Zwischen Eifern und Zögern | Aktuell Amerika | DW | 05.11.2016
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Erstwähler in den USA

Zwischen Eifern und Zögern

Die meisten Erstwähler ignorieren ihre Chance, Amerikas Zukunft mitzugestalten und gehen nicht wählen. Aber es gibt auch Ausnahmen. Jennifer Wagner berichtet aus Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia.

Hannah Beamen (DW/J. Wagner)

Unterstützt Hillary Clinton: Hannah Beamen

Zwischen Unterricht, Mensa und Lerngruppen ist immer noch Platz für eine Frage: Clinton oder Trump? Viele Studierende an der Universität von Virginia in Charlottesville interessieren sich für die anstehende Wahl, diskutieren mit ihren Freunden und Kommilitonen die Programme und Kandidaten - doch sie sind die Ausnahme unter den Erst- und Jungwählern. Bei den vergangenen Wahlen ist weniger als die Hälfte der 18- bis 35-Jährigen zur Wahl gegangen.

Klare Entscheidung für Donald Trump

Für Erstwähler Milan Bharadawaj hingegen ist klar, an welcher Stelle er am Dienstag sein Kreuz macht: Donald Trump. Seit zwei Monaten studiert der 18-jährige Milan in Virginia Informatik und ist Mitglied der College Republicans, einer politischen Organisation an der Universität. Bereits in der Highschool hat er sich für die republikanischen Werte eingesetzt.

Campus der Universität von Virginia in Charlottesville (DW/J. Wagner)

Campus der Universität von Virginia in Charlottesville

"Ich bin von Natur aus konservativ", sagt Milan und blinzelt in die Sonne, die auf den weitläufigen Campus strahlt. Er sitzt im Vorgarten eines imposanten Gebäudes, in dem dutzende Schlafräume der jungen Studenten untergebracht sind. "Ich glaube, dass Donald Trump der konservativste Kandidat ist, und deshalb wähle ich ihn. Ich stimme zwar nicht mit all seinen Prinzipien überein, aber ich fühle mich ihm näher als allen anderen Kandidaten", sagt Milan überzeugt.

Als Einwandererkind gegen illegale Einwanderung

Milans Eltern sind vor 20 Jahren von Indien in die USA eigewandert. Sie haben fast zehn Jahre damit zugebracht, bürokratische Hürden zu überwinden, um legal in den Staaten bleiben zu dürfen, resümiert Milan. Deshalb lehne er es ab, dass Menschen einfach die Grenze überwinden und die gleichen Rechte bekommen wie US-Bürger. Sie müssten das System durchlaufen, sagt Milan.

Student Milan Bharadawaj (DW/J. Wagner)

Sieht sich als konservativ: Trump-Anhänger Milan Bharadawaj

Doch der Student ist nicht nur von den politischen Zielen des Milliardärs überzeugt. "Er gibt den stummen Republikanern im Land eine Stimme", so der junge Student, "denjenigen, die vom System und den Politikern deprimiert sind."

Große Unterstützung für Demokraten

Die meisten jungen Wähler sind allerdings anderer Meinung. Fast zwei Drittel wünschen sich ein demokratisches Staatsoberhaupt, was auch auf dem Campus in Virginia deutlich wird.

Hannah Beamen ist eine von ihnen. Die 21-Jährige unterstützt die Demokratin Hillary Clinton - obwohl sie sich gewünscht hätte, Bernie Sanders hätte es ins Weiße Haus geschafft. Vor ihrem Uni-Zimmer sitzt Hannah mit ihren Freundinnen Sydney und Alex im Schatten eines alten Baumes. Der Herbst hat bereits die Blätter bunt gefärbt, der Indian Summer verbreitet in Virginia aber noch sommerliche Temperaturen.

USA | Erstwähler in den USA (DW/J. Wagner)

Hannah (l.) und ihre Freundinnen

Die drei jungen Frauen diskutieren gerne über Hillary Clinton. Immerhin investiert die 21-jährige Sydney Petersen seit August jede Woche zehn Stunden in die Kampagne der demokratischen Präsidentschaftskandidatin: an Türen klopfen und von ihren politischen Zielen berichten, Telefonanrufe, Veranstaltungen organisieren.

Clinton hat keinen Frauenbonus

Dass Clinton womöglich die erste Frau im Weißen Haus sein könnte, interessiert die Erstwählerinnen aber gar nicht so sehr. "Es ist zwar wichtig, dass auch mal eine Frau Staatsoberhaupt wird", sagt Alex Hickey. "Aber man sollte nicht nur wegen des Geschlechts für einen Kandidaten stimmen." Die politischen Themen seien von größerer Bedeutung.

Großer Einfluss der Millennials

Doch die meisten Millennials - junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren - denken nicht so wie Milan, Hannah, Sydney oder Alex in Virginia, die auf jeden Fall am Dienstag zur Wahlurne gehen werden. Ihre Generation hat mittlerweile fast genauso viele Stimmen wie die der Babyboomer - der 50- bis 70-Jährigen. Doch diesen Einfluss nutzen die jungen Wähler kaum.

Geoffrey Skelley, politischer Analyst an der Universität von Virginia (DW/J. Wagner)

Geoffrey Skelley: "Junge Leute glauben nicht, dass ihre Stimme etwas bewirkt"

"Jüngere Wähler haben nicht immer das Gefühl, dass ihre Stimme zählt. Das ist natürlich falsch, aber sie fühlen so", sagt Geoffrey Skelley, politischer Analyst an der Universität von Virginia. "Und wenn du so fühlst, dann neigst du weniger dazu, wählen zu gehen."

Das Alter der Kandidaten spielt keine Rolle

Daran, dass sowohl Hillary Clinton mit ihren 69 Jahren als auch Donald Trump mit 70 Jahren relativ alt ist, liegt es wohl nicht, dass wenige junge Menschen wählen gehen wollen. Das bestätigen auch Milan und Hannah. Weder Trump noch Clinton hätten es geschafft, die jungen Wähler zu mobilisieren - im Gegensatz zu Barack Obama in den Jahren 2008 und 2012. "Ich denke, es war cool, einen richtig jungen Präsidenten zu haben", sagt Hannah. "Aber ich glaube nicht, dass die Leute nicht wählen, nur weil die Kandidaten jetzt älter sind. Die Themen betreffen immer noch junge Leute und sie bewegen uns immer noch und spalten uns. Die nächsten acht Jahre bedeuten viel für unser Leben."

Ihr liegt besonders am Herzen, dass sich der nächste Präsident mit dem Klimawandel auseinandersetzt. Für Milan ist es hingegen wichtig, dass sich der Staat möglichst wenig in das Leben der Bürger einmischt und sich dafür strikt an die Verfassung hält. Die beiden werden mit ihrer Stimme am Dienstag versuchen, ihren favorisierten Kandidaten ins Weiße Haus zu wählen.

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