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Asien

Aung San Suu Kyi: "Ikone mit Rissen"

Friedensnobelpreisträgerin Aug San Suu Kyi wird 70. Was die "Eiserne Lady" im Kampf für Demokratie in Myanmar erreicht hat und welche politische Rolle sie in ihrer Heimat spielen könnte, erklärt Hans-Bernd Zöllner.

Aung San Suu Kyi bei ihrer Freilassung 2010. (Foto: EPA)

Aung San Suu Kyi bei ihrer Freilassung 2010

Deutsche Welle: Herr Zöllner, Aung San Suu Kyi, die jetzt 70 Jahre alt wird, erfährt auf der ganzen Welt Verehrung als Freiheitsikone. Wo liegt aus Ihrer Sicht ihr größter politischer Verdienst?

Hans-Bernd Zöllner: Das wird man meiner Meinung nach erst im Rückblick genau sagen können, frühestens an ihrem 100. Geburtstag. Denn der Transformationsprozess in Myanmar, an dem sie maßgeblich beteiligt ist, ist noch lange nicht abgeschlossen. Ein paar Monate nach ihrem Geburtstag werden die nächsten Wahlen stattfinden, die dann den Weg in die weitere Zukunft weisen. Noch ist es nicht klar, ob sie daran teilnimmt. Das ist eine der vielen offenen Fragen.

Ihr größtes Verdienst besteht sicherlich darin, dass sie für eine breitere Öffentlichkeit im In- und Ausland die Frage nach der Zukunft Myanmars und möglicherweise auch anderer Länder in ähnlichen Situationen ins Bewusstsein gerückt hat, so dass das Land und seine Probleme nicht vergessen werden.

Hans-Bernd Zöllner. (Foto: Privat)

Hans-Bernd Zöllner, Biograf von Aung San Suu Kyi

Sie haben die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen angesprochen, die Ende des Jahres stattfinden sollen. Welche Aufgabe könnte Aung San Suu Kyi danach in der politischen Landschaft Myanmars übernehmen? Präsidentin kann sie ja nach dem Gesetz nicht werden, weil sie mit einem Ausländer verheiratet war und ihre beiden Söhne britische Staatsbürger sind.

Ja, sie kann keine Präsidentin werden. Auch die Verfassung kann nicht mehr geändert werden, dazu reicht die Zeit nicht. Nach meiner Einschätzung könnte ihre Rolle vor allem darin bestehen, dass sie dazu beiträgt, dass zum ersten Mal in der politischen Geschichte Myanmars ein Kompromiss zwischen den Menschen wird, die bisher die Politik Myanmars bestimmt haben. Zum einen sind es die Militärs, und zum anderen die Zivilisten, die aus den Reihen der Militärs herausgetreten waren. Das ist die sogenannte Opposition, die von Aung San Suu Kyi repräsentiert wird.

Wenn es dort zu einer Einigung kommen sollte, die aller Wahrscheinlichkeit nach schon jetzt hinter den Türen verhandelt wird und in unseren kritisch-westlichen Augen als eine Art Kuhhandel bezeichnet werden könnte, wäre das dann ein eminenter Durchbruch. So etwas hat es in der bisherigen politischen Geschichte Myanmars noch nicht gegeben.

Das makellose Bild der Friedensnobelpreisträgerin hat in den vergangenen Jahren aber auch Risse bekommen. Ihre frühere Rolle als Ikone der Freiheit hat Aung San Suu Kyi seit dem Ende ihres Hausarrests Ende 2010 mehr und mehr eingetauscht gegen die einer pragmatischen Politikerin. Dafür hat sie auch viel Kritik einstecken müssen. Wie hat sie diesen Wandel bewältigt?

Aung San Suu Kyi bei der Abstimmung im Jahr 2014. (Foto: Reuters)

Aung San Suu Kyi bei der Abstimmung im Jahr 2014

Ich habe meine Zweifel, ob es da in ihrer Person überhaupt einen Wandel gegeben hat. Ich denke, der Wandel liegt im Wesentlichen im Auge des Betrachters, also in unseren Augen. Sie ist ja auf den Sockel einer Ikone gestellt worden. Das, was man ihr vorhalten könnte, ist, dass sie sich nicht sonderlich dagegen gewehrt hat, dass sie sowohl von ihren Landsleuten als auch von der internationalen - vor allem westlichen - Öffentlichkeit auf dieses Ikonen-Dasein reduziert worden ist.

Sie hat, seitdem sie in der Politik ist, immer darauf bestanden, dass sie Politikerin ist, die eine Partei gegründet hat. Und sie hat jetzt mit den aktuellen, vielfältigen und meiner Ansicht nach kurzfristig auch unlösbaren Problemen der Politik Myanmars zu kämpfen. Und natürlich auch mit den Rissen, die das Bild einer Ikone bekommt, wenn es zu lange an der Wand hängt.

Welche Probleme sind das konkret?

Im Vordergrund stehen vor allem die multi-ethnischen Probleme: Wie könnte eine Versöhnung zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen aussehen? Die anerkannten Volksgruppen sind immer noch nicht hundertprozentig bereit, mit der Zentralregierung Frieden zu schließen. Aber auch die Versöhnung mit den Muslimen. (Anm. d. Red.: Die Mehrheit der Bevölkerung Myanmars glaubt, dass die muslimischen Rohingyas Bengalis seien. Offiziell werden sie nicht von der Regierung als ethnische Gruppe anerkannt.) Das sind schwierige Fragen.

Die NLD von Aung San Suu Kyi hat 34 von 440 Sitzen im myanmarischen Parlament inne. (Foto: dpa)

Die NLD von Aung San Suu Kyi hat 34 von 440 Sitzen im myanmarischen Parlament inne

Noch schwieriger ist das Problem, eine funktionierende Wirtschaft unter Führung der größten Volksgruppe, der ethnischen Birmanen, in Gang zu bringen, ohne dass passiert, was in früheren Zeiten passiert ist, dass nämlich dieses zweifellos reiche Land wirtschaftlich so genutzt worden war, dass die Früchte des Reichtums im Wesentlichen von Ausländern geerntet wurden - von Chinesen, Japanern, Koreanern, Indern oder auch von Westlern. Das ist eine der Erblasten in Myanmar. Bisher ist es offensichtlich nicht gelungen, die Bevölkerungsmehrheit so zu befrieden, dass sie das Gefühl hat, von den Reichtümern des Landes zu profitieren. Das wird unglaublich schwierig.

Sehen Sie Chancen, dass Aung San Suu Kyi diesbezüglich etwas bewirken kann?

Nein, da bräuchte sie Ratgeber. Ich denke, dass sie dafür keine große Fachkompetenz hat. Das ist eine der Schwierigkeiten, die nur im Teamwork von mehreren Seiten gelöst werden kann, und natürlich auch mit internationaler Hilfe. Und da stellt sich das andere Problem, das sich in dieser Ikonen-Rolle auch schon zeigte: Der Westen hat von den politischen, ökonomischen und sonstigen Strukturen des Landes wenig Ahnung und die asiatischen Helfer haben kein großes Interesse daran, dem Land zu helfen. Sie wollen - was nicht ehrenrührig ist - im Wesentlichen sich selbst helfen.

Symbolbild Massengräber von Flüchtlingen in Malaysia

Flüchtlinge vor Malaysia

Sie haben die ethnischen Konflikte angesprochen, die ja im Moment durch die Flüchtlingskrise auch sehr aktuell sind. Wie beurteilen Sie Aung San Suu Kyis Schweigen zum Thema der Rohingya-Flüchtlinge?

Sie schweigt ja nicht ganz. Und was sie sagt, ist zum Teil vollkommen richtig. Das Problem ist hoch komplex und historisch aufgeladen. Und wenn man es unter dem Gesichtspunkt ihres Markenzeichens "Demokratie" betrachtet, dann ist es so, dass die Mehrheit der buddhistischen Bevölkerung der Meinung ist, dass die Muslime generell und die Rohingyas im Speziellen nicht ins Land gehören. Nach ihrer Logik gehören "Bengalis" nicht zu Myanmar. Das ist die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung. Daran würde sich nichts ändern, wenn Aung San Suu Kyi sagen würde: Doch, sie gehören hierher.

Abgesehen davon ist es, wenn man es historisch nachzuverfolgen versucht, höchst schwierig herauszufinden, was stimmt und was nicht. Es ist ein politisch schwieriges Thema. Diesbezüglich würde ich Aung San Suu Kyi hundertprozentig verteidigen. Dazu eine einfache Aussage zu machen, so wie es vor allem ihre Anhänger im Ausland wollen, wäre verkürzt und würde auch nicht viel helfen.

Hat Aung San Suu Kyi in den vergangenen Jahren auch politische Fehler gemacht oder ungünstige Entscheidungen getroffen?

Das ist schwer zu sagen. Sie konnte bisher noch nicht richtig Politik machen. Sie ist Abgeordnete in einem Parlament, in dem keine großen Debatten geführt werden. Ihr Problem besteht darin, dass sie einen Dreier-Spagat vornehmen muss zwischen den in Myanmar vorherrschenden traditionellen Vorstellungen von Politik, ihren eigenen Vorstellungen einer westlich beeinflussten Demokratie und den verfassungsrechtlichen Regeln von 2008, denen sie ja durch die Annahme des Mandats im Parlament zugestimmt hat.

Im Parlament werden keine großen Reden geschwungen. Es werden Fragen gestellt und Diskussionsbeiträge geliefert. Nach unserem Politikverständnis ist es nur schwer möglich, dort Politik zu machen, zumal es in diesem Modell auch keine Fraktionsvorsitzenden gibt. Aung San Suu Kyi ist die prominenteste Angehörige einer Partei, die 34 von 440 Sitzen innehat. Da kann man bisher nicht viel erwarten. Was sie überwiegend gemacht hat und weiter macht, ist Symbolpolitik. Inwieweit das dann am Ende zu einem Kompromiss zwischen ihr und den überwiegend aus dem Militär stammenden Männern, die bisher die Zügel in der Hand haben, führen könnte, ist die große offene und spannende Frage.

Hans-Bernd Zöllner kennt und erforscht Myanmar seit vielen Jahren. In Kürze veröffentlicht er "Die Tochter", eine politische Biografie über Aung San Suu Kyi im Horlemann-Verlag.

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