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Kommentar: Starke Botschaft auf Lesbos

Geküsste Babies, Tränen, Gebete, rührende Bilder. Der Besuch bei Flüchtlingen auf Lesbos war sicher auch gute Imagepflege für den Papst. Aber die Politik sollte seine Appelle beherzigen, meint Bernd Riegert.

Die emotionale und hochpolitische Reise des Papstes nach Lesbos hat genau die Bilder produziert, die gebraucht werden. Franziskus hat sich zusammen mit orthodoxen Kirchenführern an die vorderste Front der Flüchtlingskrise gewagt. Er legte mit einfachen Worten und Gesten den Finger in die Wunde der EU, die ihre Verantwortung für Flüchtlinge und Migranten in die Türkei auslagern will.

Weinende Flüchtlinge, verzweifelte Hilferufe und die Proteste der vielen aufrechten Menschen auf Lesbos gegen die Flüchtlingpolitik der EU hat der Papst genutzt, um seinen leidenschaftlichen Appell an Europa und die Welt zu richten. Der Pontifex redet den Verantwortlichen ins Gewissen. Zeigt mehr Menschlichkeit! Das ist offenbar bitter nötig, denn nach wie vor ducken sich die Politiker in der EU, in der arabischen Welt, in Amerika und anderswo weg, wenn es darum geht, die Aufnahme von Flüchtlingen solidarisch zu organisieren.

Nach den Hilfsorganisationen und den Vereinten Nationen kritisieren jetzt auch die Kirchenführer der Katholiken und der Orthodoxen laut und klar die Zustände nicht nur im Abschiebelager Moria, sondern in ganz Griechenland und an den abgeriegelten Grenzen der EU.

Die Mahnungen und Bitten des Papstes sind leider offenbar nötig, weil nach dem zweifelhaften Rückführungsdeal der EU mit der Türkei nicht nur die Politiker, sondern auch viele Menschen in Europa sich von der Flüchtlingskrise abwenden. Nur weil in Mitteleuropa zur Zeit nur wenige Menschen aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan ankommen, darf man nicht wegschauen.

Mit dem einfachen Satz, dass Migranten Menschen sind und keine Nummern, stößt der Papst zur Kernbotschaft seines Pontifikats vor: Mehr Barmherzigkeit! Diesen Appell sollten sich die verantwortlichen Politiker zu Herzen nehmen. Auch sie sollen Menschen sein, nicht nur Nummernzähler.

Natürlich hat der Besuch der drei christlichen Kirchenführer bei den Migranten auf Lesbos auch falsche Hoffnungen geweckt. Der Papst hat kein politsches Amt inne und kann dementsprechend nicht aktiv politische Entscheidungen treffen. Dass die EU ihren Kurs der Abriegelung der Südostgrenze wieder ändert, ist unwahrscheinlich. Trotzdem musste der Papst seine moralische Autorität nutzen und zumindest auf die Folgen dieser unmenschlichen Politik hinweisen.

Als Zeichen des guten Willens hat der Vatikan mit Griechenland ausgemacht, zwölf syrische Flüchtlinge auszufliegen. Der Papst belässt es nicht bei Worten, sondern zeigt: Umsiedlung ist möglich, wenn man es wirklich will.

Über die Ansichten der katholischen Kirche zu vielen Fragen kann man sicher streiten, aber als Gewissen gerade in der Flüchtlingskrise ist Franziskus mit seinen klaren Aussagen unverzichtbar. EU-Politiker sollten sich das, was sie auslösen, ebenfalls einmal vor Ort ansehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und den EU-Spitzen, die nächste Woche in die Türkei reisen, um sich Flüchtlingscamps anzuschauen, könnte ein Zwischenstopp auf Lesbos oder in Idomeni sicher nicht schaden.

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