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Kommentar: Von Revolution keine Spur

Obama drückt aufs Tempo, Castro tritt auf die Bremse. Die Normalisierung der Beziehungen zwischen Kuba und den USA wird länger dauern, als viele es sich wünschen, meint Astrid Prange.

Es ist fast zu schön, um wahr zu sein: Auf dem Platz der Revolution in Havanna erklingt die amerikanische Nationalhymne und US-Präsident Barack Obama und Kubas Staatschef Raúl Castro nehmen gemeinsam die Militärparade ab.

Keiner der beiden Politiker hätte sich bei seinem Amtsantritt auch nur träumen lassen, dass es zu einer solchen Annäherung zwischen Kuba und den USA jemals kommen würde. Das Wunder ist vollbracht. Die Eiszeit zwischen Washington und Havanna gehört der Vergangenheit an, ihre Überreste sind zu einem ideologischen Schneehäuflein geschrumpft, das immer weiter schmilzt.

Doch trotz Tauwetters wird bis zum kubanisch-amerikanischen Frühlingserwachen noch viel Zeit vergehen. Denn die Führungsriege der Alt-Revolutionäre in Havanna mag zwar ideologischen Ballast abgeworfen haben, nicht jedoch den Anspruch auf ihre politische Macht.

Schutzschild Embargo

Seit der kubanischen Revolution 1959 legitimiert sich die kommunistische Partei Kubas durch ihre Frontstellung gegenüber den USA. Mit dem Embargo werden bis heute die wirtschaftlichen Probleme des Landes gerechtfertigt, mit der "amerikanischen Bedrohung" die Ein-Parteien-Herrschaft legitimiert.

Prange de Oliveira Astrid Kommentarbild App

DW-Autorin Astrid Prange berichtet über Lateinamerika

Knapp 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer sind die ideologischen Säulen der kubanischen Revolution zusammengebrochen. Doch aus den Trümmern des Sozialismus ist keine Demokratie nach US-amerikanischem Vorbild erwachsen, sondern der politische Pragmatismus ehemaliger Revolutionäre, die um ihr politisches Überleben kämpfen.

Pragmatismus statt Ideologie

US-Präsident Barack Obama hat dies erkannt. Er hat Kuba als symbolischen Schauplatz für den amerikanischen Streit um Demokratie und Menschenrechte aufgegeben. Er hat auch kein Interesse mehr daran, ideologische Schlachten zu schlagen, die begonnen haben, bevor er überhaupt geboren wurde. Stattdessen will er mit Kuba ins Geschäft kommen und die Präsenz amerikanischer Unternehmen im Land ermöglichen, bevor das Embargo fällt.

Auf Raúl Castro kommt nun die schwierige politische Aufgabe zu, auf dem schmalen Grat des politischen Pragmatismus zu wandeln. Nur er verfügt als Revolutionär der ersten Stunde über die notwendige Legitimation innerhalb des kommunistischen Parteikaders für diesen Kurswechsel.

Die Zeiten, in denen die ehemalige Sowjetunion dem Land seinen Zucker abkaufte und es mit Energie versorgte, sind vorbei. Auch auf die Solidarität aus Venezuela kann Havanna nicht mehr zählen. Umso wichtiger sind die Beziehungen zu den USA: Das wirtschaftliche Überleben hängt zu einem großen Teil von den Überweisungen der zwei Millionen Kubaner in Florida ab.

Bis zu seinem angekündigten Rücktritt 2018 bleibt ihm dafür nicht mehr viel Zeit. Castro will nicht die Kontrolle über die "Normalisierung" der Beziehungen zwischen den USA und Kuba verlieren. Eine schnelle Annäherung zwischen den Ländern widerspricht deshalb seinen Interessen. Eine Verbrüderung von Castro und Obama wäre also wohl tatsächlich zu schön, um wahr zu sein.