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Kultur

Zum Tod von Walter Jens

Romancier und Dramatiker, Bibel-Übersetzer und streitbarer Publizist - der Altphilologe Walter Jens war ein Mann mit vielen Gesichtern. Zuletzt litt er an einer schweren Demenz-Erkrankung.

Walter Jens wurde 1923 in Hamburg als Sohn eines Bankdirektors geboren. Als Professor für Allgemeine Rhetorik in Tübingen hielt er Vorlesungen über antike Autoren des klassischen Altertums und moderne avantgardistische Literatur. Zugleich fand er Zeit, sich in sozialdemokratischen Wählerinitiativen für Willy Brandt zu engagieren oder als Pazifist in Mutlangen gegen amerikanische Atomraketen zu demonstrieren. Doch wie verstand er sich selbst? "Ich bin ein ‘homme de lettres’, ein kritischer Warner, gehöre keiner Partei an, sympathisiere selbstverständlich eher mit der Linken als der Rechten, war nie Marxist, habe mich immer als einen bürgerlichen Demokraten verstanden."

Er liebte den Fußball

Dabei war Walter Jens kein abgehobener Intellektueller: Der Fußball-Enthusiast war sich nicht zu schade, zu sportpolitischen Fragen Stellung zu nehmen. Als einer der ersten Kulturkritiker begann er unter dem Pseudonym "Momos", das damals noch belächelte Medium Fernsehen und dessen Programm zu kritisieren und dabei jene ästhetischen und intellektuellen Maßstäbe einzufordern, die er an die traditionelle Literatur zu legen gewohnt war.

Video ansehen 01:17

Walter Jens stirbt mit 90 Jahren

Dass er selbst seinen hohen Ansprüchen zu genügen bereit war, hatte er mit seinen Romanen "Nein. Die Welt der Angeklagten", mit "Der Blinde", "Vergessene Gesichter" oder "Der Mann, der nicht alt werden wollte" bewiesen. Zugleich verfasste er Dramen und Fernsehspiele oder fiktive Dialoge verstorbener Partner wie Sophokles und Brecht oder Lessing und Heine über Fragen der Literatur.

Literatur für alle

Als Autor konnte und wollte Walter Jens sein immenses Wissen nicht verleugnen. Allerdings gelang ihm das Kunststück, auch die kompliziertesten ästhetischen und literarischen Fragen auf eine Weise zu formulieren und zu diskutieren, dass außer den Studenten auch "ganz normale" Bürger in seine Vorlesungen kamen. Walter Jens erklärte, warum: "Es reizt mich so, weite Zusammenhänge in ganz knappen und präzisen Formeln gerinnen zu lassen - es war immer mein Ideal, keine Wein-Wasser-Literatur, auch keine Wein-Literatur, sondern eine Branntweinliteratur zu schreiben. Darauf verstehe ich mich, aber ich muss das, da haben sie vollkommen Recht, kritisch reflektieren."

Geschliffenheit ohne Arroganz

Audio anhören 19:43

Interview mit Walter Jens aus dem Jahre 1998

Nicht intellektuelle Arroganz war es, die ihn geschliffen formulieren und treffsicher argumentieren ließ. Walter Jens war überzeugt davon, dass schwierige politische oder kulturelle Fragen nur dann angemessen diskutiert werden konnten, wenn man die Streitkultur auf dem höchsten erreichbaren Niveau pflegte. Nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, um populistischer Effekte willen seine Sprache und Argumentation auf den Horizont der Stammtische zu reduzieren. Walter Jens verstand sich stattdessen als Aufklärer und Humanist in der Tradition Gotthold Ephraim Lessings - eine Tradition, ohne die eine moderne Demokratie wie die der Bundesrepublik verkümmern würde. Im Jahre 2003 fiel dann ein Schatten auf seine Vita. Es wurde bekannt, dass Walter Jens in jungen Jahren Mitglied der NSDAP war. Nach eigener Aussage konnte sich Jens daran allerdings nicht mehr erinnern.

Drama des Vergessens

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte der einst scharfsinnige Denker im Zwielicht. Walter Jens litt an progredierender Demenz. In einem erschütternden Interview im Magazin "Stern" beschrieb seine Frau Inge Jens 2008, wie ihr Mann ihr entglitt: "Er spürte, sein Geist verlässt ihn. Er war von Anfang an verzweifelt. Dann überkam ihn große Traurigkeit." Walter Jens erkannte sich selbst nicht, wusste nicht mehr, wie man Bücher liest, oder wer seine Frau ist. Am Ende wünschte sie ihm einen schnellen, einen sanften Tod. Nun hat Walter Jens seine letzte Ruhe gefunden. Er wurde 90 Jahre alt.

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