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Afrika

Zwangsverheiratet: Kinder im Niger

Im Niger betrachten viele Eltern ihre Töchter noch immer als ihr Eigentum - Zwangsehen sind an der Tagesordnung. Manchmal braucht es drastische Maßnahmen, um zu entkommen.

Zeinabou Moussa sitzt auf einem wackeligen Plastikstuhl und zupft nervös an ihrem Kopftuch. Sie ist ein schlankes Mädchen, das immer, wenn es etwas gefragt wird, den Blick abwendet. Und trotzdem wirkt die 16-Jährige respekteinflößend, der Übersetzer wirkt sogar leicht verängstigt. Schließlich ist sie "Zeinabou, die Penis-Beißerin", wie sie viele nennen.

Als sie sich überlegte, was sie tun sollte, wenn ihr Mann sie vergewaltigen wolle, wusste sie nicht wirklich über Sex Bescheid, sagt Zeinabou. Aber die damals 15-Jährige hatte eine vage Vorstellung von der männlichen Anatomie, dank einiger Freundinnen, die in den Monaten davor verheiratet wurden. "Ich dachte mir, wenn ich richtig fest zubeiße, dann würde er mich gehen lassen."

Viermal ist Zeinabou von ihrem Ehemann weggelaufen, eine Nacht verbrachte sie in einem verlassenen Haus, ein anderes Mal floh sie bis in die Provinzhauptstadt - alles nur, um von ihren Eltern geschlagen und zu ihrem Ehemann zurückgebracht zu werden. Und als Mustafa Sanoussi - der Ehemann, den sie nie wollte - sich nach ihrem letzten erfolglosen Fluchtversuch an ihr vergehen wollte, biss sie ihn in seinen Penis. Fest. "Er ist ohnmächtig geworden." Zeinabou lächelt. Es ist ein unscheinbares, schüchternes Lächeln, das über die Angst und die Panik, die sie an dem Tag gefühlt hat, hinwegtäuscht.

So viele Kinderehen wie in kaum einem anderen Land

Zeinabou hatte ihre Eltern wieder und wieder angefleht, ihren Schulabschluss machen zu können. Aber sie seien unerbitterlich gewesen, sagt sie: Sie entschieden, dass es an der Zeit sei, Zeinabou zur zweiten Frau ihres Nachbarn zu machen.

Zeinabou ist eines der unzähligen Kinder, die im Niger Jahr für Jahr die Schule abbrechen müssen, um verheiratet zu werden. Einige von ihnen sind gerade einmal zehn oder elf Jahre alt. In kaum einem anderen Land ist die Rate der Kinderehen so hoch. Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen schätzt, dass im Niger mehr als drei Viertel der Mädchen unter 18 Jahren verheiratet sind. Kinderehen sind der Internationalen Kinderrechts-Konvention zufolge Zwangsehen - und damit verboten. Die Folgen einer Ehe im Kindesalter können verheerend sein: Die Mädchen können nicht mehr zur Schule gehen und werden um die Chance gebracht, Armut und Analphabetismus zu entkommen. Sie leiden unter vielen körperlichen und geistigen Gesundheitsproblemen, zum Beispiel Komplikationen nach schmerzhaften Geburten, für die die jungen Körper noch nicht bereit sind.

Zeinabou Moussa Foto: Naomi Conrad

Zeinabou Moussa: "Ich dachte mir, wenn ich richtig fest zubeiße, dann würde er mich gehen lassen."

In den urbanen Regionen des Niger sei es besser geworden, sagt Dodo Ouma Abani. Sie leitet das lokale Büro der Organisation "SOS Frauen und Kinder, die Opfer familiärer Gewalt sind". Die kleine Menschenrechtsorganisation finanziert mit internationalen Hilfsgeldern ein Frauenhaus in Nigers Hauptstadt Niamey und Programme für Familien in den Provinzen. In den Dörfern lebe die Praxis der Zwangsehen fort, so Abani. Grund dafür seien die traditionellen Ansichten, die in vielen armen Gemeinden vorherrschten: Die Ehre einer Frau zu bewahren, sei wichtiger als Bildung. Abani seufzt.

Abanis kleines Büro liegt an einer belebten Straße im Zentrum von Zinder, eine Provinzhauptstadt im Süden Nigers. Knatternde Motorräder überholen Ochsenkarren voll mit Kindern oder Wassermelonen, zurück bleiben Wolken aus Staub und Dreck. Männer in engen Jeans und Sonnenbrillen zersägen ein großes Stück Fleisch, etwas weiter die Straße herunter steht ein handgemaltes Schild vor einer Schule. Ein unglückliches kleines Mädchen ist darauf zu sehen, überschattet von einem finster dreinblickenden Mann. "Keine Kinderehe!", steht darunter.

"Kinder werden als Eigentum betrachtet"

Abani und ihre Kollegen wollen mit ihrer Arbeit ein Bewusstsein bei der Bevölkerung schaffen und Eltern davon überzeugen, dass ihre Kinder ein Recht auf Kindheit und auf Bildung haben. Sie unterstützen Mädchen und Frauen dabei, eine Scheidung einzureichen, begleiten sie zu lokalen Richtern und traditionellen Machthabern. In diesem Jahr konnte Abani dabei helfen, drei Zwangsehen zu annullieren. Die lokalen Richter und traditionellen Führer würden sie in den meisten Fällen unterstützen, sagt Abani. Ihr Kollege, Maman Salissou Zakari, fügt hinzu, dass sich vor allem in ländlichen Gebieten viele Frauen nicht trauen würden, vor Gericht zu ziehen und gegen die konservativen kulturellen Praktiken ihre Stimme zu erheben. Er schüttelt den Kopf: "In diesen Gebieten betrachten die Menschen ihre Kinder immer noch als ihr Eigentum, das sie einfach weggeben können - wann und an wen sie wollen."

junge Mädchen in einer Mädchenschule im Südniger Foto: Naomi Conrad

Mädchen, die verheiratet werden, können meistens nicht weiter zur Schule gehen.

In urbanen Regionen sei das anders, fügt Zakari hinzu: Die Menschen fingen an, zu verstehen, dass ihre Kinder das Recht hätten, selbst über ihren Ehepartner zu entscheiden. Ein universelles Recht, verankert in internationalem Recht - und dennoch etwas, wofür Zeinabou Moussa so verzweifelt kämpfen musste. Nachdem sie ihren Mann gebissen hatte und er ohnmächtig wurde, flüchtet sich Zeinabou ein weiteres Mal zu ihren Eltern. Und wieder schlugen sie sie, weil sie ihrem Mann nicht gehorcht hatte.

Erst der Abschluss, dann die Ehe

Am nächsten Morgen sei ihr Mann zum Haus ihrer Eltern gekommen und hatte sie alle zum traditionellen Führer geschleppt, um sich zu beschweren. Als er dem Richter erzählte, was Zeinabou getan hatte, fingen alle an zu lachen - selbst ihre Eltern, erzählt Zeinabou, und ihr Lächeln verwandelt sich beinahe in ein Grinsen. Zu ihrer Erleichterung reichte Mustafa die Scheidung ein. Da wusste Zeinabou, dass es vorbei war. "Ich hatte keine Angst mehr."

Widerwillig ließen ihre Eltern zu, dass sie nun ihren Schulabschluss machen darf, bevor sie sich nach einem neuen Ehemann umsehen. In vier Jahren wird Zeinabou ihren Abschluss machen - und vielleicht, aber nur vielleicht, erlauben ihre Eltern ihr dann, dass sie sich ihren Partner selbst aussucht. "Ich möchte jemanden heiraten, der mich respektiert und mich anständig behandelt", sagt sie. Als sie ihren Freundinnen erzählte, was sie getan hatte, seien sie sehr beeindruckt gewesen. "Sie dachten, ich sei sehr mutig gewesen." Zeinabou zuckt mit den Achseln: Vielleicht war sie mutig, aber vor allem war sie verzweifelt.

Die Reise der Autorin wurde vom Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen bezahlt.

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