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Kommentar: Der Virtuose des Ausgleichs

Hans-Dietrich Genschers Erbe bleibt Verpflichtung bis heute. Und doch stoßen im 21. Jahrhundert seine Leitlinien an Grenzen, meint DW-Chefredakteur Alexander Kudascheff.

Hans Dietrich Genscher war nicht der geborene Außenpolitiker. Aber er wurde in rund 18 Jahren zum deutschen Außenminister schlechthin. Er stand, er lebte, er verkörperte die Außenpolitik der Bundesrepublik. Sie bemühte sich um den Ausgleich - den ständigen Ausgleich mit den Partnern in Europa, mit den USA - aber auch mit den östlichen Nachbarn, die damals noch Feinde waren und der sowjetischen Supermacht. Dieses ständige Suchen nach Kompromissen, nach Kompromisslinien, bei der oft der Weg das Ziel war, war Genschers außenpolitische Leitmelodie.

Es war der Grundton der deutschen Nachkriegspolitik. Ein Grundton, der übrigens vielen nicht gefiel - gerade in den USA. Dort sah man in dieser Kunst des Ausgleichs eine Außenpolitik des Ungefähren, des Vagen, des Unverbindlichen. So mancher Amtskollege jenseits des Atlantiks hielt Genscher für einen unzuverlässigen "compagnon de route". Das Lavieren, welches er grandios und fabelhaft beherrschte, selbst über tiefe Gräben der Feindschaft hinweg, hielten sie für eine Außenpolitik ohne Richtung.

Vorbild bis heute

Genschers Außenpolitik ist aber zum Vorbild deutscher, auch vereinter deutscher Außenpolitik geworden. Deutsche Außenpolitik heißt, heute in Berlin wie früher in Bonn, sich möglichst mit allen zu vertragen oder wenigstens vernünftig zu reden. Solche Außenpolitik basiert auf der europäischen Gemeinsamkeit und sie ist tief - wenn auch oft kritisch - verwurzelt in der westlichen Bündnispolitik. Sie sucht aber immer einen Kompromiss, einen Ausgleich - zuletzt und nur beispielhaft mit Moskau in der Ukrainekrise. Den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen, viele diplomatische Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten: Diese besondere Virtuosität Genschers ist das Leitbild auch seiner Nachfolger - bis heute. Ob Kinkel, Fischer, Westerwelle oder Steinmeier - sie alle suchten und suchen mit den Mitteln der Diplomatie Konflikte oder auch Krieg zu entschärfen.

Kudascheff Alexander Kommentarbild App

DW-Chefredakteur Alexander Kudascheff

Deutsche Außenpolitik ist deswegen auch immer - unabhängig vom Einsatz auf dem Balkan oder in Afghanistan - eine Diplomatie der militärischen Zurückhaltung. Krieg ist in den Augen der deutschen Chefdiplomaten nicht nur die allerletzte Alternative, es ist eigentlich keine Alternative. Die deutsche Außenpolitik, die Hans Dietrich Genscher geprägt hat, der er seinen Stempel aufgedrückt hat, ist Diplomatie ohne Waffen, ohne Militär. Die deutsche Außenpolitik setzt stattdessen auf "soft skills", das heißt auf Überzeugungskraft statt auf Kanonen. Das ist natürlich eine Erfahrung des Zweiten Weltkriegs, aber sie wirkt auch mehr 70 Jahre nach dessen Ende weiter in die Außenpolitik.

Zeit der Zurückhaltung ist vorbei

Die Deutschen, wenn man sie befragt, sehen sich selbst gerne als "grüne Schweiz": behaglich eingebettet in ihren Wohlstand, mit sich beschäftigt und möglichst weit weg von der Welt. Das ist aber nur noch eine Illusion. Deutschland ist eine veritable Mittelmacht, in Europa sogar eine Großmacht geworden. In der Euro-Krise, aber auch in der Flüchtlingskrise schauten die Europäer zum Teil staunend auf die neuen, selbstbewussten Deutschen. Eine deutsche Regierung, die ihren Partnern Bedingungen diktiert und die sich nicht mehr um den harmonischen Konsens aller - zumeist auf deutsche Kosten - bemüht.

Da wird deutlich, dass Genschers Außenpolitik, die so rational wie vernünftig den eigenen Einfluss nicht überschätzte, im Jahrhundert der Globalisierung an ihre Grenzen gekommen ist. Natürlich wird Deutschland nicht selbstherrlich und unvernünftig plötzlich auf die militärische Komponente setzen - aber es wird häufiger gefragt werden denn je. Die Zeit der Zurückhaltung ist vorbei. Die deutsche Außenpolitik, die trotzdem auf den geistigen Schultern Hans-Dietrich Genschers steht, wird sich darauf einstellen müssen.

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