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Europa

Was nutzen die EZB-Milliarden?

Die Europäische Zentralbank will Europas Wirtschaft mit 442 Milliarden Euro ankurbeln. Über Kritik und Wirkung der Maßnahme spricht DW-WORLD.DE mit Michael Schröder vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung.

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Michael Schröder vom ZEW

Mehr als 442 Milliarden Euro stellt die Europäische Zentralbank (EZB) den Geschäftsbanken zu besonders günstigen Zinskonditionen zur Verfügung. Die Laufzeit der Kredite betrage ein ganzes Jahr, teilte die EZB am Mittwoch (24.06.2009) in Frankfurt am Main mit. Bisher hatte sich die Branche bei der Zentralbank lediglich mit Krediten für die Dauer von höchstens sechs Monaten mit Geld eindecken können. Das neue Geschäft mit verlängerter Laufzeit gilt als einer der spektakulärsten Schritte der EZB im Kampf gegen die Finanzkrise.

DW-WORLD.DE: Herr Schröder, warum war dieser Schritt der EZB notwendig?

Michael Schröder: Um die Wirtschaft in Europa stärker mit Kapital, mit Liquidität, also in diesem Fall mit Krediten zu versorgen. Es wurde versucht und ja auch erfolgreich umgesetzt, mehr Liquidität in den Markt zu bringen und auch die Zinsen entsprechend am kurzfristigen Ende zu senken. Beides ist positiv, also eine gute Nachricht für die Unternehmen, die jetzt auch Kredite nachfragen und natürlich auch für Privatpersonen, weil die Banken einfach mehr Mittel haben, um die Wirtschaft mit Geld zu versorgen.

Da ist der Hauptkritikpunkt an dem Ganzen: Es wurde ja befürchtet, dass die Banken diese Gelder, die sie jetzt bekommen, gar nicht weiterleiten. Was ist denn da dran?

Euro Skulptur vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main, Kurs

Euro günstig zu haben: die EZB erleichtert Banken ihr Kreditgeschäft

Ich denke, wenn die Banken sehen, dass sie damit ein passables oder gutes Geschäft machen können, werden sie das Geld mit Sicherheit weiterleiten. Das ist ja ihr Hauptgeschäft, Kredite zu vergeben. Die Wirtschaft ist rückläufig, einfach weil die Nachfrage global sinkt. In einer solchen Situation wird auch weniger an Krediten nachgefragt, das ist die eine Seite. Es brauchen weniger Unternehmen Kredite oder kommen auf die Idee, bei ihrer Bank nachzufragen. Das zweite ist, deren wirtschaftliche Situation verschlechtert sich auch. Das heißt, ein Unternehmen, das an der Kippe zum Konkurs steht, dem wird natürlich nie eine Bank einen Kredit geben, egal, ob wir jetzt in einer schlechten oder einer guten wirtschaftlichen Lage sind. Im Moment wird es so sein, dass es vielen Unternehmen tendenziell schlecht geht, weil deren eigenes Geschäft zurückgeht. Da ist schon ein sehr gutes ökonomisches Fingerspitzengefühl gefragt. Ist das ein Unternehmen, das, egal wie die Wirtschaft ist, demnächst in Konkurs gehen wird? Oder ist es eines, das einfach einmal kurzfristig ein Liquiditätsproblem hat? Ich denke, in einer Situation, wie wir sie jetzt haben, also mit einer extrem starken Rezession, ist es noch einmal schwieriger abzuwägen als in einer normalen Phase, wo es auch schon nicht so einfach ist.

Jetzt sollen die 442 Milliarden Euro ja nicht den Banken helfen, sondern eigentlich die Konjunktur wieder in Schwung bringen. Bundesbankpräsident Axel Weber hat gesagt, die Notenbanken können die Banken auch umgehen und Geld direkt an die Wirtschaft geben. Was halten Sie denn von dieser Idee?

Wenn die Bundesbank aufgrund ihrer speziellen Informationen, die ich jetzt nicht kenne, davon ausgeht, dass es diese Art von Kreditklemme tatsächlich geben sollte, dann ist das sicher eine gute Idee. Allerdings muss dann die Bundesbank auch über Informationen verfügen, die mir jetzt in keinster Weise bekannt sind. Die Bundesbank ist natürlich nicht dazu da, den Bankensektor zu umgehen. Da müsste dann tatsächlich etwas sehr Schwerwiegendes in der Funktionsweise schief gehen. Wenn Herr Weber das so sagt, ist das sicherlich aus seiner Sicht eine ernste Situation, so dass er immerhin mit einem sehr großen Knüppel drohen muss. Aber das scheinen mir eher Einzelfallprobleme zu sein.

Oder das ist die Bedrohungslage, die gerade herrscht. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat gesagt, die Weltwirtschaft befinde sich immer noch im Abschwung. Und er hat gesagt: „Wir müssen wachsam bleiben, wir sind in unkartierten Gewässern und es gibt immer noch das Risiko eines plötzlichen Ausbruchs unerwarteter finanzieller Turbulenzen.“ Das heißt doch im Grunde, dass die Europäische Zentralbank 442 Milliarden Euro in den Markt gepumpt hat und selber nicht ganz sicher ist, ob das jetzt wirklich was bringt?

Die Wirkung von Geldpolitik ist generell schwer abschätzbar. Die Banken haben jetzt mehr Möglichkeiten, Kredite zu vergeben. Sie haben auch einen gewissen Puffer - jedenfalls einen auf zwölf Monate ausgelegten - um damit möglicherweise eigene Probleme zu bereinigen. Und der Zins im Eurogebiet ist insgesamt ebenfalls gesunken. Insgesamt geht das schon in die richtige Richtung. Inwieweit dann dieses große Volumen tatsächlich weitergegeben oder nicht weitergegeben wird, muss man sehen. Ich denke, da muss man jetzt ein paar Monate warten und schauen, was die neuesten Zahlen dann im Juli, August oder September zu der Kreditvergabe aussagen.

Das Interview führte Klaus Jansen.
Redaktion: Sandra Voglreiter

Michael Schröder ist Leiter des Forschungsbereichs "Internationale Finanzmärkte und Finanzmanagement" beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW)

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