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Schuldenkrise

Griechenland: Talsohle durchschritten - wirklich?

Keine Zukunft für die Jugend - Griechenlands Wirtschaft gewinnt der Statistik zufolge zwar langsam wieder an Fahrt. Aber die Abwanderung junger Leute mit hohem Bildungsniveau hält weiter an.

Im ersten Moment klingt die Botschaft optimistisch: Die Talsohle der griechischen Krise sei durchlaufen, so wird in den großen griechischen Tageszeitungen in der letzten Zeit immer wieder berichtet. In Wahrheit hält aber die Abwanderung junger Leute mit hohem Bildungsniveau aus Griechenland weiter an. Denn ein Viertel der Absolventen bleiben auch nach dem Studium ohne Arbeit. Jetzt ist die Regierung unter Ministerpräsident Alexis Tsipras bemüht, die Auswanderung der jungen Köpfe mit allen Mitteln zu stoppen.

Von einem "Brain Drain", der Auswanderung, soll es jetzt um ein "Brain Gain", der Einwanderung von Talenten, gehen. Zum Beispiel in dem den "Heimkehrern" ein Job im Staatsdienst versprochen wird. Doch das allein reiche noch nicht, erklärt die 24jährige Marinella Maragoudaki aus Athen. Sie hat gerade ihren Abschluss in Anthropologie gemacht. "Damit ich in Griechenland bleibe, müssten sich viele Dinge ändern. Ich habe viele Freunde, die inzwischen Arbeiten verrichten müssen, die nichts mit ihrer Ausbildung zu tun haben und minderwertiger sind. Diese Situation erschreckt mich."

So wie die junge Hochschulabsolventin erwarten viele junge Griechen ein weit höheres Gehalt, wenn es darum geht, dass sie im Land bleiben sollen. Darüber hinaus wünschen sie sich größere Aufstiegsmöglichkeiten. Etwas, dass zu gegebenem Zeitpunkt in vielen Berufen in Griechenland nicht möglich ist.

Keine Zukunft ohne Aufschwung

Die junge Anthropologin Marinella Maragoudaki, denkt nicht ohne Grund so pessimistisch über den griechischen Arbeitsmarkt. In ihrem Fachbereich gibt es so gut wie keine Stellen in Griechenland. Deshalb will auch sie ihr Glück in Deutschland versuchen. Laut einer Studie des griechischen Gewerkschaftsbundes GSEE, gehört die junge Frau zu den 30 Prozent der Hochschulabsolventen, die Arbeiten annehmen müssten, die unter ihrem Bildungsniveau liegen.

So erging es auch dem 35jährigen Synodis Taptas aus Thessaloniki. Bei seiner Suche nach einem Job musste er sich viele Jahre in Geduld üben. Er konnte es sich leisten, weil er Unterstützung von seiner Familie erhielt. Nicht jeder junge Grieche kann sich das erlauben. Den positiven Wirtschaftsprognosen blickt er nüchtern entgegen: "Ich denke wir sind noch weit davon entfernt zu behaupten, dass wir im Land einen Aufschwung erleben. Das Ziel lautet nicht, eine Arbeit zu haben, bei der man viel verdient. Das werden die zukünftigen Generationen vielleicht wieder erleben. Wir erhoffen uns nur ein Arbeitsmodell, mit dem wir ohne die Unterstützung unserer Eltern, Tanten und Onkels wieder ein eigenes Leben führen können."

Zukunft braucht Perspektiven

Synodis Taptas Lebenslauf steht beispielhaft für viele Griechen, die emigriert sind. Zwei Hochschulstudiengänge hat er mit Bravour erworben: In Chemie und als Übersetzer. Und dennoch fand er sechs lange Jahre keinen Job. Seit dem vergangenen Jahr arbeitet er immerhin wieder unregelmäßig als Nachhilfelehrer. Dabei will der Mann nicht mehr, als von der eigenen Arbeit leben zu können.

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Kampf gegen Milliardenbetrug in Griechenland

Dass die griechische Regierung die Zukunft des Landes positiv sieht, kann er nicht nachvollziehen. Auch wenn die Arbeitslosenquote von 25 auf 21 Prozent gesunken ist. Für Synodis Taptas ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Der junge Grieche vermisst Investitionen der Regierung in zukunftsweisende Forschungsbereiche, zum Beispiel in alternative Energien, Genforschung, Informatik und Kommunikationswesen. Viele junge Griechen haben sind in diesen Bereichen gut ausgebildet. Die Regierung weiß, dass sie handeln muss. Und sucht nach Wegen, wie sie vor allem die Ausgewanderten wieder zurückholen kann.

Unfreiwillig in die Emigration

Dem Lockruf auf einen sicheren Beamtenjob würden laut einer Studie aber nur 30 Prozent der über 20jährigen Griechen aus dem Ausland folgen und dass nur, wenn man ihnen ein besseres Einkommen zusichert. Dabei sind längst nicht alle jungen Griechen mit ihrem Leben im Ausland zufrieden, erzählt Eleni Patulidi. Ihr Sohn ist Informatiker und lebt seit zwei Jahren in London: "Wir hören immer häufiger, dass sie zwar besser verdienen, aber das Leben sei teurer, so dass sie am Monatsende bei plus minus Null stehen. Da macht der Auslandsaufenthalt wirklich überhaupt keinen Sinn." 

Aber da gibt es auch die anderen Jungen im Land. Trotz hoffnungsloser Suche nach einem Job, wollen diese das Land nicht verlassen. Stelios Topalidis zum Beispiel äußert Bedenken. Der 23jährige Absolvent für südosteuropäische Geschichte ist nicht sicher, ob ein Leben im Ausland für ihn die bessere Lösung ist: "Eigentlich würde ich lieber in meiner Heimat bleiben, aber nicht weil ich den positiven Wirtschaftsprognosen vertraue. Ich würde bleiben, weil ich mit meinem Wissen und meiner Arbeitskraft in die Zukunft meiner Heimat investieren könnte." Stelios Topalidis würde vielleicht nur für eine kurze Zeit ins Ausland gehen, wenn er ein passendes Angebot fände, um Erfahrungen zu sammeln, aber ganz sicher nicht für lange Zeit.

Berufliche Zukunft ungewiss

Der junge Grieche gehört zu den Ausnahmen bei den aktuellen Hochschulabsolventen. Jeder Zweite mit abgeschlossenem Studium setzt auf das Ausland und plant, Griechenland den Rücken zu kehren. Denn der jüngste Aufschwung der griechischen Wirtschaft - zuletzt wurde mit zwei Prozent Wachstum für dieses Jahr gerechnet - bringt ihnen nicht die Jobs, die sie haben möchten. Denn nur die Tourismusindustrie verbucht höhere Einnahmen. Die Arbeitsplätze dieser Branche sind saisonal angelegt und bieten keine seriöse Zukunftsperspektive, vor allem, weil sie nur knapp 800 Euro im Monat einbringen - weit unter den Vorstellungen der jungen Leute, die studiert haben.

Das Resumeé: Keine Sicherheit im Aufwärtstrend, kein zufriedenstellendes Einkommen, zu wenige Arbeitsstellen in den Fachgebieten. Der griechische Arbeitsmarkt brauche Zeit, um sich neu zu strukturieren, erklärt auch der griechische Wirtschaftsexperte Jiannis Sopasis. Das gilt auch für Start-up Unternehmen, die sich nur langsam auf dem Markt positionieren können. Den jungen Fachkräften aber läuft die Zeit davon. Und niemand kann den Griechen mit Sicherheit sagen, wann ihre schwierige Arbeits- und Wirtschaftssituation zu Ende sein wird.

 

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