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Afrika

Abgeordneter Gumtha: "Boko Haram kontrolliert die ganze Region"

Der nigerianische Abgeordnete Peter Biye Gumtha war bereits selbst Ziel eines Boko-Haram-Anschlags. Seine Heimatregion sei inzwischen vollständig unter Kontrolle der Islamisten, berichtet er im DW-Interview.

DW: Seit 150 Tagen sind die

entführten Schulmädchen aus Chibok

bereits in der Hand von Boko Haram. Die Suche nach Ihnen macht keinerlei Fortschritte. Wer ist dafür verantwortlich? Die Politiker? Die Armee?

Peter Biye Gumtha: Die Regierung verspricht immer noch, die Mädchen lebend nach Hause zu bringen. Die Bevölkerung, die Eltern, Freunde und Verwandten warten ungeduldig darauf. Doch leider gibt es bis jetzt keinerlei Hinweise, dass sie bald nach Hause kommen.

Allerdings sollte man vorsichtig sein, die Regierung, das Militär oder irgendein Sicherheitsorgan zu beschuldigen. Die Sicherheitskräfte sagen, man könne nicht einfach losgehen, die Aufständischen finden und die Mädchen rausholen, denn das würde zu Kollateralschäden führen. Das heißt, es könnten Mädchen getötet werden. Verlässlichen Informationen zufolge, sind die Mädchen inzwischen aufgeteilt und an mehr als zehn verschiedene Orte gebracht worden. Eine Rettung ist sehr schwierig.

Es gab einen

Verhandlungsprozess

mit den Entführern. Warum ist der gescheitert?

Verhandlungen sind nur möglich, wenn die Entführer sichtbar sind. Man kann nicht mit Leuten ohne Gesicht verhandeln. Sie kennen uns, wir wissen aber nicht, wer sie sind. Aus meiner Sicht ist jeder, der behauptet, ein Unterhändler zu sein, ein Lügner.

Sie repräsentieren als Parlamentsabgeordneter für die regierende Demokratische Volkspartei Chibok und auch die Bezirke Gwoza und Damboa. Dort soll Boko Haram auf dem Vormarsch sein. Können Sie das bestätigen?

Ja. Ich habe gerade wieder Berichte bekommen, dass Boko Haram mehrere Dörfer in der Nähe meines Wahlkreises überfallen hat. Gwoza ist vollständig unter Kontrolle der Aufständischen. Dort gibt es kaum noch Menschen. Manche Einwohner sind ins Nachbarland Kamerun geflohen, andere in den benachbarten Bundesstaat Adamawa. Auch dort sind sie aber nicht sicher. Die Menschen sind weiter auf der Flucht. Auch Chibok und Damboa sind menschenleer. In Damboa lebt schon seit zwei Monaten fast niemand mehr.

Karte Nigeria Adamawa Borno Chibok Gwoza

Im Nordosten verliert Nigerias Regierung zunehmend die Kontrolle

Die Regierung hat also die Kontrolle über die ganze Region verloren?

Es gibt keine Polizisten mehr vor Ort, keine Soldaten, praktische überhaupt keine Vertreter der Regierungsgewalt.

Und Boko Haram ist dabei, weitere Gebiete zu erobern. Glauben Sie, dass die Hauptstadt des Bundesstaates Borno, die Millionenstadt Maiduguri, bald Ziel der Aufständischen sein wird?

Boko Haram rückt immer weiter vor. Derzeit bewegen sie sich auf die Stadt Mubi zu. Wir wissen nicht, wie das für die Stadt ausgehen wird. Einigen Quellen zufolge hat Boko Haram angekündigt, Maiduguri am 27. September anzugreifen.

Wie können Sie unter diesen Umständen ihren Job ausüben als Abgeordneter und Vertreter einer Region, auf sie Sie keinen Einfluss mehr haben?

Wir können die Menschen nicht mehr repräsentieren im Moment. Wen soll ich repräsentieren? Boko Haram, weil sie meinen Wahlkreis kontrollieren? Das ist die bittere Wahrheit derzeit.

Was muss passieren, um Boko Haram zu besiegen?

Alle müssen jetzt die Regierung unterstützen und ihr Vertrauen entgegenbringen.

Im Moment aber werden der Boko-Haram-Terror und die Entführung der Schulmädchen immer stärker

politisch ausgeschlachtet

, besonders im Hinblick auf die 2015 anstehenden Wahlen.

Genau das ist es, was unser Land zerstört. In einem Land, das vor derartigen Problemen steht, muss man sich zusammensetzen, die politischen Gegensätze beiseite schieben und gemeinsam die Terroristen bekämpfen. Wenn uns das nicht gelingt, haben wir keine Chance.

Peter Biye Gumtha ist Mitglied des nigerianischen Repräsentantenhauses. Sein Wahlkreis liegt in den Bezirken Chibok, Gwoza und Damboa, in denen Boko Haram aktiv ist. Anfang dieses Jahres wurde auch Gumthas Haus Ziel eines Anschlags. Seitdem hat er die Region nicht mehr besucht.

Das Interview führte Adrian Kriesch

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