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Wissen & Umwelt

Antarktis: Mysteriöses Loch aufgetaucht

In den 1970er Jahren war es schon einmal da, sogar viermal größer. Forscher rätseln, was dort genau vor sich geht. Eine unbemannte Sonde könnte jetzt das Geheimnis lüften.

Ein 80.000 Quadratkilometer großes Super-Rätsel entwickelt sich gerade vor der Antarktis im Weddell-Meer. Satellitenbilder zeigen dort eine Fläche ohne Eis, die trotz Außentemperaturen von circa minus 20 Grad zustande kommt. Das Loch von der doppelten Fläche der Niederlande sorgt für viele Fragezeichen bei Ozean-Forschern. Bis jetzt konnten sie die Fläche noch nicht genauer untersuchen.

Grafik Loch in der Antarktis ( Universität Bremen)

Auf anderen Satellitenbildern ist das Loch auch deutlich zu sehen (Stern).

"Wir haben hunderttausende von Quadratkilometern Meereis und auf einmal ist da ein Loch drin! Das ist schon sehr außergewöhnlich", sagt Dr. Michael Schröder, Ozeanograph am Alfred-Wegener-Institut.

Polynja - so heißen eisfreie Flächen im Meereis. Eigentlich kommen sie nur in Küstennähe vor, wenn das Eis durch Winde von der Küste weggetrieben wird. Doch diese mysteriöse Polynja, die das letzte Mal 1976 beobachtet wurde, ist direkt von einer dicken Eisschicht umgeben. "Es gibt schon mal kleine Polynien", sagt Schröder. "Aber dieses Ausmaß und diese Lage im Weddell-Meer ist wirklich einzigartig."

Mehr zur Forschung in der Antarktis: "Wir beobachten noch nie dagewesene Veränderungen im Schelfeis"

Glück wird auch in der Forschung gebraucht

Theorien und Vermutungen gibt es viele, "aber die Datenlage ist denkbar ungünstig", sagt Schröder ein wenig frustriert. Schließlich ist das Phänomen bisher nur zweimal aufgetaucht und davon existieren ausschließlich Satellitenbilder.

Argo Floater im Einsatz (AWI/F. Rödel)

So oder ähnlich sehen die autonomen Drifter aus, wenn sie für den Einsatz bereit sind. Im inneren der gelben Schutzkapsel befindet sich das Messgerät.

Allerdings hat die Forschungswelt vielleicht ein bisschen Glück, um den Fall zu knacken. Denn in der Antarktis sind mehrere autonome Drifter im Einsatz. Das sind unbemannte Mini-U-Boote, die im Meeresstrom treiben und Daten über Dichte, Temperatur und Salzgehalt sammeln.

Einer dieser kleinen Datensammler tauchte zufällig in dem riesigen Eisloch im Weddell-Meer auf. Allerdings wollten die Forscher vom Southern Ocean Carbon and Climate Observations and Modeling project (SOCCOM), die den Drifter betreiben, ihr zufällig erlangtes Wissen nicht mit uns teilen. Also gibt es keinen Kommentar zu den Daten, die das Mini U-Boot gesammelt hat. Wir müssen also darauf warten, dass die Forschungsberichte in Fachpublikationen veröffentlicht werden.

Dankenswerterweise springt uns Dr. Michael Schröder zur Seite und stellt eine der wahrscheinlichsten Theorien vor (siehe Grafik). Im Weddell-Meer gibt es zwei Wasserschichten: Eine kältere, die direkt unter der Eisfläche liegt (Winterwasser) und eine etwas wärmere Schicht, die wiederum unter der kalten Schicht liegt (Tiefenwasser). An dem Punkt der Polynja ist dieses Verhältnis schon leicht gestört durch den Unterwasserberg Maud Rise.

 Dr. Michael Schröder (AWI/M. Schröder)

Dr. Michael Schröder erforscht am Alfred-Wegener-Insitut die Ozeanographie der Polargebiete.

Kommt es jetzt an der Eisoberfläche zu einer großen Störung (beispielsweise einem Sturm), kann das wärmere Wasser nach oben gezogen und das kalte nach unten gedrückt werden. "Das funktioniert dann wie bei einem Strohhalm, der das Warmwasser nach oben saugt. Die Wassermassen mischen sich dann ähnlich wie beim Rühren in einer Tasse", erklärt Schröder mit einem Lachen. Einmal gestartet, funktioniert dieser Warmwasser-Fahrstuhl so lange bis der nächste Sommer das gesamte Eis schmelzen lässt. Das Resultat: Die Eisfläche schmilzt schon im Winter. 

"Unterschiedliche Theorien haben dann einfach einen anderen 'Rührer' als den Wind", verdeutlicht Schröder die denkbaren Mechanismen. Er hält es für die plausibelste Theorie, weil es ansonsten keine Wärmequellen im Weddell-Meer gibt. Warm heißt übrigens +1,4 Grad.

Und wer ist Schuld?

Im Hinterkopf hallt es schon: "Klimawandel, Klimawandel!" Doch der Forscher widerspricht. "Für sowas ist es noch viel zu früh. Zweimal hat die Kuh irgendwo hingemacht und wir sollen jetzt sagen, warum gerade da. So schnell können wir das nicht! Ob die Kuh bewusst auf den Fleck kackt oder es nur Zufall ist, ist momentan noch total unklar", sagt Schröder streng, kann sich aber ein Lachen nicht verkneifen.

Die gespannten Blicke zieht jetzt das Forschungsteam des SOCCOM auf sich, die ihre Arbeit erst in ein paar Monaten veröffentlichen werden. Erst dann lässt sich eine wissenschaftlich stichhaltigere Aussage treffen. Selbst dann wird vermutlich noch unklar sein, was für eine Auswirkung dieses Phänomen auf globaler Ebene haben wird. Bei einer wärmeabgebenden Fläche, die doppelt so groß ist wie die Niederlande, könnten die Folgen großen Einfluss auf das allgemeine Klima oder die Meere haben.

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