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Afrika

Al-Shabaab-Aussteiger: "Afrikas Terroristen sind eng vernetzt"

Somalias Al-Shabaab-Miliz ist trotz Rückschlägen eine der gefährlichsten Terrorgruppen in Afrika. Im Interview mit der DW berichtet ein Aussteiger, wie er in die Fänge der Islamisten geriet - und warum er sie verließ.

DW: Herr Ali, wie sieht Ihr Leben im Moment aus?

Hassan Ali: Ich bin natürlich Zielscheibe für Al-Shabaab. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem sie mich umbringen. Sie rufen mich immer wieder an und sagen, dass sie mich töten werden. Sie haben schon mehrere Freunde getötet. Ich glaube, dass Gott darüber entscheidet, wann ich sterben muss.

Wie kam es dazu, dass Sie sich der Gruppe angeschlossen haben?

Ich habe auf dem Markt gearbeitet. Damals dachte ich noch, Al-Shabaab sei eine gute Organisation. Ich wusste nicht, dass sie ganz anders sind, als sie vorgeben. Als ich die Organisation von innen kennengelernt habe, habe ich gemerkt, dass es falsch ist, was sie machen. Ich bin gebildet und kann sehen, was gut und was schlecht ist.

Was haben Sie denn damals für gut gehalten?

Ich dachte, was Al-Shabaab über die wahre Religion sagt, sei richtig. Außerdem hatten wir damals Besatzungstruppen aus Äthiopien in Somalia. Ich habe an Al-Shabaabs Positionen geglaubt.

Ist auch Geld ein Grund, sich der Gruppe anzuschließen?

Die meisten einfachen Kämpfer machen es des Geldes wegen. Es gibt keine Arbeit im Land. Deshalb bietet Al-Shabaab eine der wenigen Möglichkeiten, wenn man eine Beschäftigung haben will. Die wirklich an die Ideologie glauben, das sind sehr wenige.

Mogadischu - Shabaab-Aussteiger Hassan Ali

Ex-Shabaab-Kämpfer Ali Hassan in Mogadischu

Wie kann man sich überhaupt einer Untergrundorganisation anschließen?

Es gibt natürlich kein Büro, wo du dich bewerben kannst. Normalerweise akzeptieren sie auch niemanden, der einfach so auf sie zukommt. Gewöhnlich kommen sie auf dich zu oft über Menschen aus deinem Umfeld. Ich habe einige Verwandte, die sich Al-Shabaab angeschlossen hatten. Die haben mich dann überredet.

Wie haben Sie denn schließlich erkannt, dass sie nicht das sind, was sie vorgeben?

Sie geben vor, für die Verbreitung religiöser Traditionen zu kämpfen. Sie tun aber genau das Gegenteil. Sie töten Menschen völlig willkürlich. Es geht nur um ihre eigenen Interessen.

Welche Arbeit haben Sie für Al-Shabaab gemacht?

Am Anfang war ich in der sogenannten Batallions-Abteilung. Da geht man als Kämpfer an die Front. Dann wurde ich Mitglied der Gesundheitsabteilung. Am Ende war ich in der Finanzabteilung und bin lange dort geblieben. Es gibt ja sehr wenige bei Al-Shabaab, die richtig lesen und schreiben können. Wenn du das kannst, geben sie dir schnell einen guten Verwaltungsjob.

Haben Sie auch Anschläge verübt?

Nein, ich war ein richtiger Soldat. Diejenigen, die Anschläge verüben, sind Geheimgruppen, mit denen hatte ich nichts zu tun. Wir haben meistens gegen äthiopische Truppen gekämpft, die im Land stationiert waren.

Was Sie beschreiben, klingt, als sei Al-Shabaab eine Art eigener Staat.

Ja, die Struktur ist wirklich wie die einer Regierung. Al-Shabaab hat verschiedene Ministerien für Information, Gesundheit, Inneres und so weiter. Nur, dass sie sie Büros und nicht Ministerien nennen.

Was ist das Ziel von Al-Shabab?

Sie wollen Somalia zu einem islamistischen Staat machen. Aber sie haben auch panafrikanische und internationale Ambitionen. Der ehemalige Informationsminister sagte immer: 'Solange wir nicht die islamische Flagge in Alaska hissen können, müssen wir weiterkämpfen.'

In Afrika gibt es viele islamische Terrorgruppen - Al-Shabaab, Boko Haram, Al-Kaida im Maghreb, Ansar Dine und andere. Wie sind die vernetzt?

Da gibt es enge Verbindungen. Erst einmal sind da natürlich die gemeinsamen Überzeugungen. Aber es geht viel weiter. Ein konkretes Beispiel: Viele wichtige Leute von Boko Haram aus Nigeria wurden in Trainingscamps in Somalia ausgebildet. Von Al-Shabaab reisen immer wieder Kämpfer für Trainings in den Jemen und umgekehrt. Es gibt viele solcher Verbindungen.

Nigerianer sind also nach Somalia gekommen?

Ich erinnere mich, dass drei Nigerianer in einem Camp nördlich von Mogadischu ausgebildet wurden. Ich habe auch mitbekommen, dass der Finanzchef von Al-Shabaab einmal nach Nigeria zu Boko Haram gereist ist.

Diese Gruppen sind alle verboten. Wie können die einfach so herumreisen?

Sie haben Methoden gefunden. Ein wichtiger Weg: Sie tarnen sich als Migranten auf dem Weg nach Europa. Sie mischen sich unter größere Migrantengruppen. So passieren sie alle Grenzen bis nach Libyen. In Libyen setzen sie dann nicht nach Europa über, sondern tauchen nach Süden in die Sahara ab.

Woher bekommt Al-Shabaab sein Geld?

Oft kommt es von reichen arabischen Geschäftsleuten, die mit der Ideologie von Al-Shabaab sympathisieren. Aber es gibt keine direkten Geldtransfers. Stattdessen werden Güter nach Somalia verschifft, die dann im Land verkauft werden. Diese Einnahmen fließen dann an Al-Shabaab. Es ist ein komplexes System, für das die Gruppe ein eigenes Büro eingerichtet hat.

Ist es wahr, dass die Organisation neue Mitglieder einer Gehirnwäsche aussetzt?

Ja, auch ich musste da durch. Dabei geht es nicht nur um Hass gegen Andersgläubige. Sie schüren dort auch Hass gegen alle Somalis, die Al-Shabaab nicht unterstützen. Sie sagen, dass es legitim ist, jeden zu töten, der gegen die Gruppe ist. Es gibt ein eigenes Büro, das sich mit solchen Propagandafragen befasst. Da gibt es richtig professionelle Teams, die genau wissen, welche Botschaften sie verbreiten müssen. Sie zeigen dir Filme aus dem Irak, Afghanistan und so weiter und lassen Dschihadisten zu Wort kommen, die sich später geopfert haben. Junge Leute, die keine anderen Werte haben, können sehr leicht davon angesteckt werden.

Experten sagen, Al Shabaab sei nicht mehr zu stark wie früher. Stimmt das?

Sie sind immer noch eine Gefahr, aber nicht mehr so mächtig wie früher. Viele hochrangige Mitglieder sind einfach nur noch Kriminelle, glauben nicht mehr an die Ideologie. Die Gruppe kann noch Selbstmordattentate durchführen, aber sie kann nicht mehr ganze Regionen erobern.

Bereuen Sie, was Sie als Al-Shabaab-Mitglied getan haben?

Ich bereue, dass ich Geld gesammelt und verwaltet habe, ja. Ich wusste bald, dass das Geld in die Planung und Durchführung von Anschlägen fließt. Ich habe auch psychisch viele Probleme aus dieser Zeit. Wenn man mit Kalaschnikows in einen aussichtslosen Kampf gegen Panzer geschickt wird, dann ist das traumatisch. Körperlich habe ich weniger Probleme. Nur einmal wurde ich von einer Kugel in den Rücken getroffen.

Wie kann man Al Shabaab besiegen?

Man muss vor allem versuchen, dass sie mit ihrer Hass-Ideologie nicht schon sehr junge Leute beeinflussen können. Denn irgendwann sind die darin gefangen, und dann gibt es kaum noch einen Weg heraus. Angesehene religiöse Führungspersönlichkeiten müssen sich klar gegen die Ideologie positionieren, sonst wird es immer weiter gehen.

Hassan Ali war mehrere Jahre Al Shabaab-Mitglied. Zunächst war er einfacher Kämpfer dann arbeitete er - als eines der wenigen Mitglieder, das lesen und schreiben konnte - im Finanz-Büro der Terrororganisation. Mittlerweile ist er ausgestiegen und arbeitet mit dem somalischen Geheimdienst zusammen.

Das Interview führten Jan-Philipp Scholz und Adrian Kriesch.

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