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Kultur

Zwischen Leipzig und Leistenbruch

Günter Grass hatte mit einem "normalen" Manuskript beginnen wollen. Doch dann fällt die Mauer, und er entscheidet sich, stattdessen ein Tagebuch zu führen.

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Günter Grass

"In immer neuen Anläufen" will er die deutsch-deutsche Grenze überschreiten und sich in beide Wahlkämpfe im Mai und Dezember einmischen. Mit diesem Vorsatz beginnt Grass 1990 seine Aufzeichnungen. 19 Jahre später und ein halbes Jahr nach seinem autobiografischen Buch "Die Box" liegen sie nun der Öffentlichkeit vor: "Unterwegs von Deutschland nach Deutschland".

Buchcover Günter Grass Unterwegs von Deutschland nach Deutschland

Buchcover


Mit Pfifferlingen läutet Günter Grass seinen vorübergehenden Abschied vom literarischen Schreiben ein. Gezeichnet in seinem Ferienhaus in Portugal, zieren sie die erste Seite seines Tagebuchs. Die Erzählung "Unkenrufe", an der er eigentlich arbeiten wollte, wird ihn dennoch das ganze Jahr über begleiten. Auch ein weiteres Projekt beschäftigt ihn schon, ein groß angelegter "Berlin-Fontane-Wiedervereinigungsroman". Im Tagebuch heißt er noch "Treuhand", als er 1996 erscheint, ist daraus "Ein weites Feld" geworden.

Das Tagebuch als Pflicht

Doch davon träumt er nur, das ist die Kür. 1990 aber beugt er sich der Pflicht. Günter Grass ist "kein passionierter Tagebuchschreiber", nur wenn etwas Ungewöhnliches ansteht, unterwirft er sich diesem täglichen Ritual. So wie 1969, als er sich im Wahlkampf für die SPD engagierte. Liebgewonnen hat er diese Form jedoch nicht. Die politischen Teile dieses Tagebuchs bleiben blass, trotz bester Kontakte nach "drüben".

Deutschland Buchmesse Leipzig Günter Grass

Auf der Leipziger Buchmesse

Grass‘ Gedanken kreisen allzu oft nur um eigene Belange. "Grotesk, dass ich hier, auf der Buchmesse, mit drei Verlagen zu tun habe", notiert er im März 1990 in Leipzig. Kein Wort über die Schriftstellerkollegen und die Stimmung dort. Weder satte Beschreibungen wie in den Tagebüchern Martin Walsers, noch ironische Selbstkommentare, die Peter Rühmkorfs "Notate" so lesenswert machen.

Günter Grass präsentiert sich als Mahner und Kritiker in altbekannter Manier. Er warnt früh vor den Folgen einer einseitigen "Übernahme" der DDR durch die BRD, ist ein Gegner der Wiedervereinigung und übersensibel für nationale Töne. Doch das war schon vorher bekannt.

Koch und Familienmensch

Dennoch enthält das Tagebuch auch interessantes Material. Günter Grass präsentiert sich darin als Familienmensch. Hinweise darauf hat es bereits in der autobiografischen "Box" gegeben. Jetzt zeigt sich, dass das keine Koketterie war.

"Gestern der vierpfündige Petrusfisch [...]. Ich zeichnete ihn, bevor ich ihn mit Salbei füllte und in den Backofen schob". Heim und Herd spielen tatsächlich eine wichtige Rolle. Er kocht gern und gärtnert, pflanzt Bäume in seinem portugiesischen Garten, kauft Fisch ein und schnibbelt Gemüse. Kein weltabgewandter Intellektueller, sondern ein umtriebiger "Handwerker", der ein enges Verhältnis zu seiner vielköpfigen Familie unterhält.

Deutschland Kultur Schriftsteller Günter Grass und Ute Grass

Günter Grass und seine Frau Ute

"Wie ich meine Kinder genieße", heißt es überschwänglich einmal. "Momente von Glück: mit dem Kind Hand in Hand durch den Wald zu gehen". Oder an anderer Stelle traurig: "Von den Kindern keine Post". Er sucht ihre Nähe, auch wenn das Verhältnis zu den verschiedenen Müttern kompliziert sein mag. "Die Gegenwart der lästerlichen Söhne macht die Wahlnacht erträglich", schreibt er am 3. Dezember, als Helmut Kohl die Bundestagswahl haushoch gewinnt.

Getrieben von kindischer Angst

Geheimnisse oder gar intime Geständnisse enthalten diese Aufzeichnungen nicht. Sie rücken allenfalls einiges zurecht. So zeigen sie Günter Grass als rastlosen Arbeiter, der trotz aller Erfolge auch mit über 60 noch "diese wundersame kindische Angst" hat, als Schriftsteller zu verstummen. Das macht ihn dünnhäutig und sensibel für die Selbstzufriedenheit so mancher Freunde und Mitstreiter. Da findet er dann treffsicher die richtigen Worte, wenn er bei einem Fest im Kreise gutsituierter Linksliberaler plötzlich bemerkt, wie "tüchtig, beunruhigend wohltemperiert" diese Leute alle sind.

Gerhard Schröder und Günter Grass

Mit Alt-Kanzler Schröder

Wohltemperiert ist Günter Grass bis heute nicht. Er gilt als schwierig, und sein spätes Bekenntnis, als 17Jähriger bei der Waffen-SS gedient zu haben, hat ihn viele Sympathien gekostet. Das Tagebuch von 1990 vermittelt kein völlig anderes Bild, aber es zeigt einen Menschen, der bei aller Eitelkeit unangepasst und unbequem geblieben ist. Und manchmal sogar Witz beweist. "Dem Kohl gelingt aber auch alles! Sogar Vollmond am Tag der Deutschen Einheit".

Im Tagebuch lernen wir einen emotional bedürftigen Günter Grass kennen. Keinen Überflieger, sondern einen fleißigen Arbeiter und Zauderer.

Günter Grass: Unterwegs von Deutschland nach Deutschland. Tagebuch 1990. Steidl Verlag, Göttingen. 256 Seiten. 20 Euro