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Kultur

Auf den Spuren der "Schwabenkinder"

Kinderarbeit gab es in Deutschland bis weit ins 20. Jahrhundert - das zeigt die Geschichte armer österreichischer Kinder, die auf oberschwäbischen Höfen schufteten. Die DW hat einen der letzten Zeitzeugen getroffen.

Hügellandschaft im Allgäu und Bergkette der Alpen (Foto: Regina Mennig/DW)

Schwabenkinder

Vier Monate nach dem Tod seiner Mutter ging es nicht mehr anders: August Dorn, ein schüchterner 10-jähriger Junge, musste seinen Rucksack packen und sein österreichisches Heimatdorf Riefensberg verlassen. Sein Vater war Handwerker, häufig ohne Arbeit - und ratlos, wie er seine fünf Kinder ernähren sollte. Und so fällte er eine Entscheidung, die in den Alpendörfern südlich des Bodensees schon Tausende Väter vor ihm getroffen hatten: Sein Sohn sollte nach Oberschwaben gehen und von Frühjahr bis Herbst auf dem Hof eines wohlhabenden Bauern arbeiten.

Ein Schwabenkind mit großem Rucksack unterwegs (Foto: Bauernhaus-Museum)

Vor dem Bau der Eisenbahn gingen die "Schwabenkinder" zu Fuß - bis zu 200 Kilometer, über verschneite Alpenpässe

August Dorn ist heute ein munterer 82-jähriger Mann und einer der letzten Zeitzeugen, die vom so genannten "Schwabengehen" noch aus eigener Erfahrung erzählen können. Mit seinen Erinnerungen aus dem Jahr 1940 geht er vorsichtig um: "Ich will nicht nur vom Negativen berichten. So lange man zu essen hat, kann man ja vieles aushalten. Aber den Bauersleuten auf meinem ersten Hof konnte ich einfach nichts recht machen. Sie haben mich nur beschimpft, sonst wurde kaum mit mir geredet." August Dorn bekam keinen Zucker in den Kaffee, keine Kirschen aus dem Obstgarten, und auch das Badevergnügen am Sonntagnachmittag wollte der Bauer ihm verbieten.

Zeitreise mit dem Smartphone

Klare Eindrücke vom Leben einzelner "Schwabenkinder" wie August Dorn gab es bislang selten. Denn obwohl sich diese spezielle Form der Arbeitsmigration vom 17. bis weit ins 20. Jahrhundert erstreckte, sind kaum autobiografische Beschreibungen zurückgeblieben. 70 Jahre, nachdem die letzten Kinder aus der Alpenregion auf oberschwäbischen Höfen schufteten, haben die Nachfahren auf beiden Seiten des Bodensees nun begonnen, tiefer in die Geschichte des "Schwabengehens" einzutauchen.

Bauernhaus im Bauernhaus-Museum in Wolfegg, wo ein Schwabekind lebte (Foto: Bauernhaus-Museum)

In diesem Hof, heute zu besichtigen im Bauernhaus-Museum in Wolfegg, lebte ein "Schwabenkind" aus Graubünden

Die Fäden der neuen Nachforschungen laufen im Bauernhaus-Museum in Wolfegg zusammen. Es liegt zwischen Allgäu und Oberschwaben, zwischen sanften Hügeln und Barockkirchen, mitten im früheren Einsatzgebiet der "Schwabenkinder". Hierher kommen immer wieder Enkel oder Urenkel ehemaliger "Schwabengänger", die wissen wollen, wo ihre Vorfahren arbeiten mussten. Und hier entstand die Initiative, Dienstbotenverzeichnisse in Deutschland und Schularchive in den angrenzenden Alpenländern zu durchkämmen. So konnten Historiker kurze Biografien von rund 8.000 "Schwabenkindern" rekonstruieren - der Anstoß, die Schicksale dieser Kinder auch in ihren Herkunftsländern wieder aufzurollen.

In Liechtenstein und in der Schweiz, in Österreich, Norditalien und auch in Süddeutschland gibt es inzwischen neue Ausstellungen über das "Schwabengehen". Zwischen den insgesamt 27 Museen und Kultureinrichtungen schlängeln sich jahrhundertealte Wege: die Routen, auf denen viele "Schwabenkinder" vor dem Bau der Eisenbahn oft mehrere Tagesmärsche unterwegs waren, um zu ihren Dienstherren zu gelangen. Mit einer Smartphone-App und einem neu erscheinenden Wanderführer werden diese teils vergessenen Wege ab Juni 2012 wieder auffindbar sein; zunächst im nordösterreichischen Vorarlberg und im süddeutschen Oberschwaben.

Was die Kinder zum "Schwabengehen" zwang

Berghang in Österreich mit vielen Heuschobern (Foto: Elmar Bereuter)

Dass der Besitz von Bauern in Österreich unter allen Kindern einer Familie aufgeteilt wurde, ist bis heute sichtbar

Wer sich auf diese alten Wege begibt, hat die malerische Kulisse der Alpen vor Augen - und eine Landschaft, in der die Triebkräfte für das "Schwabengehen" bis heute sichtbar sind. An österreichischen Berghängen drängt sich nicht selten eine Ansammlung vieler kleiner Heuschober auf engem Raum. In Oberschwaben dagegen gehören weitläufige Felder um große Gehöfte zum Landschaftsbild. "Daran sieht man die unterschiedliche Handhabung des Erbrechts", erklärt der Heimatforscher Elmar Bereuter, der das Netz der "Schwabenkind"-Wege mithilfe von historischen Landkarten wieder aufgespürt hat.

"In Süddeutschland erbte meist der älteste Sohn den gesamten Besitz der Eltern, die übrigen Kinder konnten nur als Knechte oder Mägde auf einem Hof bleiben. Man kann natürlich darüber streiten, was ist sozial gerechter", sagt Bereuter mit Blick auf die Situation in Österreich. Dort wurden Bauernhöfe nach dem Tod der Eltern unter allen Geschwistern aufgeteilt. So mussten immer kleinere Hof-Parzellen eine immer größere Anzahl von Familien ernähren. Wenn Eltern und Kinder mit Gelegenheitsarbeiten nicht genug dazu verdienen konnten, gab es oft nur noch einen Ausweg: die Kinder mussten sich bei Bauern in Oberschwaben "verdingen".

Empörung über "Kindersklavenmärkte"

Die Schwelle zu ihrem Leben bei fremden Dienstherren war für die meisten "Schwabenkinder" der Bodensee - sobald sie mit dem Schiff das deutsche Ufer erreicht hatten, ging es zu den "Hütekindermärkten" in Friedrichshafen und Ravensburg. Dort handelten die Bauern mit den Begleitern der Kinder aus ihren Heimatdörfern, oft Geistliche oder Kriegsversehrte, die Arbeitsbedingungen und einen kargen Lohn aus. Der Heimatforscher Elmar Bereuter schätzt, dass die letzten Schwabenkinder nach heutigen Maßstäben etwa 200 Euro verdienten - für acht Monate Arbeit, oft waren nicht einmal die Sonntage frei.

Ein Schiff fährt aus dem Hafen von Lindau am Bodensee (Foto: Regina Mennig/DW)

Der Bodensee war für viele "Schwabenkinder" die Schwelle zu einem Leben bei fremden Dienstherren

Zeitungsberichte über "zeitweilige Knechtschaft" und "Kindersklavenmärkte" gelangten zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis über den Atlantik und sorgten für hektischen diplomatischen Briefwechsel zwischen Deutschland und den USA. Die Behörden in Süddeutschland empörte der Vorwurf, dass das "Schwabengehen" menschenunwürdige Sklaverei sei. Im Jahr 1921 führten sie schließlich die Schulpflicht auch für ausländische Kinder ein. Daher wurden "Schwabenkinder" für viele Bauern uninteressant, und die "Hütekindermärkte" verschwanden. "Lange hat man geglaubt, das 'Schwabengehen' habe sich damit erledigt", erzählt Elmar Bereuter. "Aber irgendwann sind die Forscher aus allen Wolken gefallen. Einer, Otto Uhlig, war gerade fertig mit einem Werk über die 'Schwabenkinder', da stellte er fest, dass das Ganze weitergegangen ist bis zum Zweiten Weltkrieg - und zwar nicht nur mit einzelnen Kindern, sondern mit Hunderten. Und unter diesen Kindern war eben auch August Dorn."

"Bei dieser Familie habe ich dazu gehört"

August Dorn gehört außerdem zu jenen "Schwabenkindern", die den Kontakt zu ihren Bauern in Oberschwaben über Jahrzehnte gehalten haben. In den Sommermonaten 1941 bis 1943 arbeitete er auf einem Hof in Legau im Unterallgäu, und dort erging es ihm besser als bei seiner ersten Dienststelle. "Ich weiß noch genau, wie da morgens alle miteinander am Tisch saßen. Wir haben erst angefangen zu essen, wenn der Bauer drei Kreuzzeichen gemacht hatte und Brotstücke in eine Schüssel mit Milch oder Kaffee gegeben hatte. Bei dieser Familie habe ich dazu gehört, das war halt das Schöne", erzählt August Dorn.

August Dorn mit dem Ehepaar, das heute den Hof bewirtschaftet, auf dem er als Schwabenkind arbeitete (Foto: August Dorn/privat)

August Dorn besucht heute noch den Bauernhof, auf dem er als "Schwabenkind" arbeitete - inzwischen wird der Hof von den Enkeln des alten Bauern bewirschaftet

Später erhielt er aus Legau einen Brief - darin stand, er sei immer willkommen. "Eines ist mir bei meinen Besuchen aufgefallen: Die Kühe waren bei mir früher sauberer", sagt der ehemalige "Schwabenjunge" schmunzelnd. Während seiner Zeit auf dem Hof war er für das Ausmisten der Ställe und für die Kälbchen zuständig.

Auch wenn er die Arbeit mit den Tieren mochte, in der Landwirtschaft wollte August Dorn nicht bleiben. Sein Vater fand für ihn schließlich eine Lehrstelle in einer Bäckerei - "ein Beruf, mit dem du nie mehr hungern musst", wie er seinem Sohn sagte. In August Dorns Wohnzimmer im österreichischen Feldkirch hängt heute noch sein Meister-Brief aus dem Jahr 1951, damit eröffnete er seine eigene Bäckerei und ein Café. Und vor seiner Haustür führt eine Straße hinauf in die Alpen - dorthin, wo der Weg vieler "Schwabenkinder" einst begonnen hat.

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