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Kommentar: Unbescheiden die Reformation feiern

2017 feiert die evangelische Kirche ganz groß den 500. Jahrestag ihres Bestehens. Es soll keine Heldenverehrung geben, keine konfessionelle Selbstverliebtheit und keine rein deutsche Feier. Klaus Krämer kommentiert.

Jetzt wissen wir also, wie Deutschlands protestantische Kirchen den 500. Jahrestag der Reformation durch Martin Luther feiern wollen: ohne ein überzogenes Gedenken der theologisch-oppositionellen Haudegen von damals, ohne eine zu große Betonung der Verdienste der evangelischen Kirchen, keinesfalls als nationales Ereignis und insgesamt als Christusfest. Typisch evangelisch bescheiden, möchte man auf den ersten Blick meinen.

Keine Frage: Das, was sich die Strategen der Jubiläums-Planung haben einfallen lassen, kann sich sehen lassen und ist alles andere als bescheiden. Bereits seit 2008 läuft die Lutherdekade, in der jedes Jahr unter einem besonderen Motto stand. Gewissermaßen eine lange "Adventszeit" bis zum großen Anlass selbst. Und der soll über ein ganzes Jahr hinweg gefeiert werden - das ist erst recht nicht mehr bescheiden.

Höhepunkte von hunderten Veranstaltungen

Los geht es bereits am 31. Oktober dieses Jahres, dem sogenannten Reformationstag. Also jenem Datum, an dem Luther vor 499 Jahren in Wittenberg seine 95 Thesen zum Ablasshandel veröffentlicht haben soll. Da steht ein Gottesdienst mit Festakt in Berlin an.

Wenig später wird in Genf der Europäische Stationenweg eröffnet. Er verläuft durch 68 Städte in 18 europäischen Ländern, die durch die Reformation geprägt wurden. Am Ende dieses Stationenweges gibt es dann in Wittenberg die Ausstellung "Tore der Freiheit - Weltausstellung Reformation". Dabei präsentieren im Mai 2017 Kirchen, Organisationen, Initiativen und Künstler aus aller Welt ihre Sicht auf die Reformation.

Im März 2017 wollen Protestanten und Katholiken in Hildesheim einen Versöhnungsgottesdienst miteinander feiern - inklusive Vergebungsbitte für gegenseitige Verurteilungen und einer Versöhnungsgeste, die aber selbstverständlich nicht die verlorene Einheit der beiden Kirchen aufheben wird.

Ende Mai 2017 findet dann der Deutsche Evangelische Kirchentag in Berlin statt. Zu dessen Finale, dem Schlussgottesdienst, treffen sich in den Elbwiesen bei Wittenberg geschätzte 200.000 Menschen.

Als Schlussakkord, zum eigentlichen 500. Reformationsjubiläum, gibt es am 31.Oktober 2017 in der Lutherstadt Wittenberg einen zentralen Gottesdienst mit Vertretern aus Kirchen, Gesellschaft und der Politik. Letztere haben übrigens in seltener Einmütigkeit dafür gesorgt, das dieser eine Tag als bundesweiter gesetzlicher Feiertag begangen werden kann, also ein freier Tag für alle ist.

Auf den Inhalt und Wirkung kommt es an

Im Vorfeld ist es schwer zu sagen, mit welchen Inhalten all die vielen Veranstaltungen gefüllt werden, welche Dynamik sie entwickeln, wie sie sich auf Kirche und Gesellschaft auswirken werden. Auch Martin Luther ahnte nicht, dass die von ihm "angezettelte" Reformation die Welt in vielen Bereichen dauerhaft verändern würde.

Wünschenswert wäre es, wenn all die vielen Jubiläumsveranstaltungen einer weitgehend säkularen deutschen Gesellschaft das Luthersche Einmaleins des christlichen Glaubens wieder näher bringen würde. Jemand, der glaubenslos lebt, wird leichter zum Spielball von Ereignissen und Krisen.

Wünschenswert wäre es, wenn Pfarrer, Theologen, Bischöfe - ganz im Sinne Luthers - in die Hände spucken würden, um zum Teil verschütteten Fundamente des Glaubens wieder freizulegen. Mancher Synodenbeschluss gilt heute mehr als die Bekenntnisschriften der Reformatoren, der Geist der Zeit mehr als der Geist Gottes.

Wünschenswert wäre ein Motivationsschub bei haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Kirche, damit die gute Nachricht von der Liebe Gottes stärker und in einer guten, kreativen Weise zu den Menschen gelangt. Auch recht verstandene Mission darf kein Tabu sein, denn sie ist eine Dienstanweisung des Religionsstifters Jesus Christus.

Wünschenswert wäre es darüber hinaus, wenn der inzwischen müde gewordene Prozess der ökumenischen Annäherung durch die gemeinsamen evangelisch-katholischen Begegnungen zum Jubiläum neuen Schwung bekommen würde. Was trennt, ist weniger das theologische Fundament als viel mehr die kirchliche Praxis. Dort, wo der Schulterschluss möglich ist, sollte er erfolgen.

Das letzte große Kirchenfest?

Sowohl die evangelische als auch die römisch-katholische Kirche büßen gerade ihren Status als Volkskirchen in Deutschland ein - wenn das nicht schon längst geschehen ist. Gemeinsam repräsentieren sie inzwischen weniger als zwei Drittel der Gesamtbevölkerung. Tendenz: weiter fallend. Angesichts dessen stellt sich die Frage, ob es zukünftig überhaupt noch einmal ein solch großes religiöses Fest im Format von "Reformation 2017" geben wird. Noch begegnet die Politik den Kirchen auf Augenhöhe. Noch können die Kirchen ihre Sicht der Dinge freiheraus sagen. Noch werden ihre Vertreter im gesellschaftlichen Diskus gehört. Noch kann über den christlichen Glauben in unserem Land frei gesprochen werden. Diese Chancen gilt es zu nutzen - erst recht mit Blick auf das Jubiläum "500 Jahre Reformation". Und in aller Unbescheidenheit.