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Griechenland

Zwischen Spardiktat und maroder Wirtschaft

Athens Gläubiger loben die Fortschritte bei der Bewältigung der Schuldenkrise. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Griechenland von Etatkürzungen und einer kaputten Wirtschaft völlig aus der Bahn geworfen ist.

Zum ersten Mal seit Ausbruch der schlimmsten Wirtschaftskrise, die jemals ein EU-Mitglied erfasst hat, ist so etwas wie Optimismus in Griechenland zu spüren. Nach sieben langen Jahren scheint ein Ende der brutalen Kürzungen in Reichweite zu sein. Und selbst der früher als linker Scharfmacher bekannte Alexis Tsipras verkündet der ganzen Welt die Wiederauferstehung Griechenlands.

Die Zahlen sehen vielversprechend aus. Das dringend benötigte Wirtschaftswachstum wird 2017 schätzungsweise 2,4 Prozent übersteigen, nachdem es noch im vergangenen Jahr bei Null gelegen hatte. Und der Primärüberschuss, der die Kosten zur Finanzierung der Staatsschulden ausklammert, soll ebenfalls nach oben schießen - auf sagenhafte 3,6 Prozent. Damit könnte sogar ein Teil des gigantischen griechischen Schuldenbergs abgebaut werden.

Doch hinter der Fassade der griechischen Wirtschaftserholung verbirgt sich eine zerrüttete Wirtschaft. Das Vertrauen in die Konjunkturentwicklung geht weiter zurück, während die Unzufriedenheit der Öffentlichkeit wächst. Und zwar seit klar ist, dass die Regierung ihr Versprechen nicht einhalten kann, die verhasste Austeritätspolitik zu beenden. Die Kürzungen der vergangenen Jahre haben die Haushaltseinkommen um 27 Prozent schrumpfen lassen, ein Viertel aller Griechen ist arbeitslos und ein Drittel der Unternehmen pleite.

"Tsipras und seine Syriza-Partei verkörperten die erste wirkliche Hoffnung seit Jahren, dass wir uns als stolze Nation aus der Krise herauskämpfen können", sagt Leonidas, ein arbeitsloser Einzelhandelskaufmann, der seinen Nachnamen nicht nennen will. "Aber jetzt", fügt er hinzu, "haben sie bewiesen, dass sie die schlimmsten Lügner und Betrüger von allen sind. Sie zwingen die Griechen in einen Zustand des finanziellen Ruins, den nur wenige überstehen werden."

Massive Unzufriedenheit

"Ich kann es kaum ertragen, wenn Tsipras ständig über die finanzpolitische Trendwende des Landes redet. Er ist entweder irre oder er bemerkt nicht die grausame Wahrheit und die Wirklichkeit, die Griechenland im Griff hat."

Wegen hoher Steuern, einer ausufernden Bürokratie, widersprüchlicher Politik und Korruption halten sich Investoren fern. Griechenland rangiert mittlerweile auf Platz 87 im Ranking der Weltbank, wenn es um unternehmensfreundliche Rahmenbedingungen geht. Damit liegt Hellas auf einer Stufe mit Algerien, Sri Lanka, Guatemala, Trinidad und Tobago.

Bei einer Arbeitslosenrate von mehr als 21 Prozent und fast 50 Prozent bei Griechen unter 25 Jahren, sind während der Finanzkrise die Rentner mit ihren regelmäßigen Pensionsüberweisungen zum Rückgrat der meisten griechischen Haushalte geworden.

Supermarkt in Thessaloniki (picture-alliance/AP Photo/G. Papanikos)

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise sind die Haushaltseinkommen drastisch zurückgegangen

Trotzdem nahmen die wechselnden Regierungen immer wieder das angeschlagene Rentensystem des Landes ins Visier und kürzten bis zu 40 Prozent der Leistungen und Bezüge seit Beginn der Finanzkrise 2010.

Der 70-jährige pensionierte Schweißer Fotis weiß das genau. Der vierfache Vater müht sich ab, seine früher florierende Firma, die er vor 46 gegründet hat, über Wasser zu halten,

"Jeder Schweißer in einem Radius von 30 Kilometern ist durch die Krise Pleite gegangen", sagt er. "Wenn ich nicht im Laufe der Jahre Geld zurückgelegt hätte und ein Haus ohne ein einziges Hypothekendarlehen gebaut hätte, würde ich jetzt wahrscheinlich auch in der Schlange vor der Suppenküche stehen."

"Ich bin früher jeden Tag in meine Werkstatt gegangen und habe von morgens bis abends Aufträge hereinbekommen", erinnert er sich und nippt an seiner Limonade. "Jetzt gibt es Tage, an denen das Telefon nicht ein einziges Mal klingelt und kein einziger Kunde kommt. Das Einzige, was uns über Wasser hält, ist meine Rente - obwohl sie um 30 Prozent gekürzt worden ist."

Die Rentner hat es schlimm erwischt

Nach Zahlen der EU sind mehr als 22 Prozent der Griechen "stark sozial benachteiligt" und nicht in der Lage, eine Hypothek abzubezahlen oder ihre Miete aufzubringen. Sie kommen mit den Zahlungen für Strom und Wasser nicht hinterher und können es sich kaum leisten, im Winter zu heizen. Sie haben weder das Geld für einen neuen Fernseher, noch für eine neue Waschmaschine oder andere unerwartete Ausgaben.

Rentner wie der pensionierte Schweißer Fotis gehören laut EU zu diesen sozial Benachteiligten. "Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal meine Stromrechnung oder andere Nebenkosten komplett bezahlen konnte", räumt er ein. "Alle zwei Monate gehe ich hin und gebe ihnen 20 oder 30 Euro, um wenigstens einen Teil meiner unbezahlten Rechnungen zu begleichen. Dass ich mich einmal so erniedrigen muss, hätte ich niemals für möglich gehalten", klagt Fotis. "Das hat man aus unserem Leben gemacht, damit die griechischen Wirtschaftszahlen stimmen."

Video ansehen 02:50

Kampf gegen Milliardenbetrug in Griechenland

Seit dem Beginn der Krise sind die durchschnittlichen Haushaltseinkommen auf das Niveau von 2003 abgestürzt, 40 Prozent aller griechischen Kinder leben heute unterhalb der Armutsgrenze.

Kein Wunder, dass der Schwarzmarkt blüht. Bei einer Abgabenlast von fast 50 Prozent bei den Arbeitskosten - das ist mehr als doppelt so hoch wie in wohlhabenden EU-Staaten -  hält sich für viele Griechen die Begeisterung, Steuern zu bezahlen, in engen Grenzen.

"Es ist einfach", sagt Fotini Dagou, Besitzerin eines winzigen Nagelstudios im Norden Athens. "Was es an Geschäften überhaupt noch gibt, findet unter der Ladentheke oder in Hinterzimmern statt. Das ist der einzige Weg, um auf seine Kosten zu kommen."

"Griechenland", sagt sie und nimmt einen tiefen Zug von ihrer Zigarette, "besitzt keine Wirtschaft, die sich auf große Konzerne und das große Geld stützt. Es gleicht einer Bienenwabe mit vielen kleinen Familienbetrieben und Firmeninhabern. Und die tun alles, um sich über Wasser zu halten und ihre Familien zu ernähren. Sie wollen ihre Firma  erhalten, um sie an ihre Kinder weitergeben zu können."

Nach einer aktuellen Studie laufen fast ein Viertel aller griechischen Wirtschaftsaktivitäten am Finanzamt vorbei. Außerdem entgehen dem Staat durch Steuerhinterziehung rund 16 Milliarden Euro pro Jahr, das sind rund nuen Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts.

Entzauberter Hoffnungsträger

Tsipras stürmte 2015 an die Macht, nachdem er den krisengeplagten Griechen ein Ende der finanziellen Zwangsmaßnahmen versprochen hatte. Seinen Wählern versprach er, den Geberländern wie Deutschland und der Austeritätspolitik entschlossen entgegenzutreten.

Doch nach wenigen Monaten gab er unter dem internationalen Druck seine Verweigerungshaltung auf und stimmte einem Notfall-Kredit zu. Und zwar zu schlechteren Konditionen, als man sie ihm anfangs noch angeboten hatte. Seitdem hat er die Zusatzforderungen der Gläubiger akzeptiert. "Letztendlich sind Europa Griechenland und die Griechen egal", meint Babis Papapanagiotou, Finanz-Analyst in Athen. "Die übrigen Mitgliedsstaaten wollen die Angelegenheit hinter sich bringen, und deshalb sind sie bereit, die finanzpolitischen Bemühungen der Regierung Tsipras abzunicken."

"Wenn überhaupt", scherzt er, "war er wenigstens dafür zu etwas nütze."

 

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