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Wirtschaft

China denkt noch nicht an Exit

Die Wirtschaft im Reich der Mitte läuft wieder auf Hochtouren. Eigentlich sollte das Land schleunigst den Exit aus der Stimuluspolitik einleiten, um eine Überhitzung zu verhindern. Doch das ist leichter gesagt als getan.

Zwei Bauarbeiter auf einer Baustelle in Shanghai (Foto: AP)

Die Baubranche boomt in China dank des milliardenschweren Konjunkturprogramms

Für das beherzte Vorgehen in der schwersten Rezession der Nachkriegszeit hat China viel Lob geerntet, auch von Markus Taube, dem China-Experten am Ostasieninstitut der Uni Duisburg-Essen: "Wir haben gesehen, dass die chinesische Regierung sehr schnell, sehr zielgerichtet ein sehr hohes Volumen an Liquidität in den Markt gepumpt hat." Das dafür gesorgt habe, dass sich die chinesische Volkswirtschaft sehr stabil zeige.

Wachstumszahlen wie in alten Zeiten

Das im November 2008 aufgelegte Konjunkturpaket war 460 Milliarden Euro schwer und zeigte bereits wenige Monate später Wirkung. Nach einer kurzen Abkühlung wuchs die chinesische Wirtschaft im dritten Quartal um knapp neun Prozent. Für das nächste Jahr wird sogar ein zweistelliges Wachstum vorausgesagt.

Zwei Passanten vor der chinesischen Zentralbank, People's Bank of China (Foto: DW)

Chinas Notenbank hat viel Liquidität in den Markt gepumpt

Sobald die Weltwirtschaft wieder Tritt fasst, sobald sich die nordamerikanischen und europäischen Volkswirtschaften stabilisieren und Chinas Exporte dadurch wieder anziehen, sollte Peking aus dem Konjunkturprogramm aussteigen, sagt Markus Taube. Schließlich müsste das in den Markt gepumpte Geld auch wieder abgeschöpft werden: "China ist mit Sicherheit einer der ersten Kandidaten, die sich wieder zurückziehen sollten und können."

Das könnte bereits im zweiten Quartal 2010 sein, vorausgesetzt, es kommen keine weiteren Hiobsbotschaften.

China hält an Wachstumsstrategie fest

Doch das sieht die Regierung in Peking ganz anders. Gerade hat das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei beschlossen, 2010 an der Stimuluspolitik festzuhalten. China plagten eine Reihe von Sorgen, sagt He Fan, Wirtschaftsexperte der Akademie für Sozialwissenschaften in Peking: "Wir befürchten, dass die konjunkturelle Erholung nicht stabil genug ist und dass die USA in einer längeren Rezession stecken könnten." Chinas Exporte seien immer noch angeschlagen, die Lage auf dem Arbeitsmarkt weiterhin angespannt. "Deshalb hüten wir uns davor, das Wort 'Exit' in den Mund zu nehmen", sagt He weiter.

Steigende Kurse an der Shanghahier Börse (Foto: AP)

Auch die Börse in China hat dieses Jahr ordentlich zugelegt

Doch birgt die lockere Geldpolitik auch Gefahren. Die Banken vergaben dieses Jahr knapp 900 Milliarden Euro neue Kredite meist an Staatsunternehmen. Das Risiko fauler Kredite steigt. Viele Staatsunternehmen investieren das geliehene Geld in Immobilien und heizen den Häusermarkt weiter an. Um 85 Prozent haben die Verkäufe in den vergangenen zwölf Monaten zugelegt.

Der Immobilienmarkt glüht

Das sei besonders brisant, meint Wirtschaftsexperte He Fan, da es auf dem chinesischen Immobilienmarkt im Gegensatz zu anderen Ländern noch keinerlei Korrekturen gegeben hat: "Das ist ein sehr besorgniserregendes Phänomen. Denn wenn die Preise dort zu sehr steigen, werden sie irgendwann fallen." Wenn das eintrete, dann würde das ein harter Schlag für die chinesische Wirtschaft sein, so der Experte weiter.

Hier werde die Regierung nächstes Jahr einiges unternehmen, um einer weiteren Überhitzung im Immobiliensektor entgegenzuwirken, vermutet He. Auch erwartet er eine andere Gewichtung der staatlichen Förderung. Denn die bisherige Politik habe zu sehr auf die Unterstützung der Exporte gesetzt, was allerdings wenig gebracht hat: "Das wichtigste Instrument ist die Steuerrückerstattung für die Exportunternehmen." Das Ziel ist, die Preise weiter nach unten zu drücken. Aber die chinesischen Produkte sind ohnehin sehr preiswert. Hier ist nach He's Meinung wenig Spielraum. "Wenn die Amerikaner mehr in der Tasche haben, werden sie ohnehin wieder mehr Made-in-China kaufen." Eine Fortsetzung der Exportsubventionen würde dagegen zu mehr Handelskonflikten führen, prophezeit He.

Überkapazität führt zu Handelskonflikten

EU-China-Gipfel in Nanjing, beide Delegationen sitzen einander gegenüber (Foto: AP)

Handelsstreitigkeiten waren auch Thema auf dem EU-China-Gipfel

Zudem mehren sich die Klagen, dass China zuviel von allem produziert und die Weltmärkte überschwemmt. Beispiel Stahl: Hier wird Anfang 2010 eine Überkapazität von 200 Millionen Tonnen erwartet, was dem Vierfachen der Jahresproduktion in Deutschland entspricht. Hinzu kommt, dass China seine Währung Yuan nicht aufwerten lässt und so die Exporte zusätzlich begünstigt.

Wenn, dann gemeinsam mit den Amerikanern

Doch die chinesische Regierung hält nicht nur an der Dollar-Koppelung des Yuan fest, auch will sie sich in der Exit-Frage an den USA orientieren. He Fan glaubt, dass die USA frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2010 eine Exit-Strategie präsentieren würden. Bis dahin würde sich China auch Zeit lassen mit einem Ausstiegsprogramm.

Zu lange sollten China und auch andere Länder allerdings nicht warten. Denn wenn ein Exit zu spät eingeleitet wird, ist die nächste Krise bereits programmiert. China-Experte Markus Taube sieht Gefahren darin, dass übermäßige Liquidität in der Volkswirtschaft angesammelt wird und dass sich das Inflationspotential dadurch mittelfristig weiter erhöht. "Es wäre die Gefahr, dass sich die Volkswirtschaft insgesamt weniger an den Marktgegebenheiten orientiert, sondern sich an die staatliche Steuerung gewöhnt und dass mittelfristig Industriestrukturen aufgebaut werden, die dann im Markt nicht mehr Bestand haben können."

Autorin: Zhang Danhong
Redaktion: Rolf Wenkel

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