1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Ausstellung in Berlin: Warum Hitler Gemälde gestohlen hat – und unter einem verborgen war

Zeitgenössische Kunst war Hitler ein Dorn im Auge. Er ließ Tausende Arbeiten konfiszieren. Moderne Gemälde wurden verbrannt oder verkauft. Eine Ausstellung in Berlin wirft nun einen Blick auf dieses dunkle Kapitel.

Bei seiner Eröffnung 1919 hätte der Kronprinzenpalais – der Bereich für Moderne Kunst in der Berliner Nationalgalerie – nicht hipper sein können. Zu diesem Zeitpunkt deutete alles darauf hin, dass die deutsche Hauptstadt weiterhin eine Brutstätte für zeitgenössische Kunst bleiben würde. Kaum jemand konnte ahnen, dass ihr Erfolg nur von kurzer Dauer sein sollte – genauso wie bei der Weimarer Republik.

Adolf Hitler war selbst Maler, wurde aber zweimal von der Kunstakademie in Wien abgewiesen. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht ergriffen, wollte er dem ihm verachteten Genre der Modernen Kunst ein Ende setzen. Künstler mussten sich entweder anpassen oder fliehen. Und trotzdem gibt es immer noch viele moderne Kunstwerke aus dieser Epoche. Und die erzählen alle eine Geschichte.

Ab Samstag (21.11.2015) werden mehr als 60 Kunstwerke im Berliner "Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart" gezeigt. In der Ausstellung "Die Schwarzen Jahre. Geschichten einer Sammlung. 1933 – 1945". Der eigentliche Ort der Sammlung, die Neue Nationalgalerie, wird gerade renoviert. "Ich glaube, es ist die Pflicht unseres Museums, die Sammlungen auszustellen und eine offene Diskussion darüber zu führen", sagte Kurator Dieter Scholz.

Ein künstlerisches Zeichen gegen den Faschismus

Der Titel der Ausstellung soll einerseits an Zerstörung und Trauer erinnern, ist aber auch von Karl Hofers zweiter Fassung des Gemäldes "Die schwarzen Zimmer" (1943) inspiriert. Bomben der Alliierten hatten das Original von 1928 zerstört. "Das ist ein Statement gegen Faschismus", sagte Scholz. "Hofer akzeptierte nicht, dass das Gemälde wegen der Nazis zerstört worden war." Der Künstler war der Leiter der Berliner Kunstakademie. Wie viele aus seinem Umfeld musste er nach Hitlers Machtergreifung seinen Posten räumen.

Zwei fast identische Selbstporträts von Hofer sind auch in der Ausstellung zu sehen. Das Originalbild von 1935 konfiszierten die Nazis, weil sie es für "entartet" hielten – ein Begriff, der für alle modernen Kunstwerke – von expressionistisch bis surrealistisch – galt. "Hitler hasste jede Form von Kunst, die nicht der traditionellen Norm entsprach", sagt die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann von der Forschungsstelle "Entartete Kunst" der Freien Universität Berlin.

Die Nazis konfiszierten 16.000 Werke

Die Entwicklung so vieler unterschiedlicher Stile in dieser Zeit war ein Zeichen für Individualität und Demokratie – zwei Werte, die im Widerspruch zur konformistischen Haltung des Regimes standen. Das Hofer-Portrait war eines der 500 Kunstwerke, die das Nazi-Regime aus der Nationalgalerie konfiszierte. Federführend dafür war der Propagandaminister Joseph Goebbels, der ironischerweise zuvor selbst expressionistische Literatur verfasst hatte.

Zusammen mit ungefähr 600 weiteren Arbeiten bildeten die Werke 1937 eine Ausstellung über "entartete Kunst" in München. Viele der zwei Millionen Besucher seien damals wahrscheinlich gezwungen worden, ins Museum zu gehen, sagt Dieter Scholz. Dort waren Werke von bekannten Künstlern des 20. Jahrhunderts wie Lyonel Feininger, Wassily Kandinski und Marc Chagall gezeigt worden. Daneben hingen Tafeln mit rassistischen Beleidigungen.

Insgesamt konfiszierten die Nationalsozialisten 16.000 "entartete" Kunstwerke. Als wertvoll erachtete Arbeiten versteigerten sie bei Auktionen. Hofers Originalportrait verkauften sie an einen US-amerikanischen Sammler. Das Werk fand erst im vergangenen Jahr ins Museum zurück.

Landschaften ersetzten Menschen

Auf der Washingtoner Konferenz 1999 stand die Frage im Mittelpunkt, was mit den von den Nazis beschlagnahmten Kunstwerken passieren sollte. Man drängte Museen, ihre Sammlungen nach konfiszierter Kunst zu durchforsten. Diese Diskussion hat die deutschen Museen in den vergangenen Jahren bewegt, sagte Scholz. Manche Werke seien immer noch nicht ihren rechtmäßigen Erben zurückgegeben worden.

Bis Ende des Jahres 1933 hatte das Museum die meisten Kunstwerke, auf denen Menschen zu sehen waren, durch Stillleben und Landschaftsbilder ersetzt. Nach der Weimarer Republik verlor Otto Dix seinen Ruhm vergangener Tage und wurde zur Dauer-Zielscheibe des Regimes. Er verkaufte während dieser Zeit Landschaftsgemälde. Gleichzeitig malte er weiter an seinen umstrittenen Kriegsgemälden.

Sein Werk "Flandern" zeigt halbtote Soldaten in einem Schützengraben – genau die Art antipatriotische Kunst, die den Nazis ein Dorn im Auge war. "Das ist kein Bild von einem heldenhaften Soldaten im Krieg", sagt Scholz. "Meiner Meinung nach ist das direkte Kritik." 1937 hörte das Museum auf, überhaupt Kunst von lebenden Künstlern zu sammeln. Deswegen gab es in der Ausstellung keine Portraits von Hitler. Das dachte man zumindest, bis Scholz und seine Kollegen eine eigenartige Entdeckung machten.

Hitler erscheint unter einer Farbschicht

Erwin Hahs war von den Nazis verfolgt worden. Eines Tages erhielt den Auftrag ein Portrait des Führers für eine Schule in Stendal zu fertigen. Hahs malte Hitler vor glühenden roten Ruinen - den Behörden gefiel das ganz und gar nicht. Später benutzte Hahs die Leinwand einfach noch einmal. Er malte einen Akt und nannte ihn "Das große Requiem". Als die Kuratoren die Ausstellung vorbereiteten, fanden sie im Brief der Witwe des Künstlers einen Hinweis auf das verborgene Gemälde. Sie durchleuchteten das Werk und fanden das versteckte Hitler-Portrait.

"Ausstellungen mit Arbeiten aus dieser Zeit sind sehr wichtig, weil sie Fragen über die Vergangenheit hervorrufen", sagt die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann. "Es gibt so viel, was wir nicht über das Dritte Reich wissen. Und wir müssen noch viel forschen, damit das Gleiche in der Zukunft nicht noch einmal passiert."

Die Redaktion empfiehlt