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Kommentar: Zeit der großen Gesten vorbei

In Verdun haben Angela Merkel und François Hollande der Opfer der Schlacht von 1916 gedacht. Die symbolstarke Zeremonie wirft auch ein Licht auf die Leerstellen im Verhältnis beider Staaten, meint Andreas Noll.

Ein bleibendes Bild für die Geschichtsbücher hat es am Sonntag in Verdun nicht gegeben. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatspräsident François Hollande haben zum Glück der Versuchung widerstanden, den Händedruck ihrer Vorgänger Helmut Kohl und François Mitterrand nachzustellen oder sich an einer anderen großen Geste zu versuchen.

Trotzdem mangelte es bei diesem 100. Jahrestag der Schlacht um Verdun nicht an wirkungsvollen Symbolen. Schon der Termin für das Gedenken an das Gemetzel, das am 21. Februar 1916 mit dem Trommelfeuer aus 1200 deutschen Geschützrohren begann, war eine Verbeugung vor einem Giganten der französischen Geschichte: Staatspräsident Charles de Gaulle reiste am 29. Mai 1966 nach Verdun.

Gesichter des Krieges

Der frühere General, der 1916 in Verdun selbst schwer verwundet worden war, sprach vor fünfzig Jahren an diesem historischen Ort nicht nur über den Verlauf der Schlacht. Er würdigte auf dem blutgetränkten Boden vor allem die deutsch-französische Aussöhnung, die er drei Jahre zuvor mit Bundeskanzler Konrad Adenauer vertraglich besiegelt hatte. Unter den Zuhörern: Weltkriegsveteranen, die für den großen Sieg der Franzosen zwar nicht mit ihrem Leben, aber mit ihrer körperlichen und seelischen Unversehrtheit bezahlt hatten.

Andreas Noll

Andreas Noll

Und vor diesen schwer gezeichneten Männern, die auf Krücken noch militärische Haltung anzunehmen versuchten, zeichnete de Gaulle nun die Zukunft eines vereinten Europas, an dessen Spitze Deutschland und Frankreich voranschreiten und der Welt den Fortschritt bringen. Wenn historische Gesten ihre Wucht erst vor dem richtigen Publikum entfalten - hier war es zweifellos versammelt.

Vor einigen Jahren sind die letzten Veteranen des Ersten Weltkriegs gestorben. Es gibt keinen Menschen mehr, der durch seine Anwesenheit Zeugnis davon ablegen kann, was sich Deutsche und Franzosen an diesem Ort angetan haben. Insofern war es unvermeidlich und richtig, zum 100. Jahrestag Kinder und Jugendliche ins Zentrum der Feiern zu rücken. Jene Generation also, die erst in den Familienarchiven nachschauen muss, ob ein Ur- oder Ururgroßvater in Lothringen gekämpft hat.

Gemeinsamer Blick

Auch diese Generation, für die die Vorstellung einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Frankreich geradezu absurd erscheint, kann in Verdun noch die Schrecken des Krieges spüren. Ob bei einem Besuch der beklemmenden Festungen oder beim Blick auf die Bombenkrater, die bis heute das Schlachtfeld durchziehen. Erbittert wurde hier um jedes Maschinengewehrnest gekämpft, wurden Dörfer für immer ausgelöscht und so viel Munition pro Quadratmeter verschossen, wie nie zuvor in der Geschichte.

Rund drei Viertel aller französischen Soldaten des Ersten Weltkrieges haben in Verdun gekämpft, um den deutschen Angreifer noch vor den Toren der Stadt zu stoppen. Auch das übrigens eine symbolische Botschaft an diesem Tag: Während 1984 Präsident Mitterrand Kanzler Kohl nur auf dem Schlachtfeld treffen wollte, besuchten Hollande und Merkel auch das Zentrum Verduns.

Die Zeit der ganz großen Gesten aber, sie ist hundert Jahre nach dem Krieg vorbei, alle wichtigen Fragen sind geklärt. Auch deutsche und französische Historiker haben heute keine Probleme mehr, eine gemeinsame Sicht auf die Weltkriege zu formulieren. Man kann diese Errungenschaften, diesen Weg, den beide Länder zurückgelegt haben, nicht stark genug betonen - aber für die Zukunft haben sie an Strahlkraft verloren.

Keine Zukunftsvision

Europa als Friedensunion? Eine Absage an den Nationalismus? Die Aussöhnung der Völker als Garant einer verheißungsvollen Zukunft? Die Jugendlichen von Verdun spüren, dass diese Versprechen nicht mehr genügen. Auch Angela Merkel und François Hollande wissen das. Sie haben am Rande der Gedenkfeiern über den drohenden Brexit gesprochen. Das deutsch-französische Duo ringt gerade darum, das Auseinanderfallen des großen europäischen Einigungswerks - das auch auf Verdun gründet - zu verhindern.

Bedroht ist es aber nicht nur von den störrischen Briten, die de Gaulle nie dabeihaben wollte. Auch Deutschland und Frankreich bringen schon seit Jahren nicht mehr die Kraft für große politische Initiativen auf. Gerade in wichtigen Wirtschafts- und Finanzfragen, so scheint es, sind die Differenzen seid de Gaulle kaum kleiner geworden.

Und schließlich die Sprachmüdigkeit: Sowohl in Deutschland als auch in Frankreich sinkt die Zahl der Schüler, die die Sprache des Nachbarn lernen, kontinuierlich. Eine Antwort darauf, eine konkrete, gemeinsame, womöglich sogar die Jugend mitreißende Vorstellung von der Zukunft Europas haben Merkel und Hollande in Verdun nicht skizziert. Das richtige Publikum wäre da gewesen.