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Kommentar: Der Eurovision Song Contest war nie unpolitisch

Der Sieg der Ukrainerin Jamala ist ein Beleg dafür, dass auch ein Musikwettbewerb der Politik nicht fremd ist, meint DW-Redakteur Andreas Brenner.

Die Ukraine hat zum zweiten Mal in der Geschichte den Eurovision Song Contest gewonnen, Europas bunten musikalischen Wettbewerb. Er bietet eine willkommene Unterhaltung am Samstagabend und viel Gesprächsstoff am ersten Arbeitstag danach im Büro. Man spottet gern über den einen oder anderen schrillen Beitrag, oder vielleicht über eine bärtige Frau, die 2014 als Siegerin Conchita Wurst auf der Bühne stand.

2004 war es eine Ukrainerin namens Ruslana, die für ihre Walküre-Performance "Wild Dances" die Krone holte. In diesem Jahr schickte das Land, das gerade von einem schwelenden Krieg im Osten gebeutelt wird und ein Teil seines Territoriums an Russland verloren hat, eine Vertreterin der Krimtataren. Dieses Volk wurde auf Befehl von Stalin aus der Krim vertrieben. 1944 war das und "1944" heißt auch das Lied von Jamala. Sie es selbst geschrieben und besingt darin das Schicksal ihres Volkes und ihrer Familie. Ist das nicht zu viel starker Tobak für eine Samstagabend-Show?

Europa hört hin

"Ich weiß, dass es viel mehr Leute gibt, die Anteil nehmen, als wird denken", sagte Jamala zwei Tage vor ihrem Sieg in Stockholm in einem DW-Interview. Und genauso ist es gekommen. Denn es waren die TV-Zuschauer, die dank einem neuen Abstimmungsverfahren das Ergebnis des Juri- Votings kippten und damit den Sieg der glamourösen Australierin Dami Im verhinderten. Am Ende des Abends war es plötzlich doch noch zu einem Showdown zwischen der Ukraine und Russland gekommen. Diese Länder hatten die meisten Stimmen der Zuschauer erhalten. Russland ein wenig mehr, doch das reichte nicht, um die Ukraine zu überholen. War es eine Entscheidung für die Ukraine und gegen Russland? Und ist es ein Lied gegen die Politik des Kremls? Diese Frage mochte Jamala nicht und betonte mehrmals, dass es in ihrem Lied nicht um die aktuelle Politik geht. Eine singende Geschichtslehrerin also, wie ein deutscher Kollege sie nannte?

Nun gibt es im Text des Liedes keinen Bezug auf das Jahr der Vertreibung. "Natürlich geht es um mehr als um 1944, es geht um Verfolgung und Holocaust, um den Weltschmerz", hatte die Sängerin zuvor erklärt. Und diesen Schmerz hat sie sich auf der Bühne in Stockholm aus der Seele gesungen. Doch, fügte sie im Interview hinzu, das Lied sei an alle gerichtet, die sich für kleine Zaren hielten. Menschen, die denken, dass sie über das Schicksal und Leben anderer Menschen entscheiden könnten. Deutlicher kann man doch nicht sein.

Politik schon immer Teil des Events

Der Sieg von Jamala beim Eurovision Song Contest ist nur ein weiterer Beleg dafür, dass der ESC nie unpolitisch war. Das war er nicht bei der Geburt, als nur 11 Jahre nach dem Ende eines schrecklichen Kriegs sieben Länder, die sich vor kurzen noch bekämpften, zu einem musikalischen Wettbewerb nach Lugano in die Schweiz kamen. Das war er nicht, als die deutsche Sängerin Nicole auf dem Höhepunkt der Friedensbewegung in Europa "Ein bisschen Frieden" sang. Das war er auch damals nicht, als immer mehr osteuropäische Länder begannen, an diesem Wettbewerb teilzunehmen. Der Eurovision Song Contest war schon immer ein Abbild dessen, was gerade in Europa geschieht.

2016 gaben europäische Zuschauer ihre Stimmen einem Land, das sich für Europa ausgesprochen hatte und für diese Wahl vom stärkeren Nachbarn hart bestraft wurde. Die Ukraine braucht diese Sympathie und Unterstützung. Sie darf diesen europäischen Vorschuss nicht verspielen. Neben aller Politik dürfen wir nicht am Ende aber Eines nicht vergessen: Ohne eine künstlerische Leistung, ohne eine tolle Stimme und eine ausdrucksvolle Darbietung, hätte Jamala nicht gewonnen. Denn schließlich ist der Eurovision Song Contest ein musikalischer Wettbewerb.