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Afrika

Wer finanziert Boko Haram?

Warum bekommt die nigerianische Armee Boko Haram nicht in den Griff? Verschwörungstheorien sehen Verbindungen zu Politik und Militär. Offen ist die Frage, wo die zugesagte militärische Unterstützung des Westens bleibt.

"Wir werden hier in Mora überflutet von Nigerianern und Kamerunern, die

vor Boko Haram fliehen

", beschreibt ein kamerunischer Polizist die Lage in seiner Stadt gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. "Die Flüchtlinge sind überall: In den Schulen, unter den Bäumen, auf dem Markt." Wie in Mora suchen derzeit tausende Menschen aus dem Grenzgebiet zwischen Nigeria und Kamerun Schutz vor dem brutalen Vorgehen der islamistischen Terrorgruppe. Auch im Niger und Tschad kommen Flüchtlinge an. Nach UN-Angaben von Anfang August sind inzwischen rund 700.000 Menschen aus den betroffenen nigerianischen Bundesstaaten Borno, Yobe und Adamawa auf der Flucht.

Verbindungen zwischen Armee und Boko Haram?

Angesichts der Gebietsgewinne Boko Harams und der Tatsache, dass sich die rund 220 im April entführten Schulmädchen von Chibok noch immer in der Gewalt der Gruppe befinden, bezweifeln viele Nigerianer, dass ihre

gut ausgerüstete Armee

tatsächlich willens und in der Lage ist, dem Terrorregime ein Ende zu setzen. Immer deutlicher wird die Frage gestellt, in welcher Verbindung die Armee zu der Terrorgruppe steht. Diese verfügt offensichtlich über modernes Kriegsgerät und Munition. Sie weitet ihre Macht aus, obwohl in den drei betroffenen Bundesstaaten seit mehr als einem Jahr der Ausnahmezustand gilt, der dem Militär weitreichende Kontrolle ermöglicht. Am Geld dürfte es auch nicht liegen: Dem nigerianischen Sicherheitsapparat steht ein üppiger Verteidigungsetat zur Verfügung.

Nigeria Soldaten Foto: PIUS UTOMI EKPEI/AFP/Getty Images

Gut ausgerüstet aber machtlos: Nigerias Militär

Längst machen in Nigeria Verschwörungstheorien die Runde, Politiker überziehen sich gegenseitig mit Anschuldigungen. Den jüngsten Anlass lieferte vergangene Woche der Australier Stephen Davis. Der langjährige Shell-Mitarbeiter und Ex-Präsidentenberater in Nigeria hatte sich als Vermittler angeboten, um eine Freilassung der von Boko Haram gekidnappten Schulmädchen zu erwirken.

Schuldige gesucht

In einem Fernsehinterview erhob er nun schwere Anschuldigungen. Man müsse Boko Harams Geldgeber verhaften, "zuallererst den früheren Gouverneur von Borno, Modo Sheriff", so Davis. "Sheriff hat das über Jahre hinweg finanziert, der Mann muss gehen, er ist unglaublich korrupt", sagte der Australier weiter. Seine Anschuldigungen gründet Davis auf Angaben, die ranghohe Boko-Haram-Kommandeure ihm gegenüber gemacht hätten.

Modu Sheriff selbst weist im Gespräch mit der DW alle Anschuldigungen von sich. "Sie sind gegenstandslos, unzutreffend und völlig falsch", so der Politiker. "Wie kann es sein, dass ein Australier etwas weiß, was unsere eigenen Sicherheitsagenturen nicht wissen?" Sheriff kommt zu dem Schluss: "Es ist sehr deutlich, dass der Staat hinter Davis Aussagen steckt."

Boko-Haram-Führer Abubakar Shekau Foto: AP Photo

Boko-Haram-Führer Abubakar Shekau

Auch der Nigeria-Experte und Journalist Heinrich Bergstresser hält die Anschuldigungen des Australiers für abstrus. "Sheriff war zwar ein Geburtshelfer von Boko Haram, bevor sich die Islamisten zu einer Terrorgruppe wandelten", sagt. Aber nachdem er die Gruppe nicht mehr gebraucht hätte, habe Sheriff Boko-Haram-Anhänger "durch staatliche Sicherheitskräfte entsorgen lassen". Zu behaupten, dass genau diese Person Boko Haram jetzt finanziere, sei geradezu abenteuerlich, so

Bergstresser im DW-Interview

.

Daher sieht auch er in dem Interview des Australiers ein Ablenkungsmanöver. "Davis will die Regierung entlasten, die nicht willens war, dem Thema Boko Haram ernsthaft zu begegnen." Niemand in der Regierung oder in den oberen Sicherheitsebenen habe derzeit ein Interesse daran, den Anti-Terrorkampf erfolgreich zu beenden. Er sei für viele Akteure ein lukratives Geschäft.

Wo bleibt die zugesagte militärische Hilfe?

Der Australier Stephen Davis wirft allerdings eine Frage auf, die sich viele Nigerianer derzeit auch stellen: Wo bleibt die angekündigte Militärhilfe durch die Industrienationen? Die hatten die USA, Großbritannien und Frankreich der nigerianischen Regierung auf internationalen Treffen im Frühjahr in Paris und London zugesagt. Dabei ging es um militärische Kooperation in den Bereichen Überwachung, und Informationsaustausch und um die Entsendung von Militärberatern und Anti-Terror-Experten.

Nigerias Präsident Jonathan zu Gast beim französischen Staatschef Hollande Foto: ALAIN JOCARD/AFP/Getty Images

Nigerias Präsident Jonathan zu Gast beim französischen Staatschef Hollande

Auch der nigerianische Sicherheitsanalyst Bawa Abdullahi Wase beklagt im Gespräch mit der DW, man habe bislang noch nichts von der zugesagten ausländischen Hilfe erkennen können. Er sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Ankündigung internationaler Militärhilfe und der Zunahme der Gewalt durch Boko Haram. Seine Theorie: Ausländische Kräfte wollten die internationale Aufmerksamkeit in den Norden des Landes lenken, um einen besseren Zugang zu den Ölquellen im Nigerdelta zu bekommen.

Womöglich eine weitere Verschwörungstheorie, mit der man in Nigeria derzeit verzweifelt nach Antworten sucht, wie aus einer lokal agierenden gewaltbereiten Sekte eine militärisch schlagkräftige Terrorgruppe werden konnte.

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