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Umwelt

Afrika lehnt Europas dreckigen Diesel ab

Bisher profitierten europäische Firmen von niedrigen Standards für Kraftstoffe in Afrika. Der Schwefelgehalt des exportierten Diesels lag weit höher als in Europa. Ghana und Nigeria verschärfen jetzt ihre Bestimmungen.

Drei Jahre lang hat Public Eye in acht afrikanischen Staaten die Kraftstoffe untersucht, die an Tankstellen verkauft werden. Die Schweizer Nichtregierungsorganisation fand Alarmierendes: Bei zwei Dritteln der Proben lag der Schwefelgehalt 150-fach über dem europäischen Grenzwert. 

Der Anteil von Schwefel in Dieselkraftstoff wird in Milligramm pro Kilogramm angegeben, als "parts per million" (ppm, Millionstel). Während in Europa maximal zehn ppm Schwefel in Diesel enthalten sein darf, wird nach Afrika regelmäßig Diesel mit bis zu 3000 ppm exportiert.

"Profit durch Doppelstandards"

"Dirty Diesel" ("Schmutziger Diesel") heißt der Bericht aus dem Jahr 2016, und ein Großteil des giftigen Kraftstoffs stammt nach Angaben von Public Eye aus Europa. Konkret untersucht hat die NGO Schweizer Firmen. Diese Handelsunternehmen, so der Report, setzen das sogenannte "Blending" ein, einen Prozess, bei dem Kraftstoffe unterschiedlicher Qualität gemischt werden. Dabei entsteht ein Mix, der den laxen afrikanischen Regulierungen entspricht. Dieses minderwertige Produkt, in Industriekreisen als "afrikanische Qualität" bekannt, darf zwar in Europa nicht verkauft werden, aber es ist nicht illegal, es außerhalb des Kontinents zu verkaufen.

Für Public Eye ist das dennoch ein "illegitimes Geschäft". Oliver Classen, Sprecher von Public Eye, nennt das Verhalten der Kraftstoffindustrie scham- und skrupellos. Die Schweizer Unternehmen profitierten von diesen "Doppelstandards systematisch".

Obwohl westafrikanische Staaten bedeutende Erdölvorkommen haben, gibt es vor Ort kaum Raffinerien, um das eigene qualitativ hochwertige Öl weiterzuverarbeiten. Auch die Infrastruktur wie die für Blending, Transport oder Vertrieb gehört ganz oder teilweise europäischen Firmen. Viele der betroffenen Länder heißen billige Importe darum willkommen.

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Nigerias Erdölfluch

 Wachsende Städte, schmutzige Luft

Afrikanische Städte wachsen rasant. In Lagos, der größten Stadt in Nigeria, leben 21 Millionen Menschen. Nach Schätzungen könnte sich diese Zahl bis 2050 nahezu verdoppeln. Größere Städte bedeuten in der Regel steigende Luftverschmutzung. Die ohnehin schon schlechte Luft wird teils vom schlechten Zustand der Autos in der Region - meist Gebrauchtwagen - verursacht, aber auch Diesel minderer Qualität tägt wesentlich dazu bei.

Schadstoffe in Kraftstoffen werden in Verbindung mit Asthma, Lungenkrebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gebracht. Public Eye rechnet vor, dass in Afrika 25.000 frühe Todesfälle im Jahr 2030 und sogar 100.000 im Jahr 2050 verhindert werden könnten, wenn Kraftstoffe mit geringem Schwefelanteil eingesetzt und Autos mit modernen Abgaskontrollsystemen eingeführt würden.

Viele Kleinbusse neben einem Markt in Lagos (Foto: Katrin Gänsler)

In Nigerias größter Stadt Lagos leben schon jetzt 21 Millionen Menschen

In Anlehnung an den Bericht haben die Regierungen fünf afrikanischer Staaten schnell zugesichert, die Kraftstoffgrenzwerte anzupassen. Ghana und Nigeria sind die ersten, die das Versprechen umsetzen. Ab dem 1. Juli liegt die Grenze in beiden Ländern bei 50 ppm.

Erfolg in Ostafrika

Kritiker befürchten, striktere Bestimmungen könnten die Kraftstoffpreise in die Höhe treiben. Public Eye winkt ab: Bereits im Januar 2015 hatten fünf ostafrikanische Staaten die Schwefelgrenzwerte gesenkt - "ohne Auswirkungen auf die Preise an den Zapfsäulen". 

Ghanas Vizepräsident Mahamudu Bawumia sagte, die neuen Regeln höben sein Land "auf dasselbe Level wie westliche oder die ostafrikanischen Länder". Er ergänzte, die Änderungen reduzierten Atemwegserkrankungen, die durch Gifte in Kraftstoffen mit hohem Schwefelgehalt ausgelöst würden.

Protestaktion von Greenpeace mit Schildern, die gegen Diesel als Kraftstoff sind (Foto: Reuters)

Die gesundheitsschädlichen Eigenschaften von Diesel sind hinlänglich bekannt

Nigeria kündigte außerdem Pläne an, wonach bis 2020 auch alle im Inland produzierten Kraftstoffe die 50-ppm-Marke erfüllen sollen. Bei einem Treffen afrikanischer Kraftstoffproduzenten im Februar sagte Ndu Ughamadu, Sprecher des staatseigenen Mineralölunternehmens NNPC, dass bei drei der vier nigerianischen Raffinerien Anlagen, die die Schwefelemission begrenzen, schon installiert werden oder in Planung sind.

Schachern um Verantwortung

Aber was ist mit den Rohstoffhändlern in Europa? "Sie haben überhaupt nicht reagiert", sagt Classen von Public Eye. "Unsere Petition in der Schweiz, die die Rohstoffgiganten auffordert, keinen schmutzigen Diesel mehr nach Afrika zu verkaufen, haben 20.000 Menschen unterzeichnet. Aber nichts ist passiert. Null."

Die beiden größten Rohstoffhändler, die der Bericht erwähnt, sind Trafigura aus den Niederlanden und die globale Vitol-Gruppe. Beide Unternehmen teilten der Deutschen Welle mit, dass sie anerkennen, dass man sich generell mit dem Problem des hohen Schwefelgehalts auseinandersetzen müsse. Es sei aber Sache der afrikanischen Regierungen, für die Qualität des vor Ort verkauften Diesels zu sorgen. Vitol ergänzte, dass europäische Firmen nach den aktuellen Bestimmungen nicht sicher sein könnten, dass das Produkt, welches sie dem Importeur eines bestimmten Landes lieferten, auch dort verkauft werde. 

Ein Tanklaster vor einer Erdölraffinerie (Foto: Imago)

Ghana besitzt nur eine einzige Ölraffinerie: die staatliche Tema Oil Refinery

Drehkreuz unter Druck

Rund die Hälfte des europäischen Öls, das in Westafrika ankommt, durchläuft die Häfen von Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam, die als ARA-Region zusammengefasst werden. Public Eye rief auch dieses Export-Drehkreuz dazu auf, keine Kraftstoffe zu exportieren, die nicht europäischen Standards entsprechen.

"Es gibt in den Niederlanden und Belgien eine große öffentliche Debatte", erklärt Classen. "Anträge im Parlament und eine breite Berichterstattung in den Medien üben Druck auf die Regierungen aus." Und dieser Druck soll sich auf die Schweizer Rohstoffhändler fortsetzen, hofft Public Eye.

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