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Afrika

Verkauft und schikaniert: Sklaven im Niger

20 Jahre lang musste Tamazrat Ousame für ihren Herren putzen, kochen und seine Kinder gebären. Dann gelang der Sklavin die Flucht. Hunderttausende andere sind noch immer versklavt im Niger.

Maradi, im Süd-Niger: Die Soldaten, die die ausländischen Journalisten beschützen sollen, dösen auf Plastikstühlen im Schatten vor dem Hotel. Neben der Eingangstreppe schlurft ein alter Mann um seinen wackeligen Holztisch und arrangiert sorgfältig seine Ware: bunter Perlenschmuck, Bronzegiraffen und ausgeblichene Sticktäschchen. Daneben liegt eine dicke, verrostete Metallkette. Die, sagt der Mann und verzieht seinen Mund zu einem zahnlosen Grinsen, sei ein Halsband für Sklaven. Er wiegt die schwere Kette in seinen Händen. "Also, früher", fügt er dann hinzu. Heute gebe es natürlich keine Sklaven mehr im Niger, sagt er bestimmt. Ob ich die Kette kaufen wolle? Sie sei heute im Sonderangebot. Ob es wirklich keine Sklaven mehr im Niger gebe, frage ich zurück. Nein, der Mann schüttelt den Kopf und dreht sich weg. Die Nachfrage gefällt ihm nicht - das Gespräch ist für ihn beendet.

Knapp 700 Kilometer entfernt, in der Hauptstadt Niamey, sitzt Tamazrat Ousame im Schatten einer winzigen Hütte aus Stroh und dicken Gummireifen. Auf der Straße spielen junge Männer mit einem Fußball, um ihre nackten Füße wirbeln Staubwolken und vereinzelte Plastiktüten. Zwei Frauen überqueren die Straße, tasten sich vorsichtig an den Müllbergen vorbei. Seit fast zehn Jahren lebt Ousame hier in der Hauptstadt des Landes. Davor war, wie sie sagt, die schlimme Zeit - die Zeit, in der sie niemand Tamazrat Ousame nannte, sondern einfach nur "Sklavin". Wenn sie von damals erzählt, senkt sie den Blick und knetet ununterbrochen den Stoff ihres braunen Schleiers in ihren schmalen Händen. "Es gab keinerlei Herzlichkeit", sagt die zierliche Frau. "Nie."

Tamazrat Ousmanen (Foto: Naomi Conrad/DW)

Ousame: 20 Jahre lang eine Sklavin

Entgegen der Beteuerungen des Souvenir-Verkäufers gibt es sehr wohl noch tausende Menschen im Niger, die als Sklaven gehalten werden: Frauen, die als Haushaltshilfen ausgebeutet und von ihren Eigentümern vergewaltigt werden. Männer, die unentgeltlich auf den Feldern ihrer Herren schuften müssen. Ihre Kinder gehören ihnen nicht: Sie sind automatisch Eigentum ihrer Herren, die sie weiterverkaufen können, wenn ihnen der Sinn danach steht. Ousame stammt, das betont sie immer wieder, aus einer freien Familie: Sie war vier, höchstens fünf, so genau weiß sie das nicht, als sie zum Eigentum einer hochrangigen Nomadenfamilie wurde. Ihre Mutter hatte eine kurze Zeit lang für die Familie gearbeitet. Als die Nomaden weiterzogen, nahmen sie die kleine Ousmane einfach mit. Sie habe nicht sofort gemerkt, dass sie versklavt worden war, sagt sie. Erst als die Nachbarn auf sie zeigten und sagten "Das ist die neue Sklavin von Abdul-Alahi", da habe sie gewusst, dass ihr Leben vorbei war.

"Der politische Wille ist heute da"

Die heute Ende 30-Jährige wurde damit über Nacht zu einer von mehreren hunderttausend Sklaven im Niger. Wie viele Menschen genau als Haussklaven gehalten werden - oder unentgeltlich die Felder ihrer Herren bearbeiten, ist nicht bekannt. Vielleicht sind es 800.000, vielleicht auch weniger - Almansour Galissoune zuckt die Schultern, so genau wisse das keiner. Sein geräumiges Wohnzimmer ist nur ein paar Straßen von Ousames Verschlag entfernt. Eine Klimaanlage kühlt den Raum, auf dem Boden spielt seine Tochter. Zusammen mit anderen Freiwilligen der Menschenrechtsorganisation Timidria, was in der Sprache der Tuareg soviel wie Solidarität bedeutet, hilft Galissoune Menschen, die aus der Sklaverei flüchten. Er vermittelt Notunterkünfte und Lehrer, die ihnen Lesen und Schreiben beibringen. Seit ein paar Jahren stehen die Freiwilligen auch ehemaligen Sklaven bei, die ihre Herren verklagen wollen: 2003 hat der Niger ein Gesetz verabschiedet, das die Sklaverei kriminalisiert: Wer Menschen verkauft oder hält, kann mit bis zu 30 Jahren Gefängnis bestraft werden. Noch vor ein paar Jahren habe die Regierung das Problem der Sklaverei totgeschwiegen, Kollegen von Galissoune wurden verhaftet. Heute aber arbeiten die Mitglieder von Timidria mit dem Innenministerium und anderen Stellen zusammen. "Der politische Wille ist heute endlich da", betont Galissoune.

Südniger junges Mädchen mit ihrer Mutter (Foto: Naomi Conrad/DW)

Die Kinder von Sklavinnen gelten als Eigentum ihrer Herren

Trotzdem sei die gelebte Sklaverei immer noch ein fester Bestandteil der Kultur des Nigers, sagt er. "Das feudale Denken besteht einfach weiter." Er zuckt die Schultern. Der Hauptgrund sei die Armut im Niger, einem der ärmsten Länder der Welt. Seine Organisation führt Sensibilisierungskampagnen in abgelegenen Dörfern durch, doch oft kehrten befreite Sklaven irgendwann zu ihren ehemaligen Herren zurück, gibt er zu. Der Grund: Sie hätten einfach keine Lebensgrundlage. Galissoune seufzt: Hilfsorganisationen, auch seine, müssten mehr tun, um ihnen eine Perspektive zu geben. "Aber wir haben einfach nicht die finanziellen Mittel."

Narben der Zeit als Sklavin

Galissoune glaubt, dass es noch Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte brauchen wird, bis im Niger keine kleinen Mädchen wie Tamazrat Ousame ihren Eltern entrissen werden.

Vor der Hütte zeigt Ousame auf ihre nackten Füße, in die sich tiefe Risse gefressen haben. Es sind die Narben ihrer Zeit als Sklavin, als sie jeden Tag, von morgens bis abends, arbeiten musste: weit laufen, um Wasser zu holen oder Essen machen. Wenn die Familie des Herren, wie sie ihn nennt, weiter durch die Wüste zog, habe sie das Zelt, in dem sie als Sklavin nicht schlafen durfte, abbauen müssen, nur um es abends wieder aufzubauen. Nur manchmal, wenn es regnete, hätte sie in einer Ecke im Zelt schlafen dürfen, sonst musste Ousame mit ihren Kindern draußen schlafen. Vor dem Schlafengehen, sagt sie, habe sie ihrer ältesten Tochter oft zugeflüstert: "Du bist keine Sklavin. Du bist frei." Eines Tages, habe sie ihr versprochen, würden sie freikommen.

Dann, endlich, habe sie eine Patrouille am Horizont gesehen. Sie rannte los, durch die Wüste, stundenlang - bis sie die Soldaten einholte. Zusammen kehrten sie zurück zu ihrem Herren. Als der die Soldaten sah, habe er aufgegeben. Im Auto, gedrängt mit ihren drei Kindern auf der Rückbank, da endlich wusste sie: "Es ist vorbei."

Südniger Dorf (Foto: Naomi Conrad/DW)

Perspektivlosigkeit ist das größte Hindernis: ein Dorf im Süd-Niger

Die Soldaten brachten sie nach Niamey, wo sie eine Schneiderlehre machte, die ihr eine Hilfsorganisation finanzierte. Sie heiratete, nach wenigen Jahren starb ihr Mann. Heute hangelt sie sich von einem Tag zum nächsten. Sie schüttelt den Kopf: "Gucken Sie mich doch an, ich habe gar nichts." Ousame breitet ihre dünnen Arme aus und deutet auf die winzige Hütte, den Staub und ihr ausgeblichenes Kleid. Wenn man sie nicht gestohlen hätte, glaubt Ousame, ihr ihre Freiheit und ihren Namen genommen hätte, wäre ihr Leben sicherlich anders verlaufen. Wie, weiß sie nicht. Nur so viel: "Es wäre besser als dieses."

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