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Filme

Archaische Ausstrahlung: Zum Tod von Jeanne Moreau

Berühmt wurde Jeanne Moreau in Frankreich auch auf der Bühne - als Theaterstar und als Sängerin. International wird sie dagegen vor allem als Filmschauspielerin in Erinnerung bleiben. Sie war eine der größten.

Es ist das Schicksal der großen Doppelbegabungen, die auf den Theaterbrettern ebenso wie vor den Filmkameras Großes leisten - in Erinnerung bleiben werden vor allem die Filme. Wer sie im Theater gesehen hat, darf sich glücklich schätzen, es waren einmalige Auftritte. Doch die Filme werden bleiben. Und der Zauber der Moreau wird sich auch dem noch erschließen, der erst später die Filme der Französin sieht.

Die Nouvelle Vague machte sie groß - und umgekehrt

Vorausgesetzt man hat die Augen und die Ohren dafür, denn die Moreau, so scheint es zumindest heute im Rückblick, gehörte einer anderen Zeit an. Das hat zwei Gründe. Auch wenn Jeanne Moreau bis vor ein paar Jahren immer noch in Filmen mitspielte, die unvergesslichen Werke der Kinogeschichte, in denen sie agierte, liegen bereits einige Jahre zurück. Ihre Zeit waren vor allem die 1960er Jahre. In dieser Dekade, als die französischen Regisseure der Nouvelle Vague das Kino umkrempelten mit furiosen Neuerungen und mutigen ästhetischen Einfällen, da war es die Moreau, die zu einem der Gesichter ebenjener Nouvelle Vague wurde.

Filmszen aus Jules et Jim mit Moreau auf Fahrrad (picture-alliance/Mary Evans Picture Library)

Jeanne Moreau im Film Jules et Jim

Noch vor ihrem vielleicht berühmtesten Film, "Jules und Jim" von François Truffaut (1961), spielte sie für Regisseur Louis Malle zwei unvergessliche Rollen. In "Fahrstuhl zum Schafott" stand sie schon einmal, vier Jahre vor "Jules und Jim", zwischen zwei Männern, ihrem Liebhaber und dem älteren Gatten. Beide brachte sie um den Verstand, den Soundtrack steuerte damals Miles Davis dazu - und alles zusammen, die Musik, die Regie und vor allem das Spiel der damals schon knapp 30-jährigen Moreau machen "Fahrstuhl zum Schafott" noch heute zu einem der großen Gesamtkunstwerke des 20. Jahrhunderts.

"Die Liebenden" mit der Moreau wurde zu einem Skandal

Die andere Rolle spielte sie für Malle im Jahr darauf im Film "Die Liebenden". Wieder brachte sie die Männerherzen zum Explodieren, doch diesmal entwickelte sich die ganze Sache zu einem ausgemachten Skandal: Denn Jeanne Tournier, jener Filmcharakter, verkörpert von Jeanne Moreau, die für ihren Liebhaber Ehemann und sogar das eigene Kind verlässt, rüttelte Ende der 1950er an den Grundpfeilern der Gesellschaft.

Eine Frau, die ihrer Familie ade sagt, um sich erotischen Freuden hinzugeben, das war skandalös, in manchen Ländern beschäftigte "Die Liebenden" sogar die Gerichte. Und wie immer, wenn eine weibliche Rolle so kontrovers diskutiert wird, färbte das auch ein wenig auf die Schauspielerin ebenjener Rolle ab. Jeanne Moreau war auf einmal viel mehr als nur ein junger französischer Kinostar - sie war eine Persönlichkeit, die für Eigenständigkeit, Selbstbewusstsein, aber auch für sexuelle Revolution, Emanzipation und Ekstase stand.

Jeanne Moreau: Verführerische, aber auch reife Ausstrahlung

Womit wir zum zweiten Grund kommen, warum die Moreau zu einem ganz besonderen Star der Filmgeschichte wurde. Es war ihr Alter, das Alter, in dem sie zum Star wurde und das man ihr auch ansah. Zwar hatte die 1928 in Paris geborene Moreau ihr Filmdebüt mit 21 gegeben und in den 1950er Jahren einige Rollen in französischen Filmen übernommen, doch der große Durchbruch und die damit verbundenen tragenden Hauptrollen kamen, als sie bereits auf die 30 zuging. Anders als viele Schauspielkolleginnen der Zeit wurde die Moreau für Charakter, Ausstrahlung und Tiefe bewundert - nicht nur für jugendliche Frische und Schönheit.

Italien Film Die Nacht (picture-alliance/United Archiv)

Melancholisch und nachdenklich mit Marcello Mastroianni in "Die Nacht"

Das erkannte auch das italienische Kinogenie Michelangelo Antonioni, der sie 1961 an der Seite von Marcello Mastroianni besetzte und die Moreau zum Strahlen brachte. "Eine Frau ist ein Frau" hieß der Film von Nouvelle-Vague-Bilderstürmer Nr. 1 Jean-Luc Godard, der im gleichen Jahr entstand und der Titel des Films sprach, indirekt, Bände. Die Moreau war längst nicht mehr festzulegen, sie war ungemein charmant, sexy und verführerisch und doch hatte sie auch etwas erfahrenes, melancholisches, ja fast trauriges an sich.

"Jules und Jim" wurde zu ihrem vielleicht größten Erfolg

1961 holte sie François Truffaut dann für seinen heute als Klassiker geltenden Film "Jules und Jim" vor die Kamera und auch hier zeigte sie wieder das, was sie in den vorangegangenen Filmen so faszinierend auf die große Leinwand gebracht hatte: eine Frau zwischen zwei Männern, hingebungsvoll und verspielt beiden gegenüber, aber auch eigenständig und unnahbar. Oskar Werner und Henri Serre treffen in "Jules und Jim" bei einem Griechenland-Aufenthalt auf eine Statue des klassischen Altertums, auf deren Antlitz ein gewisses Lächeln zu sehen ist. Bei ihrer Rückkehr nach Frankreich sehen sie dieses Lächeln wieder - bei Catherine (Jeanne Moreau), beide verlieben sich in diese faszinierende Frau. Spätestens mit diesem Film war die französische Schauspielerin Jeanne Moreau unsterblich geworden.

Tagebuch einer Kammerzofe - Szene mit Jeanne Moreau und zwei Frauen (picture-alliance/dpa)

Dienend, aber auch aufständisch in Luis Buñuels "Tagebuch einer Kammerzofe"

In den 1960er Jahren spielte sie noch weitere unvergessliche Rollen für große Regisseure. Der Amerikaner Orson Welles besetzte sie in seiner Kafka-Verfilmung "Der Prozeß", dessen hauptsächlich in England arbeitende Landsmann Joseph Losey ließ die Moreau "Eva" (1962) spielen. Bei Louis Malle war sie dann wieder in "Das Irrlicht" (1963) zu sehen. Luis Buñuel konnte sich auf ihren zurückhaltend melancholische Art in "Das Tagebuch einer Kammerzofe" (1964) verlassen. Ab Mitte des Jahrzehnts begann Moreau auch witzigere Rollen zu spielen, mit Brigitte Bardot "erfand" sie in Louis Malles Abenteuergroteske "Viva Maria!" den Striptease.

Die Moreau war auch bei Fassbinder und Wenders zu sehen

Auch in den folgenden Jahrzehnten trat die Schauspielerin kontinuierlich im europäischen Kino auf. Sogar für deutsche Regisseure arbeitete sie hin und wieder. Sie spielte in Rainer Werner Fassbinders Jean-Genet-Verfilmung "Querelle" 1982 unvergessen eine Puffmutter. Wim Wenders holte sie gleich zweimal vor die Kameras: 1991 war sie in seinem monumentalen Road-Movie "Bis ans Ende der Welt" zu sehen. Vier Jahre später noch einmal in "Jenseits der Wolken", den der Deutsche für Michelangelo Antonioni inszenierte, weil dieser wegen schwerer Krankheit die Regieanweisungen nicht mehr selbst geben konnte. Die Moreau meisterte auch diesen schwierigen Spagat.

In Erinnerung bleiben wird die große französische Schauspielerin Jeanne Moreau mit ihren dunklen Augen, dem tiefgründigen verschatteten Blick, den immer leicht heruntergezogenen Mundwinkeln, aber vor allem als eine schon etwas reifere Frau, deren Geheimnis nie ganz zu ergründen war. Sie hat den Männern Liebe und Zuneigung geschenkt, auch sexuelle Erfüllung, aber sie hat sich nie ganz hingegeben, war immer selbstbewusst und eigenständig. Gerade das hat sie so faszinierend gemacht. Jetzt ist Jeanne Moreau mit 89 Jahren gestorben.

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