffekte sehen." Anders in der Geldpolitik, da könne man schon jetzt beginnen, "den Expansionsgrad zurückzunehmen." Vor allem deswegen, weil Änderungen in der Geldpolitik erst nach einer ganzen Weile anfangen zu wirken. Erhöhen sich heute die Zinsen, dann werde das im nächsten Jahr kaum Bremswirkungen haben, glaubt Heise.

Zusammen an einem Strang ziehen

Symbolbild: Geldregen

Der Geldregen muss irgendwann ein Ende haben

Wichtig ist allerdings, dass die internationale Gemeinschaft die Geldpolitik aufeinander abstimmt. Wenn Europa alleine seine Wirtschaftspolitik korrigiert, die Geldmenge reduziert und die Leitzinsen erhöht, könnte der Euro gegenüber gegenüber dem Dollar massiv aufgewertet werden - das gilt auch gegenüber vielen asiatischen Währungen, die sich an den Dollar gekoppelt haben. Das aber wäre für die Erholung der europäischen Konjunktur ein großes Risiko. Daher ist es für die EZB, aber auch für andere Notenbanken, besonders wichtig, dass eine internationale Verständigung stattfindet. Und der Ausstieg aus der Geldflut sollte schrittweise und sehr behutsam erfolgen.

Auch wenn erste Stimmen bei den großen Notenbanken zu hören sind, dass man die Geldmenge wieder reduzieren solle – bislang gibt es noch keine Hinweise darauf, dass man hier international koordiniert vorgehen will. Zu Zeit gibt es eher die Tendenz, die eigene Währung vor einer Aufwertung gegenüber dem Dollar zu schützen. Deshalb haben viele Notenbanken weltweit weiterhin Dollar gekauft, wodurch noch mehr Geld ins System geschleust wurde. Heise aber glaubt an die Vernunft der Beteiligten: "Ich glaube die Bereitschaft zum Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik könnte im Laufe der Zeit entstehen, wenn klar wird, dass diese Konjunkturerholung einigermaßen gefestigt ist - und wir nicht eine ganz akute Gefahr haben, wieder in eine Rezession abzurutschen."

Autorin: Insa Wrede

Redaktion: Rolf Wenkel

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