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Kommentar: Böhmermanns Tabubruch als Zwangshandlung

Die Schmähkritik des Satirikers Jan Böhmermann am türkischen Präsidenten Erdogan war weder notwendig noch mutig, sondern nur eine billige Selbstdarstellung, meint Christoph Hasselbach.

Wie weit wollen Satiriker eigentlich noch gehen im Namen der Freiheit? Böhmermanns Verse gegen den türkischen Präsidenten Erdogan sind mit das Primitivste und Vulgärste, was je in einem öffentlich-rechtlichen Sender gelaufen ist. Die deutschen Haushalte zahlen übrigens zwangsweise für diese "Grundversorgung". Hätte das Gedicht ausschließlich Erdogans Politik aufs Korn genommen, wäre daran nichts auszusetzen. Aber was sollte die Aneinanderreihung persönlicher Beleidigungen ohne jeden Bezug und Kontext (hat Sex mit Tieren, stinkt, schlägt Mädchen) eigentlich erreichen? Grenzüberschreitung um ihrer selbst willen?

Es hilft keineswegs, dass Böhmermann mit seiner Schmähkritik auf eine Provokation Erdogans reagiert hat, der sich über eine andere, weit weniger scharfe Satire aus Deutschland aufgeregt hatte. Es hilft auch nicht, dass Böhmermann angekündigt hatte, dass er jetzt etwas Verbotenes tun würde. Darf mit diesem vorangestellten Hinweis ab sofort jeder zum Beispiel auch gegen Ausländer hetzen, weil er die Hetze in einen satirischen Zusammenhang stellt?

Doppelmoral

Merkwürdig, dass viele Journalisten, die sich sonst über jede Kritik an Türken in Deutschland aufregen, nichts dabei finden, wenn nun ein Kollege einen ganz bestimmten Türken in Ankara in übelster Weise persönlich beleidigt und dabei auch noch massenhaft antimuslimische Ressentiments bedient. Und wie kann man beim Thema Migration über eine Verrohung der Sprache klagen, aber hier jubeln?

Christoph Hasselbach

DW-Redakteur Christoph Hasselbach

Mit Mut hat das Ganze schon gar nichts zu tun. Türkische Satiriker würden wohl bei weit harmloserer Kritik am Präsidenten im Gefängnis landen. Böhmermann dagegen hat im geschützten Deutschland nicht viel zu befürchten, auch wenn ihm theoretisch drei Jahre Haft wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhaupts drohen. Doch so weit wird es keinesfalls kommen.

Im Gegenteil, Medien erheben ihn geradezu zum Märtyrer, seit Erdogan strafrechtliche Konsequenzen fordert und die Bundesregierung damit unter Druck setzt, die ein Strafverfahren zulassen müsste. Selbst deutsche Politiker, die die Folgen des Böhmermann-Auftritts jetzt auf der politisch-diplomatischen Ebene ausbaden müssen, wollen jede Konfrontation mit den Medien über die Grenzen von Satire vermeiden. Auf der linken Seite des politischen Spektrums reibt man sich sogar genüsslich die Hände über Merkels Dilemma.

Keine Frage der Staatsräson

Bei der Frage, was Satire darf, geht es in Deutschland - zum Glück - nicht um Staatsräson. Deshalb ist auch die Zurückhaltung der Politiker ein gutes Zeichen. Zum Glück entscheidet nicht die Politik, wo die Grenzen von Satire liegen, und zum Glück wägen heutzutage Gerichte, wenn ein solcher Fall doch einmal bei ihnen landet, zurückhaltend ab.

Aber Satiriker und Journalisten sollten sich selbst fragen: Wenn der Tabubruch geradezu zu einem Zwang wird - geht es dann noch um anderes, als um postpubertäre Selbststilisierung? Und auch wenn der Beifall dafür quasi automatisch kommt, stimmt etwas nicht. Sich selbst zu hinterfragen, hat noch nie geschadet. Satire darf vieles, aber sie muss nicht alles.