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Europa

Zweites Tschernobyl verhindert

Die Reaktor-Störfälle in Schweden ziehen weite Kreise: Da die womöglich seriellen Herstellungsmängel Kraftwerke weltweit betreffen könnten, wurde die IAEA informiert. Auch deutsche Reaktoren sollen geprüft werden.

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Reaktorhalle des abgeschalteten Atomkraftwerks Forsmark

Nord- und Mitteleuropa ist vergangene Woche vermutlich nur knapp einer neuen nuklearen Katastrophe entkommen. Die Störfälle im schwedischen Atommeiler in Forsmark nördlich von Stockholm hätten ohne weiteres zu einer Kernschmelze – dem "größten anzunehmenden Unfall" (GAU) – führen können. Dies habe ein ehemaliger Direktor der schwedischen Nuklearbehörde "Statens Kärnkraftinspektion" (SKI) geäußert. Während Jan Blomstrand, amtierendes Mitglied des SKI-Gremiums für Reaktorsicherheit, die Medienberichterstattung für "übertrieben" hält, können deutsche Atomexperten die Lage nicht ernst genug einschätzen: "Das Atomkraftwerk ist durch den Störfall fast zwanzig Minuten lang im Geisterbetrieb gefahren, bis die Belegschaft den Betrieb des Kraftwerks manuell wieder in den Griff bekam", so Heinz Smital von Greenpeace Deutschland.

Kernschmelze nur knapp verhindert

Doch was war genau geschehen? Ende Juli sind in dem Atomkraftwerk in Forsmark Probleme mit der Stromversorgung aufgetreten. Fällt aufgrund einer unterbrochenen Energiezufuhr die Kühlung des Reaktorkerns ganz oder teilweise aus, beginnt dieser zu schmelzen – so geschehen vor 20 Jahren in Tschernobyl, mit den bekannten verheerenden Folgen bis zum heutigen Tag. Als in Forsmark nun also am 25. Juli während des Stromausfalls auch zwei der vier Ersatzgeneratoren nicht ansprangen, wurde das Kraftwerk aus guten Gründen vom Netz genommen – allerdings erst mit 23 Minuten Verzögerung. Sieben weitere Minuten, und die Zerstörung des Reaktors wäre nicht mehr aufzuhalten gewesen.

Tschernobyl

Unglücksreaktor in Tschernobyl nach dem GAU 1986

Nun sind am Mittwochabend zwei weitere Atomreaktoren im schwedischen Oskarshamn 200 Kilometer südlich der Hauptstadt abgeschaltet worden. Entgegen erster Medienberichte allerdings nicht aufgrund neuer Störfälle, sondern als reine Präventivmaßnahme. Ein Krisenstab der SKI prüft nun, ob die Notstromversorgung dort auf die gleiche Weise versagen könnte, wie in Forsmark. Da die Turbinen der Generatoren vom gleichen Hersteller (AEG) stammen, sei ein serienmäßiger Konstruktionsfehler nicht auszuschließen, wie SKI-Sprecher Anders Bredfell erklärte.

Weltweites Problem nicht auszuschließen

Das Problem beschränkt sich womöglich nicht nur auf schwedische Kraftwerke: Die sicherheitstechnischen Mängel könnten laut Forsmark-Sicherheitschef Ingvar Berglund gar ein "weltweites Problem" darstellen: diverse Kraftwerke unter anderem in Schweden, Finnland und Deutschland arbeiten mit ähnlichen Konstruktionen. Die Internationale Atomenergiebehörde IAEA wurde darüber in Kenntnis gesetzt.

Auch das Deutsche Umweltministerium wurde durch die Störfälle wachgerüttelt und stuft sie als "sicherheitstechnisch ernstes Ereignis" ein: "Das Bundesumweltministerium ermittelt zur Zeit den genauen Sachverhalt und wird so schnell wie möglich klären, ob die zu Grunde liegenden sicherheitstechnischen Mängel auch in deutschen Atomkraftwerken vorliegen könnten", teilte das Ministerium am Donnerstag Abend mit. Über eine sofortige technische Prüfung deutscher Notstromsysteme, wie von der grünen Bundestagsfraktion und Greenpeace gefordert, solle aber erst nach Vorliegen der Berichte entschieden werden. Diese werden erst in einigen Tagen erwartet.

Pannenserie in europäischen AKWs

Dass der "einzig sichere Umgang mit Atomkraft" ein schnellstmöglicher Ausstieg sei, wie Grünen-Chef Reinhard Bütikofer betont, wird von einer ganze Reihe weiterer größerer und kleinerer Zwischenfälle untermauert, die sich in den vergangenen Tagen und Wochen in Europa ereignet haben: Zum einen reißt die Pannenserie im umstrittenen

Bildgalerie EU-Osterweiterung II: Tschechien

Arbeiter reparieren einen defekten Generator in Temelin

tschechischen Reaktor Temelin nahe der deutschen Grenze nicht ab. Undichte Ölleitungen, schwere Störungen an Turbinen sowie mehrere tausend Liter von austretendem, leicht radioaktivem Wasser sorgten Anfang der Woche für den inzwischen 91. Störfall seit der Inbetriebnahme im Jahr 2000 – das Kraftwerk musste vom Netz genommen werden.

Auch im elsässischen AKW Fessenheim wurde einer der beiden Reaktoren Ende Juli nach einem "technischen Zwischenfall" an einer Sicherheitsschleuse abgeschaltet. Der deutsche Bund für Umwelt und Naturschutz beklagt überdies die verheerende Erwärmung des Rheins, als deren Hauptverursacher ebenfalls das südlich von Straßburg gelegene AKW gilt: Da dieses sein Kühlwasser ausschließlich aus dem Rhein beziehe und nach Gebrauch dorthin auch wieder zurückleite, steige die Wassertemperatur auf bis zu 28 Grad. Würden alle Kraftwerke am Rhein ebenso wie in Fessenheim auf Kühltürme verzichten, wäre der Fluss bereits "ökologisch tot". (lc)

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