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Politik

"Zynisches Statement"

Im nigerianischen Abuja verhandeln jetzt zwei sudanesische Rebellengruppen und die sudanesische Regierung, um die Unruhen im Land zu beenden. Von den Verhandlungen ist kaum etwas zu erwarten, meint Heinrich Bergstresser.

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Heinrich Bergstresser

Was sich zurzeit fast zeitgleich in Khartum und Abuja abspielt, ist ein Lehrstück in Sachen moderner Diplomatie und internationaler Beziehungen: Die Spitzen der Afrikanischen Union (AU) - allen voran Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo und der AU-Kommissionsvorsitzende Alpha Oumar Konare - moderieren Verhandlungen zwischen den beiden Rebellengruppen (SLA und JEM) und einer zweitklassigen Delegation der Zentralregierung in Khartum. In Khartum fliegt derweil der britische Außenminister Jack Straw in die frühere Kolonie ein, um Fakten zu sammeln. Das hatten vor ihm bereits Kofi Annan, Colin Powell und Joschka Fischer getan. Ein zynisches Statement also, das kurz und knapp den Stellenwert Afrikas in der westlichen Welt beschreibt: gering!

Dabei ist die Lage in Darfur klar: Dort spielt sich eine menschliche Tragödie ab, die sich aus einem lokal begrenzten Konflikt entwickelte und nun droht, sich zu einem grenzüberschreitenden Flächenbrand auszuweiten. Die internationale Gemeinschaft hat reagiert - vordergründig zumindest. Denn wann hat es schon mal einen vergleichbaren Fall gegeben, in dem sich führende und einflussreiche Politiker dieser Welt weit abseits der Zentren die Klinke in die Hand gaben. Aber hat es etwas genützt? Nur sehr bedingt. Denn die Uhren in Afrika gehen anders, in vielen Fällen sogar ganz anders. Und Verhandlungen über Krieg und Frieden, über Sein oder Nicht-Sein, entziehen sich noch immer den Formen und Regeln moderner Diplomatie. Kein Wunder, dass westliche Diplomaten und Beobachter oft Kopf schüttelnd, verständnis- und hilflos dem Treiben wie dem in Abuja oder Gesprächen wie denen in Khartum zusehen.

Persönliche Macht ist noch immer das Maß aller Dinge. Und wer die Regierungsspitze erklommen hat, verteidigt sie mit Zähnen und Klauen - wenn es sein muss, mit Gewalt, gegen wen auch immer. Kompromisse, die Aufgabe unhaltbarer Positionen - das ist der politischen Führungselite in Afrika auch heute noch weitgehend fremd. Häufig lässt afrikanische Politiker erst der Blick in den Abgrund einlenken - aber dann bitte unter Respektsbezeugung und Gesichtswahrung. Das aber nimmt Zeit - viel Zeit - in Anspruch, in der dann aber viele Menschen jämmerlich verrecken. Für die afrikanischen Führungseliten oft kein wirkliches politisches Kriterium zum unmittelbaren Handeln.

Dieses Muster wird durch die internationale Konflikt-Hierarchie noch verstärkt. Denn in der Prioritätenliste stehen Afrika und der Sudan ganz weit unten. Und da in diesem Fall auch keine substanziellen Rohstoff- oder gar Ölinteressen auf dem Spiel stehen, erklärt sich die internationale Gemeinschaft außerstande, massiv und robust einzuschreiten. Vielmehr versucht sie, die Konfliktbewältigung zu "afrikanisieren" - mit schmerzhaften, tragischen Konsequenzen.

Der Lernprozess tut Afrika weh, aber auch der internationalen Gemeinschaft. Dennoch bewegt sich in der Sicherheitspolitik Afrikas etwas, langsam zwar, aber auf den Schultern der Bevölkerung, deren Leidensfähigkeit offensichtlich noch nicht ihre Grenzen erreicht hat. Denn erst dann wären die politischen Eliten auch in Afrika nicht mehr in der Lage, das Leiden der Menschen allein zu ihren Gunsten auszuschlachten.

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