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Kommentar: Lernen, gegen den Terror zu leben

Europa wird lernen müssen, mit der Gefahr von Anschlägen zu leben. Je mehr das Gefühl von Frieden gefährdet scheint, desto deutlicher müssen wir jedoch für diesen wertvollen Frieden einstehen, meint Christoph Strack.

Unschuldige Opfer, Soldaten in Kampfanzügen, Panzerwagen, Panik. Brüssel getroffen von Terror, Europa erschüttert. Mag sein, dass man so etwas angesichts der Wucht der Bilder als "Krieg“ empfindet, da Sicherheiten wegbrechen und immer mehr Zivilisten dem Morden zum Opfer fallen. Nach den unvorstellbaren Schrecken des Zweiten Weltkriegs erleben Deutschland und Europa eine fast einmalige Zeit des Friedens – ist sie vorbei? Gewöhnen wir uns unmerklich an Breaking News und Terror-Tod? Diesmal eben Brüssel…

Christoph Strack, von DW.

Christoph Strack, von DW.

Die Terroristen von Paris, von Brüssel, von Bamako, von Ankara, von wo auch immer sind und bleiben Terroristen. Sie zielen auf menschliche und gesellschaftliche Sicherheiten, auf Werte und Toleranz, auf Freiheiten. Auch auf die Freiheit von jeglicher Religion und die Freiheit zur Religion, zu verschiedener Religion. All das prägt im besten Sinne den Westen. Und genau deshalb ist der Terror für den Westen auch eine Herausforderung, eine Bewährungsprobe. Unsere Werte müssen sich bewähren. Das Wissen um eine freie Gesellschaft, zu deren Freiheit die Sicherheit gehört, deren Freiheit sich aber durch die Sicherheit nicht erledigt.

Zwischen lässig und fahrlässig

Dabei verändern sich sicher geglaubte Gewissheiten. Konflikte entsprechen heute vielfach nicht mehr den einschlägigen "Ordnungen" früherer Jahrhunderte. Es gibt unerklärte, asymmetrische und hybride Kriege. Und die Verbrecher des "Islamischen Staats" gaben sich eben auch diesen Namen, um als Staatsgebilde Staaten oder Staatengemeinschaften herauszufordern oder anzugreifen. Aber ich habe ihnen nicht den Krieg erklärt, mein Land auch nicht.

Und ich darf zugleich erwarten, dass mein Land und andere Länder im Rahmen bestehender Ordnung dagegen vorgehen. Ja, das wird viele Aspekte der inneren Sicherheit hinterfragen. Und die politischen Debatten haben sich dem ehrlicher zu stellen. Nur ein Beispiel: Ein innerdeutscher Flug, weder am Schalter noch beim Boarden werde ich nach irgendeinem Ausweis-Dokument gefragt. Nur Monate liegt das zurück. Früher fand man das lässig, heute vielleicht fahrlässig.

Was bleibt: unsere Haltung

Die knappe Schilderung eines Brüsseler Freundes, der nach dem Anschlag in der U-Bahn plötzlich zum Ersthelfer wurde, bei entsetzlichem Leid: Das macht sprach- und ratlos. An solche Taten, solche Bilder wird man sich nie gewöhnen. Der morgendliche Weg zur Arbeit ist eben nicht die Fahrt an die Front. Und der entschlossene Kampf gegen den Terror wird kein Krieg. Die Anschläge werden unser Lebens ändern, sie werden auch Selbstverständlichkeiten in Frage stellen. Aber es sollte ihnen nicht gelingen, unsere Grundhaltung zu zerstören. Und für die Freiheit, dieses hohe, verletzliche Gut, einzustehen.